BÜCHERBÖRSE

Es war einmal das N-Wort

Es war einmal das N-Wort FOTO: B.STOLZE / PIXELIO.DE

Ein Kommentar. Am 04. Jänner wurde bekannt, dass Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker "Die kleine Hexe" ab sofort ohne diskriminierende Begriffe wie das N-Wort auskommt. Tage später griffen die deutschen Medien das Thema auf und brachten eine Diskussion ins Rollen über Kulturverlust und politische Zensur, welche das Umschreiben von alten Kinderbüchern angeblich mit sich bringt. Wie einzelne Gemüter erhitzten und das Wort „Reflexion“ immer mehr an Bedeutung bekommt, wird dieser Kommentar zeigen.

Laut der Saarbrücker-Zeitung meinte der deutsche kulturpolitische Sprecher der CDU Jens Börnsen, dass Nachbesserungen bei Kinderbüchern trotz Diskriminierung von Minderheiten oder Gewaltverherrlichung nicht angebracht seien. Eine weitere starke Meinung zu diesem Thema wird von der beliebten Autorin Christine Nöstlinger, aber auch von FDP-Experte Burkhardt-Müller-Sönksen vertreten, dass statt der Umschreibung von Büchern, pädagogische Gespräche mit Kindern über die verwendeten Wörter geführt werden sollten. Nöstlinger meint dazu, dass die Beifügung von Fußnoten zu den betreffenden Wörtern helfen sollen, diese besser zu erklären. Nun ist die Diskussion, die bislang eher im Nachbarsland Deutschland verlief, auch zu uns nach Österreich übergeschwappt und auch hier wird darüber sinniert, ob die Umschreibungen nicht mit Zensur gleichzusetzen sind. Interessanterweise haben sich noch keine österreichischen Politiker dazu geäußert. Der Vorwurf der Zensur ist mit äußerster Vorsicht zu kommentieren. Die deutsch-österreichische Nazi-Vergangenheit mit Zensur, Bücherverbrennung und Propaganda schwebt wie ein unsichtbares Beil über unseren Köpfen. Es hinterlässt all jenen einen bitteren Geschmack im Mund, die eigentlich für eine gute Sache kämpfen, nämlich der Übertragung des festgesetzten Rassismus' in unserer Sprache in die nachfolgenden Generationen Einhalt zu gebieten.

Der Fokus der Meinungen konzentriert sich leider auf die Methode, aber der eigentliche Kernpunkt bleibt irgendwie kaum berührt. So sollte zu Bedenken gegeben werden, dass die Leute, die das „N-Wort“ betrifft bzw. betreffen soll, gar nicht gefragt werden. Ein kleines 9,5 jähriges Mädchen, aber, meldete sich mit ihrem offenen Brief an die Zeitung „Die Zeit“ zur Wort: „Ich finde es total scheiße, dass das Wort in Kinderbüchern bleiben soll.“ Wie sie schreibt ist sie „milchkaffee-braun“ und stellt fest, dass das N-Wort ihre Gefühle verletzt, und das N-Wort nicht Ihren Vater, sie, oder Afrikaner generell bezeichnet. (Standard, 22.1.2013). Es sollte daher nicht aus den Augen verloren gehen, dass die Verwendung dieser Wörter Menschen diskriminiert und ihre Gefühle verletzen. Weiters soll nicht ausgeblendet werden, dass das Übertragen dieser Wörter an unzählige Generationen, auch zum fortwährenden Rassismus aufgrund dieser Differenzierung in „Neger“ und andere, beiträgt. Zu der von Nöstlinger & Co. angepriesenen Medienkompetenz muss zu Bedenken gegeben werden, dass Kinder clevere kleine Menschen sind. Angenommen es besteht diese Situation, in der Kinder ein Buch lesen, welches Afrikaner als Neger bezeichnet und die Eltern dem Kind sagen, dass das Wort damals verwendet worden ist, aber heute nicht mehr verwendet wird, bzw. das Kind auch gar nicht verwenden soll, würde das Kind sich und seine Eltern nicht fragen „Warum steht das Wort dann da drinnen, wenn es vergangen ist und ich es nicht verwenden soll, wenn es für den Inhalt nicht weiter tragend ist?“.

Und weiter, wenn es tatsächlich tragend für die Geschichte ist, muss doch auch mal reflektiert werden, ob es dann wirklich auch für Kinder tauglich ist. Und wenn es eigentlich nicht für Kinder ideal ist, muss gefragt werden, was damit passieren soll. Das führt natürlich nicht zur Bücherverbrennung, sondern dazu, sicherzustellen, dass diese Bücher als bewusstes Diskussions/Lern/Bildungsmaterial in der Schule verwendet und durchgesprochen werden, um wirklich sicherzustellen, dass die Kinder den Kontext & die Hintergründe verstehen und sich damit auseinandersetzen können und Fragen dazustellen können, die eben von Schulpädagogen ausführlich behandelt werden können. Weiters sollte , über die Funktion von Büchern für Kinder reflektiert werden. Sollen Bücher die Kinder beschäftigen, damit die Eltern eine Verschnaufpause bekommen, oder sollen Bücher die Kinder unterhalten? Grundsätzliche Funktion sollte sein, dass Kinder ihre Fähigkeiten zu Lesen, ihre Vorstellungskraft, Inhalte zu verstehen, etc. verbessern.

Wenn man sich den Vorschlag von Nöstlinger & Co. Weiter überlegt, dass Eltern mit ihren Kindern über die betreffenden Wörter bzw. Bücher reden sollen, sollte man auch überlegen, in welcher Zeit und in welcher Gesellschaft wir gerade leben. Ist es wirklich realistisch, dass Eltern sich die Zeit nehmen wollen oder vermutlich eher können, um mit den Kindern jedes einzelne Buch durchzusprechen, oder ist es eher realistisch, dass Kindern auch wegen der Funktion der stillen Beschäftigung ein Buch gerne geschenkt wird. Es soll kein Vorwurf gegenüber von beschäftigten oder gestressten Eltern sein, aber es soll auch darüber reflektiert werden, wie machbar und möglich diese Überlegungen erscheinen.

Auch eine Meinung gibt es dazu, dass die Umschreibung der Original-Kinderbücher zu einem Verlust des Kulturguts führt. Was hier jedoch auch deutlich herausgestrichen werden soll, ist die Überlegung anzustellen, warum die fortführende Diskriminierung und die Verwendung des Wortes „Neger“ als Kulturgut bezeichnet werden darf, und warum dieses rassistische Kulturgut, oder besser gesagt Gedankengut, an unsere Kinder weiter vererbt werden soll.

Im Grunde genommen, muss und soll diese Thematik aus allen Winkeln betrachtet, reflektiert und überlegt werden. Es ist einerseits gut, dass diese Diskussion entfacht wurde, um generell unsere Gesellschaft, ihre Vergangenheit, Zukunft und ihre Mängel zu betrachten, andererseits auch wieder schlecht, da es fraglich ist, warum es überhaupt diese Diskussion geben muss. 

Isolde Walcher

Isolde Walcher | Redakteurin

isolde.walcher (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook