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Vampire Weekend - Modern Vampires of the City

Vampire Weekend - Modern Vampires of the City XL Records
Vampire Weekend - Modern Vampires of the City

Mit ihrem dritten Langspieler "Modern Vampires of the City" haben die New Yorker Indie-Pop/Rocker Vampire Weekend eines der wohl meist erwarteten Alben des Jahres veröffentlicht. Das Resultat könnte Fans des mittlerweile fünf Jahre zurückliegenden Debüt-Albums noch stärker entfremden als der Vorgänger, dürfte von allen anderen aber äußerst herzlich aufgenommen werden.

Von der Buzz-Band zur Pop-Band

Nicht selten wird Vampire Weekends neuestes Album in den vergangenen Tagen im Hinblick auf die Entwicklung der Gruppe analysiert, die 2008 ihr Debüt präsentierte und gemeinhin als Buzz Band abgestempelt wurde, deren plötzlicher Ruhm ein jähes Ende haben würde. Zu sehr war man im Internet-Zeitalter von Formationen wie den Arctic Monkeys oder schon davor den Strokes enttäuscht worden, deren neue Alben bis heute am Erstlingswerk gemessen werden. Die Sorgen schienen auch durchaus berechtigt, waren die frech-verspielten Stücke auf "Vampire Weekend" mit ihrer Einbindung von afrikanischen Einflüssen  und den versnobbten Lyrics ja insgesamt doch recht flache Pop-Nummern, die eher fürs erste als fürs zweite Mal Hören bestimmt waren. Freilich konnte man sich an den fröhlichen Songs wie 'Oxford Comma' oder 'Cape Cod Kwassa Kwassa' einen Sommer lang erfreuen, doch danach musste man sich selbst als Fan ehrlich fragen: "Braucht die Welt ein zweites Vampire Weekend Album?"

Der Sound schrie nur so nach Verbesserung, aber auch nach Abwechslung, dass "Modern Vampires of the City", nach dem logischen Zwischenschritt "Contra", die eigentliche Antwort auf diese Frage ist. Aus den einst durchaus schlampigen Vampire Weekend wurde eine Pop-Band, deren größte Stärke die Präzision ist. Schon auf dem Opener 'Obvious Bicycle' wird dies offensichtlich, wenn kein Instrument zu früh kommt oder zu lange bleibt. Die Percussions bilden die Grundlage, in die sich langsam ein Klavier ermischt und damit auch das Schlagzeug und die Stimme von Ezra Koenig zu etwas mehr Leben ermutigt. Ein sanfter Chor untermalt den Refrain, ehe der Song mehrere Male nicht unangenehm, aber doch radikal in eine andere Instrumentierung ausweicht. Sounds werden punktgenau weggeschalten, andere kommen bzw. kommen zurück. Mag diese Präzision hier noch etwas einschränkend wirken, beweist sie schon beim beschwingten 'Unbelievers', das sie auch eine flottere Nummer tragen kann und selbst "wilde" Songs wie die Single 'Diane Young' scheinen nichts dem Zufall zu überlassen.

Koenig zeigt sich vielseitig

Richtig minimalistisch wird es ohnehin nur auf 'Hannah Hunt', einem der Highlights des Albums. Nur von einer äußerst zurückhaltenden Geräuschkulisse und einem manchmal sanft Leben einhauchendem Klavier begleitet, beschreibt Koenig recht poetisch, aber zugleich lethargisch vorgetragen, seine großartige Beziehung zu der titelgebenden Hannah. Erst die letzte Strophe ("If I can't trust you, then damn it, Hannah") bringt Probleme in die heile, romantische Welt. Plötzlich bricht das Schlagzeug energisch durch, begleitet vom scheinbar über-fröhlichen Klavier und Koenig wiederholt die letzten beiden Zeilen, diesmal aber mit Wut, Nachdruck und Verzweiflung. Es ist der größte moralische Bogen, den der Sänger innerhalb eines Songs auf dem Album spannt, aber zugleich ist es nur repräsentativ für die Vielseitigkeit, die er auf "Modern Vampires of the City" eindrucksvoll beweist. Stücke wie den energischen Rocker 'Diane Young' trägt er ebenso souverän vor wie das romantische 'Everlasting Arms' oder die verträumte Single 'Ya Hey'. 

Wer sich die Zusammenstellung des Albums genauer ansieht, wird feststellen, dass Vampire Weekend die Entwicklung zur Pop-Band nahezu abgeschlossen hat, was Fans des Debüt-Albums - recht unabhängig von der Qualität des neuen Langspielers - enttäuscht zurücklassen wird. Von einer plötzlichen Austauschbarkeit der Band zu sprechen, wäre allerdings falsch. 'Finger Back' erinnert ein wenig an frühe Stücke der Band, fühlt sich aber nicht deswegen so fehl am Platze an, weil Vampire Weekend ihre Identität verloren haben, sondern weil sie eine neu für sich entdeckt haben.

Zweite Hälfte bröckelt, Singles als Höhepunkte

Im Großen und Ganzen macht "Modern Vampires of the City" also sehr viel richtig und hat nur zwei echte Enttäuschungen parat. Zum Einen ist das die Inkonsistenz der zweiten Hälfte des Albums, die mit der wunderschönen Ballade 'Everlasting Arms' zwar stark beginnt, mit 'Finger Back' und auch dem gewöhnungsbedürftigen 'Worship You' aber etwas den Faden verliert. Mit dem dramatisch-düsteren Stück 'Hudson' erweitert die Band zweifelsohne ihre Grenzen und hat etwa mit dem bedrohlich lauten Ticken einer Uhr oder dem plötzlichen Echo auf Koenigs Stimme durchaus interessante Ideen. Während man nur hoffen kann, dass diese Richtung weiter verfolgt wird, ist 'Hudson' selbst ein wenig zu zerstückelt, um sein Potenzial vollständig abzurufen. Der Closing Track 'Young Lion' dauert nicht einmal zwei Minuten und fungiert zwar als passender, angenehmer Abschluss, ist für sich stehend aber auch nur bedingt interessant. 

Somit bleibt es im Prinzip an der Single 'Ya Hey' hängen, die in der Mitte dieser zweiten Album-Hälfte liegt, die Aufmerksamkeit des Hörers hoch zu halten. Es ist ein großartiger Song, der beweist, dass Vampire Weekend - aller Präzision zum Trotz - immer noch abenteuerliche Lieder schreiben und auch entsprechend vertonen kann. 'Ya Hey' ist verspielt, romantisch, traurig und hat einen so wunderbar nostalgischen Unterton, dass man fast schon denken könnte, es sei dafür geschrieben worden, dass man sich in ein paar Jahren mit Tränen in den Augen an die schöne Zeit erinnern kann, als man den ganzen Sommer "Modern Vampires of the City" hörte. So großartig der Song ist, bleibt mit ein bisschen Wehmut festzuhalten, dass die Singles doch deutlich zu den Highlights des Albums zählen. Neben 'Ya Hey', dem zugleich längsten Stück der LP, ist 'Step' nämlich das zweite Lied, auf dem man immer wieder Details entdeckt und das mit mehrmaligem Hören am meisten dazu gewinnt. Und auch 'Diane Young' zählt zweifelsohne zu den fünf, sechs besten Songs des Albums, ist unter den Energieriegeln der stärkste, weil entschlossenste.

Album des Jahres? Jein

Unterm Strich ist ein hervorragendes Album herausgekommen, das zwar seine klar erkennbaren Höhepunkte hat, aber dennoch ohne Weiteres in einem Stück durchzuhören ist. Mit all den Hintergründen bezüglich Bekanntheit, Buzz-Band und Entwicklung wird es zumindest im medialen Kontext zum Stellenwert als Album des Jahres reichen. Inhaltlich aber wird man "nur" ganz vorne mit dabei sein, anstatt einsam an der Spitze. 

http://www.youtube.com/watch?v=i-BznQE6B8U

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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