BÜCHERBÖRSE

Baths - Obsidian

Baths, Will Wiesenfeld (c) Young Replicant
Baths, Will Wiesenfeld

Unter seinem Pseudonym Baths hat der amerikanische Elektro-Musiker Will Wiesenfeld sein, je nach Betrachtung, zweites oder drittes Studio-Album vorgelegt. War das Debüt vor drei Jahren noch geprägt von beatslastigen Sommer-Dance-Tracks, so geht Baths mit "Obsidian" nun endgültig unter die Singer-Songwriter. Das Ergebnis ist nicht schlecht, könnte aber besser sein.

Knister-Knaster-Knusper-Beats

Sommerliche Rhythmen, unheimlich detaillierte Beats und einige interessante Wendungen prägten die Songs von "Cerulean", jenem Album das 2010 die Karriere von Will Wiesenfeld alias Baths ins Rollen brachte. Die Reaktion auf das Debüt lag irgendwo zwischen sehr positiv und Hype und war damit die ideale Grundvoraussetzung für eine glorreiche Indie-Karriere. Nachdem Baths während der Tour 2011 mit "Pop Music/False B-Sides" eine Art Collection von bis dorthin unveröffentlichtem Material herausbrachte, darf "Obsidian" nun als der richtige Nachfolger angesehen werden.

Beim ersten Reinhören kann gleich einmal festgestellt werden, was für das ganze Album gilt: Die Produktion ist neuerlich sehr detailliert und auch sehr gelungen. Schon der ein wenig an Radiohead's '15 Step' erinnernde Beat vom Opener 'Worsening' knistert und knackt gewaltig, darunter wird noch ein Klavier gelegt, das nach Verschwinden der Elektronik den Rhythmus angibt. Ganz dem Albumcover entsprechend finden sich auch unter den neun folgenden Stücken fast ausschließlich düstere Songs wieder, keiner davon bedrohlicher als das fast schon böse scheppernde 'Earth Death'. Das Highlight von Produktionsseite ist womöglich 'Ossuary', auf dem der Beat von einem dumpfen Bass untertrieben ist, die Hintergrund-Atmosphäre und wiederhallende Stimmen perfekt eingespannt sind. In dieses Gefüge fügen sich Wiesenfelds Vocals so stimmig ein wie nur selten sonst auf "Obsidian".

Oh, das ist ja Pop. Aber diese Stimme...

Womit wir auch bereits dort angelangt wären, wo sich die Geister an diesem Album scheiden werden: Die Stimme von Will Wiesenfeld. Auf "Cerulean" war diese noch als Instrument in einem Dance-Gefüge genützt worden, doch nun hat sich die Musik von Baths entscheidend geändert. "Obsidian" ist einfach und simpel ein Pop-Album und die Stimme ist in weiterer Folge ein zentrales, frontal gemischtes Element der Songs. Genau da hapert es allerdings, da das zumeist verwendete Falsett von Wiesenfeld nicht nur gewöhnungsbedürftig, ja im ersten Moment fast schon schrill ist, sondern auch nach mehrmaligem Hören nie oder zumindest nur sehr selten über den Status der Erträglichkeit hinauskommt. Fans des Albums haben die Stimme als verletzlich bzw. verletzt beschrieben, doch wenn der Funke nicht zu hundert Prozent überspringt, klingt es doch mehr nach Raunzen.

Ein totales Überspringen des Funkens scheitert leider auch an zwei anderen elementaren Teilen, nämlich den Texten und dem Songwriting. Letzteres ist stellenweise durchaus gewagt, wie etwa beim Track 'No Past Lives', wo ein Klavier-Stück immer wieder in den aufkommenden Beat hineinpfuscht oder aber auch beim erwähnten 'Worsening', das sich nie so recht entscheidet, was es eigentlich möchte. Diese Experimente gehen allerdings zu selten auf, weswegen es die vergleichsweise unoriginellen Stücke, beispielsweise die Single 'Miasma Sky' oder auch 'Phaedra' sind, die im Gedächtnis bleiben, da sie auf klassische Songstrukturen zurückgreifen. Die Texte von "Obsidian" beginnen bei recht vage erklärten Todeswünschen, untermalt durch zum Augenrollen anregende Zeilen wie "Where is God when you hate him the most". Ansonsten gehts viel um Liebe, bevorzugt auch um Sex, etwa um den allerersten ('Incompatible') oder auch um den, den man grad ganz dringend braucht ('No Eyes'). Manches davon ist ganz poetisch und nichts ist wirklich grauenhaft, aber als Argument dafür, die ganze Musik textlastiger auszurichten, reicht es bei weitem nicht.

Ein paar Highlights, sonst eher Kopfhörer-Musik

Baths - ObsidianTrotzdem ist Baths kein schlechtes Album gelungen, da sich die Details gerade auf Kopfhörern wirklich genießen lassen und auch das ein oder andere Highlight vorhanden ist. 'Ossuary' funktioniert ganz gut, weil Wiesenfeld weitestgehend auf das Falsett verzichtet und dann noch ganz okay klingt. Außerdem ist die Produktion auf diesem Song wirklich fantastisch, was gerade ziemlich zu Beginn des Albums für Stimmung sorgt. Das beste Lied aber kommt bereits unmittelbar davor mit 'Ironworks' daher - einer Ballade, bei der Wiesenthal sich ganz sanft in Klavier und Geige hineinlegt und damit zumindest einmal in den knapp 45 Minuten auch als Vokalist wirklich Freude macht. Dazu schleift und knistert der Beat, der sich in Sachen Tempo wie ein Chamäleon anpasst und dafür sorgt, dass die Elemente herrlich ineinander spielen.

Summo summarum ist "Obsidian" für Baths ein erstes Pop-Experiment, das nicht zu hundert Prozent aufgeht. Trotz gewöhnungsbedürftiger Stimme und nicht immer befriedigenden Song-Strukturen sorgt die Produktion für ein interessantes Hörerlebnis, das es vermag, zumindest irgendwo im Detail, stets für Staunen zu sorgen. So lange die anderen Elemente nicht wirklich stimmen, gibt es aber wenig Grund, den neuen Langspieler gegnüber "Cerulean" zu bevorzugen.

BATHS - OBSIDIAN
UNIMAG-Rating: 
Electronic
10 Songs, 43:24 Minuten
Anticon, 27.05.2013

 

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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