BÜCHERBÖRSE

Don't believe the hype: Daft Punk - Random Access Memories

Daft Punk - Random Access Memories (c) Sony
Daft Punk - Random Access Memories

Acht Jahre ließen sich Daft Punk für ihr viertes Studioalbum und das medienlastige Comeback zeit. Von allen Seiten wird "Random Access Memories" gelobt - als "das Beste aus Digital und Analog". Ich weiß nicht recht.

Vielleicht hat die Ankündigung der Kollaborateure an diesem Album meine Messlatte etwas hoch gelegt. Von Chilly Gonzales war die Rede und Pharrell Williams. In Hinblick auf das vorangegangene Album erwartete ich mir pumpende Synthie-Bässe, Lo-fi Gitarren, Roboter-Vocals, kurz: das Übliche. Dann beginnt der erste Track.

Dieser funkt erstmal ordentlich um's Eck, um dann mit einem einzigen Satz als Lyrics dahinzufadeln. Gut, die großen Songpoeten waren Daft Punk noch nie, aber irgendwas stimmt doch hier nicht. Dieses Album klingt nicht wie eine Fortsetzung der letzten Alben (puh) und auch nicht wie die Wiederauferstehung ihres Hit-Albums "Discovery" (schade). Wären da nicht die durch den Vocoder gewurstelten Stimmen, man könnte meinen, das Ganze ist ein alter (Glitzer-) Hut. Dieses Album klingt nämlich streckenweise, als hätte meine Mutter dazu schon die Hüften geschwungen.

Instrumentalisiert ist schon der erste Track außerordentlich gut. Gitarren und Bass blasen ordentlich den Staub von der Discokugel, die Bridge erweckt sogar Donna Summer von den Toten, dann ist der Song auch schon wieder aus und hinterlässt ein großes Fragezeichen über meiner Denkmurmel. Was war das? Auch andere Stücke machen mich nicht schlauer. Track zwei ("The Game of Love") ist nur dadurch vom 70er-Jahre Muff zu unterscheiden, dass die Vocals gefiltert sind. Nummern wie "Doin' it right" oder "Fragments of time" erinnern stark an ToTo oder Jamiroquai, alles voller echter Instrumente und Stimmen, die üblichen Daft Punk Effekte fungieren nur noch als Maggi, das sich der ungute Onkel immer schon prophylaktisch in die ohnehin gut gewürzten Suppe schüttet.

"Random Access Memories" ist ein Rätsel, dem der Schlüssel beiliegt

So, und jetzt wird's tricky: Es gibt einige Tracks, die erahnen lassen, was Daft Punk mit diesem Album vorhatten. "Giorgio" ist so eine Nummer, in der Giorgio Moroder, eine Produzenten-Legende, an den Reglern dreht. Nach salbungsvollen Worten, die mit einem Kool and the Gang ähnelndem Klangteppich unterlegt sind, endet der Song plötzlich, um mit Kraftwerkelnden Beats wieder einzusetzen. Dann Streicher und Schlagwerk, Synthie-Sound. Von hinten pirschen sich jazzige Rhodes an, der Beat bricht ab. Es vermischen sich Saitengerätschaften und Piano, die Gitarren beachen so dahin, man könnte meinen, Chris Rea steckt seinen Kopf herein, dann wieder Giorgo sinngemäß: "You can do with music what you want to do." Es dämmert mir. Dann ein Break, es wird orchestral, alles bricht herein, steigert sich, Scratchings und rockige Gitarren, Analog und Digital. Das Composing schraubt sich in die Höhe um mit einem Mal, reduziert auf einen Clicktrack, in der Stille zu zergehen. Und plötzlich ist einem klar, was hier vor sich geht. Es ist ein Disco-Funk-Elektro-Fusion-Retrospektiv-Album. Oder: Daft Punk haben einfach abgeliefert, worauf sie Bock hatten.

Die Nähe zum Disco-Sound ist verständlich. Alte Daft Punk Gassenhauer waren genau dort zu Hause, wo es darum ging, die Stelzen zu schwingen. Diesen Platz an der Sonne mussten sie jedoch dank Schaffenspause an die Hirntoten der ewig Sampelnden abtreten. Jetzt also Wurzelbehandlung mit Vinylbohrer. Das Helmi-Duo manövriert ihr Zitate-Raumschiff weitgehend zielsicher durch denjenigen Teil der Plattensammlung, an dem noch Pomade und vereinzelte Pailletten aus einer Zeit kleben, in der Kopfstimme ultra angesagt und Schlaghosen der letzte Schrei waren. Es ist ein Imperativ eines "Best-of-all-worlds", der das Album so interessant macht. Von Barry White bis Earth, Wind and Fire, von 8 Bit bis John Williams, von spitzfindigem Fusion à la Herbie Hancock bis zu Floydschen Klangexperimenten. So, und jetzt kommt's: Das ist so perfekt, dass es langweilig ist.

Perfektion mit großem Aber

"Perfektion ist Lähmung", sagte Churchill und meinte damit sicher etwas anderes. Trotz alledem scheitert "Random Access Memories" an seiner Vollkommenheit. Es ist ein kluges, fein gesponnenes und ergiebiges Album mit Höhen und Tiefen. Nur krachen tut's einfach nicht. Das liegt vor allem daran, dass es ein on/off Album ist. Hört man genau hin, öffnet sich ein kleines musikalisches Universum, tut man das nicht, öffnen sich maximal die Türen eines Aufzugs inklusive Plätschermusik.

Wohin also mit der Scheibe? Für die Clubs ist es zu intelligent, für das Radio, bis auf ein, zwei Nummern, zu verspielt, für die Alten zu neu, für die Jungen zu alt. Und so schließt sich der Kreis: Daft Punk haben einfach abgeliefert, worauf sie Bock hatten. Diese Genrefreiheit könnte dennoch aufgehen. Vielleicht nicht bei diesem Album. Aber wenn die Zukunft den Mutigen gehört, bin ich für Daft Punk wieder mehr als zuversichtlich.

Michael Hinterseer

Michael Hinterseer ist Redakteur und Fotograf, sowie TheWi Student mit Überzeugung. Er mag es, wenn Leute seine Sachen lesen und findet es total doof, über sich selbst in der dritten Person zu schreiben.

Erreichbar unter: michael.hinterseer (ät) unimag.at


bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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