TRAINEEPROGRAMME

Totgesagte leben länger: Wer rettet Indie Rock?

2013 – das Jahr, in dem der Begriff "Indie Rock" eher betroffene Mienen, Schulterzucken und Trauer statt Vorfreude auf den nächsten Schub an Bands und Album Releases wie noch vor ein paar glorreichen Jahren auslöst, in denen die Lederjacke statt den Sneakers in den Clubs ausgeführt wurde und man tanzte, anstatt gelangweilt an der Bar zu stehen, weil seit gefühlten drei Stunden der gleiche Elektrobeat läuft. Mit einem Seufzen und großer Wehmut schwelgen wir in Erinnerungen an die guten alten Zeiten, in denen es fast nichts Größeres gab, als mit den besten Freunden Arm in Arm "Can't Stand Me Now" von The Libertines oder "Someday" von The Strokes mitzusingen. Was ist denn nur passiert?

Eine kleine Zeitreise: Zu Beginn des neuen Jahrtausends setzte das so genannte "Post-Punk Revival" ein, das zunächst mit Bands wie The Strokes, The Vines oder The Libertines ziemlich frischen Wind in den angestaubten Brit Pop - angeführt durch die als unsinkbare Schlachtschiffe geltenden Oasis und Blur - pustete. Eine neue und ziemlich fabelhafte musikalische Ära brach an, die uns mit The White Stripes, Yeah Yeah Yeahs oder The Hives endlich unsere eigene Riege an großen Rockstars brachte und jede Menge Spaß auf den Tanzflächen und in den Plattenspielern schenkte.

Aber was gut ist, wird leider auch oft kopiert. So war klar, dass das Ganze nach kurzer Zeit fürchterlich eskalieren musste: Täglich sprossen gefühlt zehn neue Bands mit einem "The" im Namen aus dem Boden und überschwemmten unsere Ohren und Kopfhörer mit der immer faderen Kopie der Kopie von 1970er-/80er-Post Punk, New Wave und Garagen Rock. (Grüße gehen an The Kooks, The Pigeon Detectives, The Fratellis, The Wombats und und und). Hinzu kam, dass unsere Helden der ersten Stunde teils die Erwartungen ihrer gehypten Debüts nicht aufrecht erhalten konnten, sich auflösten oder einfach in der Versenkung verschwanden. Gelangweilt und enttäuscht wandte man sich anderen Musikgenres zu, die irgendwie innovativer wirkten: Hallo Hip Hop, Hallo EDM. Wer heutzutage lieber einmal zu Gitarrenmusik anstatt zum Einheits-Elektrobrei des total angesagten DJ's, der schon ganze zwei Mal im Berghain auflegen durfte, die Nächte durchtanzen möchte, hat ziemlich schlechte Karten.

Müssen wir also unseren eigentlich doch so heiß und innig geliebten Indie Rock nun traurig zu Grabe tragen? Ist es endgültig vorbei mit Schrammelgitarren und Lederjacken? 

Ja, irgendwie schon - mochte man noch Anfang des Jahres gedacht haben. Bis sich in den letzten Sommertagen eine schon fast heilige, englisch-schottische Allianz aus Arctic Monkeys, Babyshambles und Franz Ferdinand mit ihren neuen Alben bewaffnet aufgemacht hat, den Indie-Rock wiederzubeleben. Dieses risikoreiche Unterfangen mussten wir natürlich mehr als genau beleuchten: Vorhang auf für unsere edlen Retter! 

Gut Ding braucht Weile -
Babyshambles: "Sequel To The Prequel"

Babyshambles - Sequel To The PrequelDass Peter Doherty ab und an Drogen nimmt und gerne mal einen über den Durst trinkt, weiß dank Friseurbesuch mit Gala- und Seitenblicke-Lektüre ja mittlerweile jede Oma. Das ist zwar tragisch, schmälert aber keinesfalls sein Künstlertum. Denn viel wichtiger und weitaus weniger bekannt ist nämlich schändlicherweise immer noch, dass der Gute ein begnadeter Songschreiber ist und immerhin schon zu The Libertines-Zeiten ein paar überdauernde Indie-Hymnen geschrieben und gesungen hat, die uns heute immer noch wehmütigen Glanz in die Augen zaubern.

Nachdem es dann eine Zeit lang, sowohl in Sachen Yellow Press als auch musikalisch, still um ihn wurde, kehren er und seine Babyshambles vier Jahre nach Dohertys Solo-Album und ganze sieben Jahre nach der letzten Babyshambles Platte mit ihrem sehr fabelhaften "Sequel To The Prequel" zurück. Produziert von keinem geringeren als Stephen Street, der nicht nur ihrer letzten Platte den Feinschliff gab, sondern auch schon Musik von The Smiths und Blur veredelte, und dem es mehr als gut gelingt, den sehr rohen und unfertigen Sound des Erstlingswerks "Down in Albion" mit dem teils zu glatten und sauberen Klang des Nachfolgers "Shotter's Nation" zu zwölf elegant hingerotzten Songs zu verbinden, die alle ein kleines Meisterwerk für sich sind: Musikalisch unglaublich melodiös, charmant und schön, rettet Pete Dohertys rauer und aneckender Gesang davor, dass das Ganze zu süß und klebrig gerät und sich eine äußerst schicke und punkige Kantigkeit bewahrt.

Während "Fall from Grace" eine sehr schöne Homage an Bob Dylans Übersong "I want You" ist, zitieren die Babyshambles mit "Maybelline" ihren eigenen großen Hit "Fuck Forever" und führen auf "Dr. No" ihre schon auf Album Nummer 1 (mit "Pentonville") begonnene Freude an The Clash-ähnlichen Reggae-Einflüssen fort. 

Darf natürlich auch nicht unerwähnt bleiben: Die erste Single "Nothing Comes To Nothing" ist Perfektion, die Pete Doherty laut Eigenaussage beim ersten Hören vor Freude weinen ließ. "Sequel To The Prequel" ist endlich das große Album, mit dem die Babyshambles endgültig ihre künstlerische Ernsthaftigkeit besiegeln können und Pete Doherty wieder einmal beweisen kann, dass er einer der größten Songwriter unserer Zeit ist. Darauf hat man dann doch gerne sieben Jahre gewartet.

Die Jungs aus der Indie-Hit-Fabrik -
Arctic Monkeys: "AM"

Arctic Monkeys - AMApropos sieben Jahre: Fünf Alben in sieben Jahren. Das kann man ziemlich locker als äußerst stattliche Leistung bezeichnen. Vor allem, wenn es sich dabei um ein Spitzenalbum nach dem anderen handelt, wie bei den fleißigen Bienchen der Arctic Monkeys aus dem britischen Sheffield, die damals 2006 mit ihrem Debüt "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" so ziemlich alles wegrasierten, was nur ging. Unvergessen sind Songs wie "I Bet You Look Good On The Dancefloor" oder "When The Sun Goes Down", die auch noch heute zum puren Ausrasten und Durchdrehen einladen. Bis heute konnten die vier Jungs dafür unter anderem fünf Brit Awards und das sich am schnellsten verkaufende Album in der britischen Musikgeschichte einheimsen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass hier keiner älter als 28 ist.

So ist es irgendwie auch nicht verwunderlich, dass sie schon fast traditionell mit ihrem neuen Werk "AM" wieder ein bombastisches Album mit großen Hits für die Indie Disco raushauen. Die Fäden hierfür gaben die Arctic Monkeys wie gewohnt James Ford (Simian Mobile Disco) in die Hand, der immerhin schon auf den drei Alben davor einen ziemlich guten Job gemacht hatte. Wie gut die Kombo aus Ford und Arctic Monkeys auch beim vierten Mal geklappt hat, ließ sich schon durch die beiden Vorabsingles "R U Mine" und "Do I Wanna Know?" erahnen, die in bester Arctic Monkeys Manier mit satten Gitarren und trockenen Drums daherkrachen. Deutlich klingen auch wieder Alex Turners musikalische Ausflüge mit den immer etwas nach James Bond-Soundtrack klingenden The Last Shadow Puppets ("Fireside") oder Solo für den Soundtrack zu "Submarine" ("I Wanna Be Yours") durch. Eigentlich müsste man Alex, Jamie, Matt und Nick für "AM" einmal mehr massives Strebertum vorwerfen, doch dazu sind sowohl sie als auch ihre Musik dann doch einfach einen Ticken zu cool und liebenswert. 

Arctic Monkeys servieren uns mit "AM" eine handvoll großer Gitarrenhymnen mit jeder Menge Groove und Soul, zu der man heute noch genauso gerne die "Dancing Shoes" rausholen mag wie bereits 2006. Laut Queens of the Stone Age-Mastermind Josh Homme, der übrigens ein bisschen Background Vocals zum Besten geben darf, ist "AM" Folgendes: "A modern, dancefloor sexy record. It's really good." Das unterschreiben wir doch liebend gern. Case closed. 

Right Band, Right Album -
Franz Ferdinand: "Right Thoughts, Right Words, Right Action"

Franz Ferdinand - Right Thoughts, Right Words, Right Action"Take Me Out" von Franz Ferdinand ist einer dieser großartigen Songs, auf die sich irgendwie alle Menschen einigen können und den auch irgendwie jeder, sei es im Schlaf oder mit 3,4 Promille, rückwärts noch mitgröhlen kann. Mit ihrem selbstbetitelten Debüt 2004 legten uns die vier Herren aus Glasgow neben besagtem "Take Me Out" noch eine ganze Reihe weiterer Ohrwürmer vor, die uns noch das ganze Jahrzehnt begleiten sollten, ohne dabei auf den Nerv zu gehen oder altbacken zu wirken.

Nun melden sich die Garanten für Dancefloor-Kracher, zu denen man nächtelang die Tanzbeine in den Indie-Schuppen von fern bis nah schwingen konnte, wieder zurück und präsentieren uns mit "Right Thoughts, Right Words, Right Action" ihr viertes Studioalbum, das jegliche Ermüdungszustände des Vorgängers "Tonight: Franz Ferdinand" vergessen macht. Im Gegenteil sogar: Ganz schön funky und voll auf die zwölf kommt die neue Platte der vier Schotten daher und bietet erneut massive Ohrwürmer, wie die ersten beiden Singles "Love Illumination", "Right Action" oder aber auch "Evil Eye" und "Bullets".

Dass sie aber auch anders als mitreißend und schnell können, beweisen Franz Ferdinand auf dem schon fast etwas Beatles'esken "Fresh Strawberries", das da ein bisschen nach sommerlichem Folk Pop klingt. Unterstützung gab es in Sachen Produktion auf "Right Thoughts, Right Words, Right Action" von ein paar Herren, die sich mit großer Popmusik ziemlich gut auskennen: Joe Goddard und Alexis Taylor von der britischen Elektro-Instanz Hot Chip und von Björn Yttling, eben dem Björn der schwedischen Popband Peter, Björn and John. Bei Franz Ferdinand sitzt auch 2013 immer noch jedes Gitarrenriff so akurat und perfekt wie die immer noch tadellosen Frisuren und Anzüge. Dass das auf "Right Thoughts, Right Words, Right Action" manchmal vielleicht versehentlich ein wenig so klingt, wie die Kaiser Chiefs in einer Höchstform, die sie wohl nie hatten, tut dem Ganzen dabei aber auf keinen Fall einen Abbruch.

Franz Ferdinand bitten wieder zum Tanz wie in guten, alten Zeiten und zeigen sich dabei in absoluter Bestform. "Right Thoughts, Right Words, Right Action" – der Albumname ist bei Franz Ferdinand auf jeden Fall Programm.

Gute Besserung, lieber Indie-Rock!

Na also, lieber Indie Rock, gerade noch so die Kurve gekratzt und mit einer Schramme davon gekommen. So aussichtslos die Lage auch schien, es besteht noch sehrwohl die Hoffnung, dass sich unser angeschlagener Patient Indie Rock bald wieder erholt. An Unterstützung einiger Gitarrenhelden mangelt es gerade nicht. Bleibt zu hoffen, dass sich noch ein paar mehr ein gutes Beispiel an Arctic Monkeys, Babyshambles und Franz Ferdinand nehmen und dem Indie Rock neues Leben einhauchen, um etwas für unsere Plattenschränke tun!

Wir geben auf jeden Fall den Glauben nicht auf und sind gespannt, was wir in naher Zukunft noch so auf die Ohren bekommen werden.

Louise Lässig

Louise Lässig | Redakteurin

louise.laessig (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: September 2011

 

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