BÜCHERBÖRSE

GIN GA: "Sachen fertig zu machen, ist nicht so witzig"

GIN GA im Interview (c) Petra Benovsky
GIN GA im Interview

Das lange Warten hat sich gelohnt. Denn am 8. November erscheint endlich das wohl meisterwartete Album der heimischen Alternative-/Pop-Szene: "YES/NO" von GIN GA. Mit uns plauderten die vier Jungs (Alex Konrad, Emanuel Donner, Klemens Wihlidal und Matias Meno) schon im Vorfeld über den Soundtrack ihres Lebens, die österreichische Musiklandschaft, Ritter mit Steinfüßen, U-Boote aus Holz und natürlich auch über ihre brandneue Platte.

GIN GA sagen "YES" zu Social Media Marketing, Handykameras bei Konzerten, klassischer Musik, YouTube als Karrieresprungbrett, Streaming-Plattformen für Musik (leider), Spielen auf österreichischen Festivals, Sex, Drugs & Rock'n'Roll, Musik in jeder Lebenslage und Unplugged, aber dafür "NO" zu Miley Cyrus, Crowdfunding Projekten, Boybands, Eurovision Song Contest, Castingshows sowie Bandauflösung und -reunion Klappe die Zehntausendste.

Alex, bei eurem Album-Release-Auftritt im brut hattest du mit dem Mikrofonständer zu kämpfen. Weißt du mittlerweile, wer der Schuldige war?

Alex: Ich bin's. Mir ist auch beim Popfest von der Seebühne aus der Mikrofonständer ins Wasser gefallen. Irgendwie habe ich noch keinen Ständer gefunden, der das aushält, was ich mit ihm anstelle.

Woran liegt es, dass ihr keinen fixen Bassisten in der Band habt? 

Alex: Weil wir Bassistinnen und Bassisten so cool finden, dass wir gern alle bei uns spielen lassen. Na, wir spielen ganz einfach schon so lange zusammen, dass es wirklich schwer wäre, jemanden zu integrieren. Jeder von uns gibt alles für das Projekt und die meisten Leute, die man so kennenlernt, haben entweder schon ihr eigenes Projekt, und wenn sie keines haben, fragt man sich, warum sie keines haben. *lacht*

Matias: Wir haben oft abwechselnd gespielt, aber dann gesehen, dass es vor allem live nicht so gut geht und es vielleicht besser wäre, einen Bassisten zu haben. Wir arbeiten aber gerne nur zu viert im Studio. Vier Meinungen sind schon viele Meinungen, deshalb ist das für uns die beste Lösung.

Wenn vier Meinungen schon fast zu viele sind, wie klappt dann die Songauswahl bei euch?

Matias: Schere, Stein, Papier zum Beispiel. *lacht*

Alex: Unser Produzent Alex Beitzke, der schon fast zu einem fünften Bandmitglied herangewachsen ist, hat oft seine Meinung abgegeben und dann...

Matias: ... war eine ungerade Zahl erreicht und eine Entscheidung gefällt.

Wenn ihr einen Soundtrack für euer Leben zusammenstellen könntet, welche Songs und Artists dürften nicht fehlen?

Alex: Das sind echt coole Fragen. Auf jeden Fall Tom Waits, den habe ich immer viel gehört.

Klemens: Fehlen dürfte nicht Bonnie Prince Billy. 

Matias: Ich oute mich jetzt mal als Michael Jackson Fan! Der dürfte auch nicht fehlen.

Alex: Ich finde noch die Platte "Nebraska" von Bruce Springsteen total gut. Die ist ziemlich heiß. Dann zum Beispiel Run-D.M.C. oder auch 2 Unlimited und Captain Jack. Diese 90er-Jahre Eurobeat-Sachen sind schon ziemlich cool.

Matias: Und natürlich müsste von uns auch ein Lied dabei sein.

Und welches?

Matias: Verdammt! Ähmm...das, das wir noch am seltensten gehört haben.

Alex: "Lie"

Klemens wirft einen Blick auf ihr Album "YES/NO": "Start Again"! Das ist das letzte Lied auf der Platte. Das haben wir noch nicht so oft durchgehört. 

Warum hat denn das neue Album überhaupt so lange auf sich warten lassen?

Alex: Gute Frage! Weil wir keinen Schnellschuss abgeben wollten und wir uns selbst die Latte ziemlich hoch gelegt haben. Außerdem hatten wir eh recht wenig Zeit. Wir haben seit 2010 ungefähr 120 Konzerte gespielt, sind viel herumgereist. Mit der eigentlichen Produktion haben wir "erst" diesen Februar begonnen. Und naja, ich mache einfach Sachen nicht so gern fertig. Da hab ich meine Schwierigkeiten. Bei meiner Oma gab's immer ein Buch, wo all ihre Enkel reingezeichnet haben. Mein Cousin hat die ganze Seite oder eine Doppelseite vollgezeichnet mit zwei Piratenschiffen, die sich angreifen. Er hat das Blatt wirklich bis zum letzten Fleck ausgefüllt. Meine Zeichnungen waren dann eher so: Ich hab angefangen, eine Mickey Mouse zu zeichnen – zuerst die zwei Ohren, da hat schon etwas nicht geklappt und ich hab weitergeblättert. Dann hab ich mit der Nase begonnen, wieder was falsch und plötzlich sind da fünf Zeichnungen – alle unfertig. Oder ich hab Ritter gezeichnet, bei denen ich die Füße nicht fertig malen wollte. Deshalb hab ich zum Beispiel Steine davor gemalt. Ich mein nur, Sachen fertig zu machen, ist irgendwie nicht so witzig.

Matias: Da unser Produzent in London lebt, hat das die Produktion natürlich prinzipiell schon nicht leichter gemacht. Damit alles funktioniert, muss man sich gut koordinieren.

Klemens: Er war genauso perfektionistisch wie wir. Der war echt arg.

Emanuel: Der hat irgendwann überhaupt aufgehört zu schlafen.

Alex: Machst du gern Sachen fertig?

Eigentlich schon. Also ich bin immer stolz und froh, wenn ich etwas geschafft hab.

Alex: Ja, froh, bin ich dann auch ein bisschen, aber das hilft mir trotzdem nicht. *lacht* 

Bei mir ist es eher so, dass ich nicht anfangen kann. Das geht erst auf den letzten Drücker, aber dann zieh ich's auch wirklich durch!

Alex: So haben wir das beim Album auch gemacht. Also ist das ein bisschen nachvollziehbar für dich! Man erfindet sich auch immer neu. Wir sind auf so viele Sachen gekommen, die halt einfach wir sind und die wir versucht haben zu perfektionieren. Noch dazu war der Anspruch da, das Album so minimal wie möglich zu machen. Wir wollten die Sachen noch dazu gemeinsam live aufnehmen. Deswegen musste man auch mit einer Gitarre und einem Beat auskommen.

Matias: Wir wollten wirklich die Sounds auf den Punkt bringen, damit nichts Unnötiges dabei ist.

Alex: Also wir denken, dass nichts Unnötiges dabei ist. *lacht*

Matias: Je nackter die Sachen sind, umso präziser müssen sie ausgeführt sein und umso genauer muss man sich überlegen, was man machen möchte.

Alex: Es tut uns eh Leid, dass es so lang gedauert hat. Wir wollten einfach voll und ganz damit zufrieden sein.

Wie groß war der Druck von außen für das neue Album?

Alex: Im Kopf schon groß! Irgendwann ist es auch zum Running Gag geworden, dass das Album noch nicht da ist. Für mich gab es einen Knackpunkt, als ich mir gesagt habe, dass mir solche Sprüche von außen echt egal sein müssen. Fuck it und scheiß drauf!

Wie war es für euch, im Rahmen des diesjährigen Waves Festivals live auf einem fahrenden Schiff zu spielen?

Alex: Oh Gott, wir haben noch nie zuvor auf einem Schiff gespielt und haben davor auch nicht geprobt. Wir waren alle müde, es war Samstag Früh und es waren hauptsächlich Leute aus dem Business da. Das ist immer ein bisschen komisch. Außerdem fand ich's echt komisch, unter dem T-Mobile-Logo zu spielen. Das hätten sie abhängen können. Ich hab schon einmal jemanden von T-Mobile vergrault, weil ich während eines Konzerts auf der Bühne die ganze Zeit bei der Tür ihr Logo gesehen habe. Da wollte ich, dass jemand die Tür zumacht. Das fanden manche wohl nicht so lustig.

Was war rückblickend euer absolutes Konzerthighlight?

Alex: Wir haben kürzlich einige Konzerte in Polen gespielt. Außerdem waren wir im Juli in Spanien auf einem Festival mit circa 8.000 Leuten, wo die Sonne während unseres Sets untergegangen ist. Das war ein echt cooles Erlebnis.

Matias: Ja, das war echt schön. Die Polen-Konzerte waren faszinierend, weil es unser erster Auftritt dort war und trotzdem alle unsere Songs kannten und mitgesungen haben. In Österreich hatten wir natürlich auch gute Konzerte, nur sind wir bei den Leuten, die hier zu unseren Konzerten gehen, nicht überrascht, wenn sie uns kennen. In Polen ist es das wieder ein ganz anderes Erlebnis. 

Alex: Das Release-Konzert im brut war auch richtig gut, aber war halt überschattet von einer komischen Nervosität, weil wir all unsere neuen Nummern zum ersten Mal gespielt haben. Es hat aber dann alles ganz gut geklappt.

Matias: Wir haben dafür unsere alten Songs gar nicht geprobt an dem Abend.

Alex: Meinst du, dass bei den alten Sachen mehr schief gegangen ist als bei den neuen?

Matias: Ja, ein bisschen gepatzt haben wir schon. *lacht*

Und gibt es auch einen Konzertauftritt, den ihr am liebsten vergessen würdet?

Kollektiv: Nein!

Alex: Ohne die schlechten Konzerte wären die guten nicht so gut!

Matias: Es gibt so wunderschöne Erlebnisse, wenn alles ausfällt, man abbrechen muss oder genau eine Person im Publikum sitzt - nämlich der Veranstalter.

Emanuel: Der Veranstalter und das ganze Internet. *alle lachen*

Alex: Ja...*denkt nach* na wurscht! Ein ganz spezielles Erlebnis.

Also wollt ihr nicht darüber reden?

Alex: Oja, gern! Wir sind eingeladen wurden, in den USA auf ein paar Festivals zu spielen und waren dann für Konzerte in San Francisco und L.A. Dazwischen hatten wir eins in der Pampa, wo man Serpentinen in die Berge fahren musste und wir uns gefragt haben, wo da bitte eine Venue sein soll. Als wir dort waren, standen wir vor einem kleinen U-Boot aus Holz – einem Burgerladen. *lacht* Es hat ausgesehen aus wie bei "From Dusk Till Dawn". Es war einfach niemand dort außer dem Veranstalter.

Matias: Doch, ein Typ war dort noch – schätzungsweise Mitte 50.

Emanuel: Da stand dann auch ein E-Schlagzeug.

Alex: Stimmt! Die Bühne war etwa zwei Meter groß mit einem E-Schlagzeug und einem Plakat von John Lennon. Auf einmal meinte der Veranstalter, wir sollen schon anfangen, weil es acht Uhr ist. Wir haben natürlich gefragt: "Wieso?" Da erzählt er uns, dass er alle Konzerte live im Internet überträgt.

Emanuel: Auf der ganzen Welt hat er Zuschauer! *lacht*

Alex: Dann wollte er, dass wir uns in eine Kamera vorstellen.

Matias: Mittlerweile ist der Typ, der vorher noch da war, auch schon gegangen.

Alex: Das beste war dann, dass wir ernsthaft eine Pause einlegen mussten, in der er uns die Aufzeichnungen vorgespielt hat über einen Fernseher.

Matias: Das war unser absolutes Highlight! 

Was hat man international überhaupt für ein Bild von österreichischer Musik? Geht es da immer noch um Mozart und Co.?

Alex: Ich glaube, es hat sich nicht viel verändert. Es gibt ja auch nicht viel im Pop-Bereich. DJ Ötzi gibt's, Falco und Mozart. Das ist noch so verankert. Ich glaube aber, dass es immer mehr verschwimmt und es in Europa schon gute Initiativen gibt, Musik hinaus in die Welt zu tragen. Auch durch das Internet hat sich alles schon ein bisschen verschoben. Unsere Platte wurde ja auch zur einen Hälfte in Österreich, zur anderen Hälfte in London aufgenommen. Aber klar, es ist auch mehr eine österreichische Platte als zum Beispiel eine französische. *lacht*

Warum meint ihr, muss man erst international den Durchbruch schaffen, um in der eigenen Heimat wertgeschätzt zu werden?

Emanuel: Ich glaube, weil es in Österreich nicht die Erfahrung gibt, dass es umgekehrt funktionieren kann. Von Österreich aus wird ein Künstler nie so gepusht. Das war schon bei Falco so. In anderen Ländern wie zum Beispiel England kriegen Künstler Aufmerksamkeit, weil sie von ihrem Land wirklich unterstützt werden.

Alex: Österreich ist sehr speziell. In Tschechien, Frankreich oder Skandinavien wird eigene Musik ganz anders wahrgenommen. Weil man beispielsweise als österreichische Band keinen Slot auf österreichischen Festivals bekommt, kann man in der Heimat auch kein größeres Publikum erreichen. Wenn man sich für eine größere Bühne beim Frequency Festival bewirbt, heißt es nur, das man zuerst das Gasometer füllen soll. Niemand lässt es zu. Es liegt nicht an den Musikerinnen und Musikern, nicht an den Journalistinnen oder Journalisten und nicht den Fans - sondern an dem fehlenden Selbstverständnis.

Matias: Die Infrastruktur in Österreich ist auch nicht wirklich darauf ausgelegt. Das Land ist sehr klein. Um von der Musik zu leben, wenn man nur in Österreich spielt, muss man einen wahnsinnigen Bekanntheitsgrad haben, der für die meisten Bands schwer zu erreichen ist.

Welche (noch) unbekannten österreichischen Bands könnt ihr empfehlen? 

Matias: Ich fand die letzte Platte von Francis International Airport ziemlich gut.

Alex: Ich finde viele österreichische Bands cool, aber die sind auch alle schon relativ bekannt - beispielsweise Ja Panik, Soap & Skin und Gustav super. Ich muss aber ehrlich gestehen, dass ich nicht so gerne auf Konzerte gehe als Besucher. Da mach ich lieber selbst Musik. 

Und zu guter Letzt: Wenn ihr in die Vergangenheit reisen und eurem unerfahrenen Ich etwas mit auf den Weg geben könntet, was wäre das? 

Alex: Fuck it oder scheiß drauf! "Scheiß dich nicht an!", hat meine Mutter immer zu mir gesagt.

Matias: Würd ich auch sagen.

Alex: Folg deinem Bauchgefühl, denk nicht so viel über alles nach und hör nicht so viel auf andere Leute.

Emanuel: Das zu machen, was einem Spaß macht, war schon immer ein Qualitätssiegel.

Petra Püngüntzky

Chefin vom Dienst | Content Managerin
Ressortleiterin Musik & Events
Redakteurin | Fotografin

petra.puenguentzky (ät) unimag.at

 

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