BÜCHERBÖRSE

Arcade Fire - Reflektor

Arcade Fire - Reflektor (c) Universal Music
Arcade Fire - Reflektor

Auf einer Skala für Aufgeregtheit zwischen eins und zehn, löste die Nachricht eines neuen Arcade Fire Albums locker mindestens eine 27 aus; hatte sich das kanadische Künstlerkollektiv um Mastermind-Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne seit 2011 doch eher etwas rar gemacht. Und 2011 war definitiv und verdienterweise das Jahr von Arcade Fire gewesen: ihr  2010 veröffentlichtes, drittes Album "The Suburbs" wurde erst vom meisterhaften Regisseur Spike Jonze in einen ziemlich bildgewaltigen Kurzfilm gegossen, machte sie zu final zu einer der großen Indie-Bands der 00er Jahre und wurde anschließend auch noch mit dem Grammy für das Album des Jahres geadelt. Mehr geht ja dann fast auch nicht mehr.

Da aber auf die Ruhe bekanntlich der Sturm folgt, brodelte es dann Herbst 2013 ziemlich gewaltig im Arcade Fire-Lager: zuerst der Wechsel von der Indie Label-Institution City Slang zu Universal Music und darauf eine so massive und allgegenwärtige (man könnte etwas gemein auch schon fast "streckenweise penetrante" sagen) Promoaktion für das neue Album (inkl. Kurzfilm von Roman Coppola und "Reflektor"-Wandgraffitis), dass man einfach nicht drum herum kam, einen persönlichen Countdown für den Release dieses großen Anwärters auf das Album des Jahres, zu starten. Die Band selbst hüllte sich dagegen eher in vornehmes Schweigen; nur zwölf Interviews gab es weltweit zu "Reflektor".

Und jetzt ist es also da, dieses sehnsüchtig erwartete "Reflektor", dessen erster Vorbote die gleichnamige Single war, auf der David Bowie sich stimmlich und James Murphy (LCD Soundsystem) in Sachen Produktion die Ehre geben. Und mit welchem Arcade Fire viele Hörer erstmal ratlos und verwirrt dastehen ließen. Denn statt dem folkigem Indie-Pop, den Arcade Fire zu ihrem Steckenpferd gemacht hatten und der bislang immer die Hörgänge runterging wie Honig, gibt es auf "Reflektor", der Single, zunächst einfach einen Dschungel-Disco-Beat, der irgendwie befremdlicherweise an Blondie's "Heart of Glass" erinnert und so gar nicht nach Arcade Fire klingt. Aber sofort in die Füße geht, eigentlich ziemlich herrlich.

Diese erste Ratlosigkeit zieht sich dann konsequent durch die folgenden zwölf Titel, denn Arcade Fire hauen einem so ziemlich alle erdenklichen Musikstile und Genres von Glam Rock über Disco bis zu Shoegaze um die Ohren, die Gitarren sind rhythmischen Trommeln und Bass gewichen - am Ende der Platte muss man erst einmal tief durchatmen - zu sehr wird man von der Masse an Tönen und Sounds überrollt, zu wenig ist beim ersten Hören hängengeblieben. Wenn einen dann der Mut nicht sofort verlässt und die Enttäuschung über kein zweites "The Suburbs" nicht zu groß ist, hört man "Reflektor" noch einmal an und noch einmal und gerne auch noch einmal. Und siehe da, schon entdeckt man in all dem Soundbrei ziemlich viel der "alten" Arcade Fire, die sich hier aber um Teufel komm raus bemüht haben, sich selbst zu verstecken, denn hier steht künstlerischer Anspruch auf jeden Fall vor der Reproduktion eines zweiten, vermeintlichen Hitalbums á la "The Suburbs" - bloß keine Langeweile aufkommen lassen.

Das mag nun alles sehr negativ klingen, ist es aber eigentlich gar nicht. Arcade Fire zeigen sich sehr gerissen und wagen den Versuch, sich ziemlich neu zu erfinden. Das ist schön mutig, denn dass so etwas schwierig bis desaströs enden kann, haben schon viele Kollegen vor ihnen recht eindrucksvoll gezeigt. Stattdessen haben sie mit "Reflektor" ein Album geschaffen, dessen Credo mitunter auf jeden Fall "gut Ding braucht Weile" lautet. Also, etwas Geduld haben, am Besten noch einmal "Reflektor" in den Plattenspieler geschmissen und die glitzerigen Tanzschuhe dazu angezogen und wirken lassen. Das wird schon.

Arcade Fire - "Reflektor"
UNIMAG-Rating:
Genre: Indie rock, Art rock, Disco
13 Songs
Label: Universal Music
VÖ: 28. Oktober 2013

Album-Tracklist

1 Reflektor 07:33
2 We Exist 05:43
3 Flashbulb Eyes 02:42
4 Here Comes The Night Time 06:30
5 Normal Person 04:22
6 You Already Know 03:59
7 Joan Of Arc 05:24
8 Here Comes The Night Time II 02:51
9 Awful Sound (Oh Eurydice) 06:13
10 It’s Never Over (Oh Orpheus) 06:42
11 Porno 06:02
12 Afterlife 05:52
13 Supersymmetry 11:16

Louise Lässig

Louise Lässig | Redakteurin

louise.laessig (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: September 2011

 

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