BÜCHERBÖRSE

Cherilyn MacNeil aka Dear Reader im Interview

Dear Reader im Interview (c) Marcus Maschwitz
Dear Reader im Interview

Seit der Veröffentlichung ihres Albums "Rivonia" ist es um Cherilyn MacNeil alias Dear Reader nicht gerade leiser geworden. Zum einen hat sie den deutschen Filmpreis für die Musik zu "Oh Boy" gewonnen und zum anderen steht sie auch schon wieder mit einer neuen Platte in den Startlöchern. "We Followed Every Sound" wurde mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg aufgenommen und erscheint am 6. Dezember 2013 auf City Slang. Morgen startet außerdem ihre Tour, die Cherilyn unter anderem am 29.11. ins Treibhaus in Innsbruck, am 30.11. in das Vereinshaus in Goefis und am 1.12. ins Wiener Chelsea führt. Uns erzählte die junge Sängerin von den Aufnahmen zu ihrem neuen Album, warum sie privat eigentlich kaum Musik hört und welche Dinge sie ganz besonders an Österreich mag.

Ich habe gehört, dass du privat kaum Musik hörst. Stimmt das?

Ja, das stimmt. In den vergangenen paar Jahren habe ich nur sehr wenig Musik gehört. Ich glaube, das liegt daran, weil ich jetzt, wo ich in Berlin lebe, nicht mehr mit dem Auto fahre und ich früher immer nur im Auto Musik gehört habe. Momentan bin ich entweder mit dem Rad oder mit dem Zug unterwegs. Ich kann einfach nicht Musik hören, wenn ich etwas anderes mache, weil es mich total ablenkt. Außerdem macht mich Musik hören mit Kopfhörern in der Öffentlichkeit unsicher - irgendwie fühle ich mich da so verletzlich. Aber ich gewöhne mich daran. Manchmal gehe ich im Park laufen und die Musik versetzt mich dann wie in eine Art Film. Erst kürzlich habe ich mir alte Lautsprecher und Verstärker zugelegt und viele Platten gehört. Ich glaube, das hilft mir, Musik hören wieder zu genießen.

Und wessen Musik hörst du zur Eingewöhnung am liebsten?

Ich mag vor allem ältere Musik - wie die wunderbaren Sängerinnen Billy Holiday und Marlene Dietrich. Erst vor kurzem war ich auf dem Konzert von The Staves in Berlin. Das sind drei Schwestern aus Watford, die mich wirklich beeindruckt haben. Auch Peter Gabriel habe ich vor einigen Wochen live gesehen und sein Auftritt hat mich einfach umgehauen. Es war richtig emotional für mich, deshalb höre ich seine Musik im Moment auf und ab. Und ich habe zwar erst einmal reingehört, aber das neue Prefab Spout Album scheint auch großartig zu sein!

Dein drittes Album "Rivonia" wurde großteils durch deine Erfahrungen in Südamerika beeinflusst. Welche Dinge inspirieren deine Musik sonst noch?

Thematisch wird meine Musik stark davon beeinflusst, was in mir vorgeht. Außerdem schreibe ich gerne Geschichten und Charaktere, weshalb mich Dinge, die ich höre und sehe, stark inspirieren. Meine Musik wurde definitiv auch durch meine klassische Klavierausbildung als Kind und Sacred Harp geprägt... Und ich glaube, auch meine Liebe zu alten Musicals wie "My Fair Lady" und "The Sound of Music" fließt irgendwie mit ein.

Könntest du dir vorstellen, auch mal Lieder über dein Leben in Deutschland zu schreiben?

Ich kann natürlich nicht sagen, dass das niemals passieren wird. Ich glaube aber, dass es noch etwas Zeit braucht, bis ich die deutsche Kultur verinnerlicht habe. Berlin hat aber zum Beispiel schon in meinem Song "Bear", der auf meiner letzten Platte "Idealistic Animals" zu finden ist, eine große Rolle gespielt, wenn ich über den Templhofer Park singe, der bei mir um die Ecke liegt.

Du kominierst so viele verschiedene Genres in deinen Songs und mischt Folk, Pop, Musical-Elemente, Afrobeats und noch vieles mehr zusammen. Wie würdest du deine Musik denn einem Außerirdischen beschreiben, der zwar unsere Sprache versteht, aber keine Ahnung von Musikgenres hat?

Meine Musik ist ehrlich, gefühlvoll und dramatisch. Sie ist ziemlich ernst, aber manchmal doch wieder total albern. In meinen Songs finden sich so viele verschiedene Klangfarben von vorwiegend akustischen Instrumenten wie Schlagzeug, Klavier, Violine, Horn, Harmonika und Akkordeon. Viele verschiedene Sänger sind zu hören, aber das meiste singe ich. Meine Stimme ist hell und klar, aber hat auch eine gewisse Schärfe, die in manchen Momenten ausbricht. Es kann sein, dass man sich meine Songs einige Male anhören muss, bevor man sie mag, weil man nicht viele Elemente finden wird, die sich wiederholen. Während die Instrumente hell sind, sind die Texte eher düster. So kann jeder für sich selbst entscheiden, ob die Musik erheiternd wirken soll oder man sich doch mehr auf die traurigen Texte einlassen möchte.

"We Followed Every Sound" erscheint am 9. Dezember. Was können deine Fans von diesem orchestralen Live-Album erwarten?

Ich bin sehr zufrieden mit dem fertigen Album. Es war eine große Herausforderung, weil ich gemeinsam mit dem Orchester vorher bloß ein einziges Konzert gespielt habe. Es wäre natürlich viel einfacher gewesen, wenn wir davor schon die ganze Zeit gemeinsam auf Tour gewesen wären. Aber so mussten wir uns monatelang den Arsch aufreißen und ich hatte definitiv mehr als eine schlaflose Nacht deswegen. Das Ergebnis kann sich aber sehen lassen. Max hat wirklich wundervolle Arrangements für das Orchester geschaffen. In meinen Augen sind die Neuinterpretationen meiner alten Songs sehr gut gelungen. Es steckt so viel Drama darin, aber doch eine gewisse Leichtigkeit und Spaß, was mir immer ein großes Anliegen ist. Ich glaube, dass die orchestrale Version die düstere Seite der Lyrics stärker zum Vorschein bringt.

Das war also  das erste Mal, dass du mit einem Orchester zusammenarbeiten durftest. Wie war diese Erfahrung für dich?

Genau, das war das erste Mal für mich und es war auch eine ziemliche Herausforderung. Die Halle, in der wir gespielt haben, war richtig groß und hat stark gehallt. Das hat uns oft das Gefühl gegeben, dass wir nicht im richtigen Takt miteinander spielen, obwohl wir in Wahrheit alles richtig gemacht haben. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und uns darauf zu konzentrieren, was wir selbst taten. Vor allem für mich war das natürlich eine Schande, weil ich das Orchester doch spielen hören wollte! Ich hatte auch Schwierigkeiten, dem Dirigenten zu folgen, weil ich davon natürlich keine Ahnung hatte. Es war fast so, als würde man ein Gespräch mit jemandem führen, der eine Sprache spricht, die man selbst nicht versteht. Also habe ich einfach meine Augen geschlossen und gespielt, unser Dirigent Berndt hat sich mir angepasst und dieser hat wiederum das Orchester angeleitet.

Du bist bald wieder auf Tour. Wie wirst du die orchestralen Versionen live umsetzen? Was können sich die Fans da erwarten?

Leider können wir nicht alle 60 Personen mitnehmen, also ist es fast unmöglich, die orchestralen Arrangements beizubehalten. Aber es gibt definitiv Elemente, die ich unbedingt einfließen lassen würde. In meiner Vorstellung sind Shows von Dear Reader einfach spaßig. Wir lachen ständig und reden viel Unsinn auf der Bühne. Wir mögen es einfach, ein intimes Setting zu kreieren, sodass es sich so anfühlt, als würden Freunde im Wohnzimmer miteinander abhängen.

Auf deiner Tour wirst du auch drei Shows in Österreich spielen. Was ist das Besondere an dem Land oder dem Publikum, das dich immer wieder zurückkehren lässt?

Ich finde Österreich großartig. Einmal hatte ich ein wunderbares Kurzwochenende in Wien, wo wir versucht haben, alles in zwei Tagen anzusehen, was es so zu sehen gibt (und haben mehr geschafft, als menschlich überhaupt möglich ist). Seither bin ich ein großer Fan der Stadt. Außerdem liebe ich euren deutschen Dialekt, es ist so lustig zuzuhören. Einmal haben wir einen freien Tag dazu genutzt, durch Slovenien und Österreich zu fahren und waren plötzlich mitten in den Bergen essen, wo alles aussah wie in "Heidi", an einem anderen freien Tag waren wir dann zum ersten Mal Schlitten fahren. Ich habe schon so viele nette Menschen in Österreich kennengelernt - Fans und Leute, die im Musikbusiness arbeiten. Und natürlich darf ich FM4 nicht unerwähnt lassen. Ich habe so viele wunderschöne Erinnerungen an Österreich und möchte noch viel mehr davon.

Welche Tour-Städte sind dir ganz besonders in Erinnerung geblieben? Und wo auf der Welt würdest du gerne noch Konzerte spielen?

Ich glaube, viele unserer ganz besonderen Konzerte hatten wir in Hamburg, Köln und Kapstadt. Es gibt noch so viele Plätze, die ich gerne mal besuchen würde. Ganz oben auf meiner Liste steht im Moment wohl Mexico. Den Trip würde ich dann gerne mit einem Roadtrip durch die Südstaaten für ein bisschen "Shape Note Singing" und Nationalpark-Besuche kombinieren, der schließlich in Alaska oder Kanada enden soll, um dort die Chance zu bekommen, Polarlichter zu sehen.

Danke für deine Zeit und das aufschlussreiche Gespräch!

Ich danke dir!

Petra Püngüntzky

Chefin vom Dienst | Content Managerin
Ressortleiterin Musik & Events
Redakteurin | Fotografin

petra.puenguentzky (ät) unimag.at

 

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