BÜCHERBÖRSE

Don't believe the hype: Shakira

Shakira - Shakira (c) Sony Music
Shakira - Shakira

Hier geht's den Chartstürmern an den Kragen. Diesmal ist Shakira auf dem Prüfstand. Die veröffentlicht nämlich in diesen Tagen ihr zehntes Studioalbum. Benannt ist es nach ihr selbst. Ähnlich einfallsreich sind die Songs darauf.

Wenn man sich derzeit in den Charts umhört, dann scheint der einvokalische Refrain ("Uuhuuhuhuuh") geradezu symptomatisch für eine Zeit zu stehen, in der es sich die Frage nach Qualität oder Quantität überhaupt nicht mehr zu stellen lohnt. Vielmehr hat eine unerträgliche Uniformiertheit den Platz des Neuen, des Ausprobierens und des bewussten Überschreiten der Pop-Gesetze eingenommen. Der Einheitsbrei aus übersexualisierten Texten, unterfüttert mit beleidigend stupiden Bumtschack, übertroffen lediglich von der Belanglosigkeit der Refrains, der heutzutage aus den Lautsprechern pulsiert, ist dermaßen unerträglich, dass sogar die Frage nach dem Ruf des Fuchses eine willkommene Abwechslung darstellt. Jetzt klinge ich wie ein alter, verbitterter Mann, der die Jugend nicht mehr versteht, aber mal ehrlich – geht es euch nicht auch manchmal so? Nun reiht sich auch noch Shakiras neues Album mit der Tiefsinnigkeit eines "Nimm ein Sackerl für dein Gackerl"-Schildes genau in diese Flut der obsoletesten Alben des Jahres ein. Und wir haben erst März.

Waka Waka. Das war ein Omen.

Zwei Jahre lang war es ruhig um die wahrheitsliebenden Hüften (Badum-tss) von Shakira, deren letzter großer Erfolg bei mir immer noch nervöses Lidzucken verursacht, wenn ich nur daran denke. Der war nämlich musikalisch ungefähr so wertvoll wie die zugehörigen Vuvuzelas. Aber gut, neues Album, neues Glück. Ich bin schon sehr gespannt. (Badum-tss)

Mein persönliches Highlight ist, wenn Songs ein in Klammern gesetztes Addendum haben. "Snow (He Oh)" oder "You And Me (In My Pocket)". Das ist zwar subjektiv, aber mich nervt das aus irgendeinem Grund ganz besonders. Shakiras erster Track heißt "Dare (La la la)". Na Bumm. Dankenswerterweise macht dieser Track auch gleich klar, worum's diesmal geht. Nachdem Shakira die vergangenen Jahre brav abgefrühstückt hat, was gerade im Trend war (Latinopop, Fußballhymne, Disco-Revival) rumpelt sie diesmal mit 'fetten' Bässen und 'tanzbaren' Melodien daher. Aber hey – warum sollte das, was bei Miley, Katy, Jennifer, Beyoncé, Madonna, Kylie und Rihanna so gut funktioniert, nicht auch hier zünden? Apropos Rihanna: Die werte Kollegin sorgt im zweiten Song (und gleichzeitig der Single-Auskopplung) beflissen für die feine Nuance Nebenhöhlenentzündungs-Timbre, dass dem unsäglichen Rumgeknödle einfach noch gefehlt hat. Der Refrain? "Uah-uh-oh-uh" - Was sonst. Und was textlich fehlt, wird im Musikvideo ähnlich klug visuell umgesetzt. Da zählt man allein in der ersten Minute 24 Busen/Hintern/Schrittgefummel/Dryhump-SlowMos. Und da ist Rihanna noch nicht mal dabei. Denn wenn der singende Regenschirm dazustößt, wird's erst richtig interessant. Dann schmeißen sich die Ladies nämlich aufeinander, beide mit unterarmgroßen Zigarren und robben übers weiße Leintuch. Ich weiß, ich weiß. In Zeiten von 50 Shades of Feuchtgebiete ist das kein Aufreger mehr. Aber man muss wirklich kein Theaterwissenschaftler sein, um zu merken, dass es wohl schwierig ist, die Sinnentleertheit des Songs visuell noch mehr zu verstärken. Doch zurück zum Album.

"Empire" ist Nummer Drei und macht kurz Hoffnung. Im Intro ein bisschen Skyfall von Adele, der rhythmische Unterbau von Imagine Dragons entliehen, hier und da klingt ein Hauch Alanis Morissette durch. Aber weil eine halbe Din A4 Seite Lyrics für ein Album scheinbar reichen muss, macht der Track den Hattrick voll und beschränkt sich im Refrain auf einen einzigen Buchstaben: Das U. Ernie und Bert wären stolz. Mir aber reicht's.

Vokale sind was Schönes

Was man hier hört, ist nichts anderes, als ein weiteres Indiz, dass die Musikindustrie lieber auf Nummer sicher geht, als Innovation und Einzigartigkeit zuzulassen. Wenn sich etwas verkauft, dann wird es reproduziert. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das führt dazu, dass man irgendwann nicht mehr unterscheiden kann, welches Retortenkind gerade aus dem Radio stöhnt und plärrt. Und dabei ist es wurschtegal, ob eine Shakira auf ihren ersten Alben mit einem gekonnten Mix aus Tango, Bossanova und gut gemachten Pop, in sich stimmige Songs vorgelegt hat. Und so muss ich zum Schluss doch wieder klingen, wie ein alter Mann: In Zeiten, in denen es reicht, nackt auf einer Betonkugel zu schaukeln, um gehört zu werden, wird es wohl ein frommer Wunsch bleiben, dass man endlich aufhört, Musik zu planen. Künstlerinnen und Künstler auf das Kopiergerät des Mainstreams zu klatschen, bis die Armee der Quoten (Badum-tss) endlich in sich kollabiert. Gebt den Leuten die musikalische Freiheit zurück! Oder wenigstens das vollständige Alphabet.

Michael Hinterseer

Michael Hinterseer ist Redakteur und Fotograf, sowie TheWi Student mit Überzeugung. Er mag es, wenn Leute seine Sachen lesen und findet es total doof, über sich selbst in der dritten Person zu schreiben.

Erreichbar unter: michael.hinterseer (ät) unimag.at


bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook