BÜCHERBÖRSE

Poolinale 2014: Ein Rückblick

Sixto Rodriguez (c) Polyfilm
Sixto Rodriguez

Das Musikfilmfestival Poolinale ging diese Woche in die bereits vierte Runde und strotzte nur so vor Highlights. Ein Rückblick auf This Is Spinal Tap, Fuck The Atlantic Ocean, DMD KIU LIT, Mistaken For Strangers und Searching For Sugarman.

Bereits zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung fand die Poolinale mit einem 30 Years Anniversary Screening This Is Spinal Tap im Gartenbaukino ihren inoffiziellen Anfang. Rob Reiners Mockumentary begleitet die britische Band Spinal Tap auf ihrer Tournee durch die USA, die zu einem monumentalen Flop wird. Nicht umsonst ist This Is Spinal Tap ein Kultfilm: kein Klischee wird ausgelassen und ist ein wahrer Angriff auf die Lachmuskulatur.

Offiziell eröffnet wurde das diesjährige Festival im Porgy & Bess mit der Weltpremiere einer österreichischen Produktion: Fuck The Atlantic Ocean ist die Verfilmung einer verrückten, spontanen Idee - eine Tour durch Südamerika. Der Beginn dieser Geschichte ist eine kurze Session, die die heimischen Musik-FilmerInnen von They Shoot Music mit Sweet Sweet Moon bei der Poolinale 2011 drehten. Plötzlich nahmen die Zugriffszahlen auf das Video vor allem aus Lateinamerika zu, die Kommentare zum Video (einer davon war der titelgebende "fuck the atlantic ocean!") häuften sich, die Band bekam Einladungen von Fans aus Lateinamerika – und nahm sie an. Der Film zeigt eine Reise mit Höhen und Tiefen, auf der die Band überall spielt, wo sie Gelegenheit findet: auf Parties, einer privaten Geburtstagfeier, vor meterhohen Felswänden oder in einer Ballettschule. Ein sehenswerter und eigenwilliger Roadmovie der ebenso eigenwilligen österreichischen Band Sweet Sweet Moon. Eine Empfehlung.

Das Prädikat "eigenwillig" trifft auch auf Ja, Panik und den Film zu ihrem Album DMD KIU LIT zu. Der Berliner Regisseur Georg Tiller begleitet darin die Band beim Entstehungsprozess des Albums. Warum der in schwarz-weiß gehaltene Film als "Anti-Musikfilm" bezeichnet wird, liegt auf der Hand: Der Film zeigt zwar eine Band, Musik ist allerdings nicht zu hören. Ohne viele Worte, mit wenigen Schnitten und viel Melancholie ist der Film zwar gewöhnungsbedürftig, aber überraschend kurzweilig.

Eigenwillig geht es auch bei Mistaken For Strangers weiter. Tom Berninger begleitet seinen um 9 Jahre älteren Bruder Matt Berninger als Roadie durch die Welt, als dieser mit seiner Band The National auf Tournee geht. So ähnlich wie Matt und Tom sich äußerlich sind – so unterschiedlich sind ihre Charaktere. Matt, der melancholische, ruhige, erfolgreiche Rockstar. Tom, der aufgeweckte, spontane, vergessliche, etwas dickliche und erfolglose (Amateur-) Filmemacher. Auf Tour wollen die beiden ihre distanzierte Beziehung wieder intensivieren, was zunächst nur mäßig gelingt. Die unterschiedlichen Charaktere der beiden Brüder, die daraus entstehende Situationskomik und die nachdenklichen Momente, die Tom auf seiner Suche nach sich Selbst durchlebt, seine Selbstzweifel und seine Art, mit diesen Zweifeln umzugehen, machen den Film zu viel mehr als nur einen Einblick in das Tour-Leben einer Indie-Rockband.

Das Highlight kam in diesem Jahr ganz zum Schluss: Searching for Sugarman erzählt eine schier unglaubliche Geschichte, wie sie selbst Hollywood nicht besser schreiben hätte können. Es ist die Geschichte des Singer-Songwriters Sixto Rodriguez aus Detroit, der mit seinen beiden Alben wahre Flops hinlegt und von seiner Plattenfirma rausgeschmissen wird. Darauf hin kehrt Rodriguez der Musik den Rücken zu und bestreitet mit verschiedenen Arbeiterjobs in Detroit seinen Lebensunterhalt. Irgendwie, die genauen Umstände sind unklar, gelangt eines von Rodriguez Alben nach Südafrika, wo die kämpferischen und melancholischen Texte in Zeiten der Apartheit zu Hymnen der weißen Mittelschicht werden. Sie Alben verkaufen sich millionenfach, er wird zum Superstar – und weiß nichts davon. In Südafrika entsteht ein Mythos um den längst für tot geglaubten Amerikaner – man erzählt sich Geschichten über die Ursachen seines tragischen Todes, die von Selbstverbrennung auf der Bühne bis zum Selbstmord durch Kopfschuss reichen. Als ein Journalist Rodriguez nach Jahren doch ausfindig macht und er quicklebendig und bei bester Gesundheit ist, ist man fassungslos. Der Musiker wird zu Konzerten nach Südafrika eingeladen und selbst als er dort eintrifft, können alle Beteiligten immer noch nicht glauben, was gerade passiert: die todgeglaubte Legende lebt. Und ist in Südafrika. Nur Rodriguez selbst, der zwar sichtlich überrascht von seinem Erfolg ist, wirkt gelassen und ruhig. Er scheint endlich angekommen zu sein. Er genießt den Rummel um seine Person und saugt jede Sekunde in sich auf. Selbst im Kino ist es ein schlichtweg unglaublicher Moment, als Rodriguez schließlich die Bühne in einem Stadion in Kapstadt betritt, tausende Fans ihm zu jubeln und Tränen fließen. Eine Geschichte, die vor allem eines zeigt: Das Leben selbst schreibt eben doch die allerschönsten Märchen.

Der große Ansturm auf einen Großteil der Filme – viele Vorstellungen waren ausverkauft – war völlig gerechtfertigt, kein einziger Film war eine Enttäuschung. Ausgesprochen erfreulich ist auch, dass es gleich zwei Filme von und/oder mit Bands aus Österreich zu sehen gab und macht Hoffnung, dass in Zukunft vielleicht noch weitere heimische Bands den Sprung auf die große Leinwand schaffen. Zwar spiegelte sich das über allem stehende Thema "Musik und Gesellschaft" zwar nur mäßig wider, trotzdem war die Auswahl der Filme mehr als geglückt und weckt bereits die Vorfreude auf das nächste Jahr.

Bleibt also nur noch eines zu sagen: Poolinale 2015, wir sehen uns.

Elisabeth Voglsam

Ressortleiterin Musik & Events
Fotografin & Redakteurin

Twitter: @EVoglsam
Instagram: vogigram_vie

elisabeth.voglsam (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: September 2012

Webseite: www.flickr.com/photos/lilacsky
 

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