BÜCHERBÖRSE

Wye Oak - Shriek

Wye Oak - Shriek (c) City Slang

Ein Mann steht zwischen verlassenen Autos auf einem Highway, hat ein Scharfschützengewehr im Anschlag. Er sucht nach einem Ziel und langsam kommt es hinter einer der Karossen zum Vorschein. Der Finger ist am Abzug, doch plötzlich zögert er … "Oh Christ … hide under the cars!" Wem dieser Satz bekannt vorkommt, der fragt sich jetzt vielleicht, warum ich bei einer Album-Review eine Szene aus dem Trailer zur 2. Staffel der US-Zombie-Serie "The Walking Dead" als Einstieg gewählt habe. Das hat folgenden Grund: In dem Moment, als dem Mann bewusst wird, dass er keine Chance hat und die anderen warnt, setzt die Musik ein. Eine dramatische, treibende Musik, es ist der Song "Civilian" vom gleichnamingen dritten Album des Indie-Folk-Rock-Duos Wye Oak, mit dem den Musikern aus Baltimore der Durchbruch gelang und das den Trailer zum bis dato wohl besten Zombie-Trailer seit Danny Boyles "28 Weeks Later" maßgeblich begleitete, in dem die Muse-B-Seite "Shrinking Universe" eine ähnliche Spannung erzeugte.

Nun steht also das vierte Studioalbum "Shriek" in den Läden und was der erste Song "Before" für den Hörer bereithält, ist vom ersten Ton an ungewöhnlich – zumindest für diese Band. Denn was man da hört, lässt aufhorchen, gehören die ersten Töne doch dem Synthesizer. Sie sind allerdings nicht wie die wilden Entgleisungen, die sich mancher Musiker heutiger Tage erlaubt, ganz im Gegenteil wagen Andy Stack und Jenn Wasner einen Ausflug in die experimentellen Weiten der Musik. Wye Oak verstecken sich also nicht hinter ihren musikalischen Neuentdeckungen, sondern teilen ihre Weiterentwicklungen ab dem ersten Moment mit dem geneigten Publikum. Der Synthesizer hält sich zwar meist im Hintergrund, allerdings wird dieser ab und an zur bestimmenden Kraft des Geschehens, um dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Außerdem werden Melodien bedient, die man eher von Musikern wie den Friendly Fires kannte. Auch das Titelgebende !Shriek! lässt dieses Gefühl unweigerlich aufkommen, was aber nichts Schlechtes bedeuten muss.

Die erste Single "The Tower" stieß bei den Fans der Band auf gemischte Gefühle, aber es war dann doch ein schlussendlich positives Feedback, wie sich hier und da im Internet lesen lässt, auch wenn der ein oder andere die Gitarren vermisst. Es lässt sich nicht bestreiten, dass sich der Sound der Band im Vergleich zu den Vorgängern deutlich verändert hat, was zumindest die Liebhaber der Folkanteile in der Musik wohl oder übel vergraulen dürfte. Es ist allerdings auch wirklich interessant mitanzuhören, wie ein Song wie "Glory" zwischen den verschiedenen Einflüssen hin- und herdriftet. Hier Portugal. The Man, nach zwei Drittel kommen Erinnerungen an The Soft Moon hoch, um am Ende mit Box Codax ins Ziel zu fahren.

"Paradise" hingegen treibt den Takt zum ersten Mal auf dem Album merklich voran und Stack verwandelt sein Schlagzeug zeitweise fast schon in eine Kriegstrommel. Wäre das Stück noch ein paar Minuten länger, könnte man fast meinen, hier sei ein Steven Wilson am Werk gewesen. "I Know the Law" hingegen kommt fast wie ein fröhliches Stück von Esben and the Witch um die Ecke. Im letzten Track der Platte, "Logic Of Color", wagt man dann aber doch noch einen Schritt zurück zu den Wurzeln. Es ist das mit Abstand zugänglichste Lied auf "Shriek" und mit knapp drei Minuten auch leider das kürzeste des Albums.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Wye Oak einen großen Schritt gewagt haben - weg vom Folk, hinein in die experimentellen Tiefen des Synthesizers. Dieser Schritt wirkt gekonnt und gewollt und wird der Band neue Fans bescheren, abseits des Mainstreams. Ein neuerlicher Trailer kommt wohl nur noch mit dem letzten Song in Frage – aber das scheint auch nicht das primäre Ziel der Band zu sein. Es bleibt also zweifellos weiter spannend, wenn man diese Band auch in der Zukunft auf dem Schirm hat.

Wye Oak kommen diesen Sommer auch zweimal nach Österreich - am 28. Mai ins Chelsea und am 7. Juni nach Kleinreifling aufs Seewiesen-Festival.

WYE OAK - "SHRIEK"
UNIMAG-Rating: 4 von 5
Genre: Indie, Folk, Newgaze
10 Songs, Spielzeit: 41:34
Label: City Slang
VÖ: 29.04.2014

Album-Tracklist

1. Before
2. Shriek
3. The Tower
4. Glory
5. Sick Talk
6. Paradise
7. School Of Eyes
8. Despicable Animal
9. I Know The Law
10. Logic Of Color

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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