BÜCHERBÖRSE

Mileys Kindergeburtstagsparty auf LSD

Mileys Kindergeburtstagsparty auf LSD (c) Petra Püngüntzky

Die zweit berühmteste Zunge des Pop-Business (nach Gene Simmons) aka Miley Cyrus machte auf ihrer Bangerz-Tour Halt in der Wiener Stadthalle und spuckte dabei ihre Fans an, ritt auf einem Hot Dog und rekelte sich in einem Kostüm aus Dollar-Scheinen auf einem Auto. Was folgt, ist eine Abrechnung mit einem lächerlichen Konzert.

Das Übel begann bereits beim Betreten der Halle, die von Tausenden pubertierenden Mädchen, kleinen Kindern und ihren Eltern gut gefüllt war und sich so bereits vor Konzertbeginn auf gefühlte 50 Grad erhitzt hatte und einem den Schweiß ins Gesicht trieb. Also mache ich mich schnell noch auf die Suche nach einem Platz, von dem aus man einen Blick auf die Bühne erhaschen kann, schnappe im Vorbeigehen Gespräche über Justin (Bieber) und Justin (Timberlake) auf und sehe überall frisch gestochene, glänzende und stolz präsentierte Tätowierungen. Nach minutenlangem Herumirren habe ich dann doch endlich einen passablen Platz gefunden und endlich Zeit, mich in Ruhe umzusehen und herauszufinden, wer eigentlich die Menschen sind, die ein Miley Cyrus Konzert besuchen. Die Antwort ist schnell gefunden: Volksschulkinder. Und ihre Eltern. Erst nach mehreren Minuten sehe ich zum ersten Mal einen erwachsenen Mann, der nicht als Begleitung seiner Kinder hier ist, sondern aus scheinbar freien Stücken. Das Konzert hatte noch nicht einmal begonnen, da kollabierte knapp neben mir schon das erste Teenie-Mädchen – die Kombination aus brütender Hitze, Vorfreude und Aufregung hatte ihre Tribute gefordert. Das etwa 6-jährige Mädchen hinter mir war bereits jetzt so müde, dass ihre Mutter überlegte, ob sie nicht lieber gleich nach Hause fahren sollten. Sie blieben zwar, machten sich dann aber nach etwa der Hälfte des Konzertes doch auf den Heimweg.

Punkt 21 Uhr dröhnten endlich die erste Beats durch die Halle, die ersten Luftballons, die als Deko überall in der Halle hingen, zerplatzen und ich fragte mich, ob ich denn eine Durchsage überhört hätte, dass ab sofort eine absolute Pflicht besteht, sein Smartphone in die Höhe zu strecken und möglichst alles festzuhalten – ob denn nun auf der Bühne gerade etwas passiert oder nicht. Und dann war es passiert: Plötzlich rutschte MileykreischCyruskreisch über eine riesengroße Zunge auf die Bühne. Wow. Wie innovativ! Die Mädchen kreischten sich bei jeder noch so kleinen Geste, jeder noch so kleinen Bewegung, jedem einzelnen Ton von ihrer Miley die Seele aus dem Leib, als ob es dabei um Leben oder Tod ginge. Auf der Bühne herrschte währenddessen angestrengtes Treiben: Es wurde getanzt, die Beine gespreizt, die Zunge rausgestreckt, eine kleinwüchsige Frau tanzte mit einer Baby-One-More-Time-Britney-Spears-Maske, andere Tänzer waren in seltsame Tierkostüme gehüllt und Miley brüllte immer wieder Unverständliches in Mikrofon. Die Menge drehte durch – zumindest der Inner Circle, während man auf den Sitzplätzen recht gelassen gemütlich sitzen blieb. Dieser Umstand passte der Sängerin (die mehrfach betonte, sie sei die letzten Tage krank gewesen und brauche die Energie des Publikums deshalb heute mehr denn je) ganz und gar nicht. Kurzerhand schrie sie die Leute auf den Sitzplätzen an und machte sie darauf aufmerksam, dass dies ein Konzert sei – und bei Konzerten sitzt man nun mal nicht. Aber echt! Der geübte Wiener ignorierte dies natürlich gekonnt. Aufstehen? Sicher nicht, wir haben doch für unsere Sitzplätze bezahlt!

Die Fans in den vorderen Reihen kamen währenddessen voll auf ihre Kosten und wurden dafür von Miley auch reichlich belohnt. Diese nahm ein paar kräftige Schluck Wasser in den Mund und spuckte es fontänenartig in die Menge. Sie ist ja so großzügig! Den Fans hat dieser doch etwas grausliche Akt tatsächlich gefallen, wie man am gleich noch lauteren Kreischpegel zweifellos feststellen konnte.

So plätscherte das Konzert belanglos vor sich hin, ohne wahrhaftige Highlights. Zahlreiche (schwache) Coverversionen (der traurige Höhepunkt war hier "Hey Ya" von OutKast. Es tat schon fast weh, zuzuhören.) wechselten sich mit nicht unbedingt besseren eigenen Werken der Miley C. ab. Während man sich für zwei Lieder auf einem Country-Konzert wähnte, landete man beim nächsten Song in einem Club in der tiefsten Bronx auf einem HipHop-Konzert. Und weil man offensichtlich nicht die Songs für sich selbst sprechen lassen kann, muss man natürlich regelmäßig das Bühnenoutfit wechseln. Wie viele es am Ende waren, kann ich nicht sagen – nach dem sechsten Outfit habe ich aufgehört mitzuzählen. Nun gibt es an häufigen Kostümwechseln per se nicht viel auszusetzen, als Popstar von Welt gehört das scheinbar einfach dazu. Kritisch wird es aber, wenn der Star nach fast jedem Song für 2, 3 Minuten von der Bühne verschwindet und man als Zuschauer mit Musik vom Band und Videoeinspielungen abgespeist wird (was Alt-J dazu sagen, dass sie bei einem Miley Cyrus-Konzert als Lückenfüller herhalten müssen, will ich lieber gar nicht wissen). Mit solch einem Konzept ist es einfach schwer, in eine richtige Konzertstimmung zu kommen. Überhaupt war auffallend, dass anscheinend niemand die Lieder kannte, was für ein Konzert dann doch etwas ungewöhnlich ist (bevor wieder Beschwerden von den Front-Row-Girls kommen: Natürlich, ihr kanntet jedes Lied. Ihr seid die wahren Fans und habt auch ordentlich mitgesungen!).

Nach 1,5 Stunden war es dann endlich so weit und Miley ritt auf einem riesigen, mit Luft befüllten Plastik-Hot Dog auf und davon und jubelte "This is the biggest Wiener of Vienna!" (Schade, dass sie anscheinend den Wortwitz nicht erkannte), bevor sie samt ihrem Wiener hinter der Videowall verschwand. Das Warten auf die Zugabe dauerte dann kürzer, als die ständigen Kostümwechsel zwischendurch. Endlich war es so weit: Die einzigen beiden Hits, die die 21-Jährige bisher verbuchen konnte, schallten durch die Betonwüste namens Stadthalle. Die Stimmung war nun, bei "We Can't Stop" und vor allem "Wrecking Ball" so, wie sie schon die ganze Zeit hätte sein sollen. 

Miley Cyrus machte ihrem Ruf alle Ehre, obwohl sie enttäuschend selten ihre Zunge herausstreckte, und geizte nicht mit ihren Reizen. Kein einziges Mal trug sie eine richtige Hose, wenn sie sich setzte, spreizte sie die Beine so weit es nur irgendwie ging, ihr Hintern war stets nackt, der Ausschnitt tief. Die Hand, mit der sie nicht das Mikrofon hielt, befand sich die meiste Zeit an ihrem Schritt. Was die vielen kleinen Kinder auf solch einem Konzert suchen, ist absolut fragwürdig. Man muss wirklich nicht bieder sein, um ein Miley Cyrus-Konzert als den falschen Ort für 6-Jährige zu bezeichnen. Welche eine Wirkung und welch einen Einfluss ein Star wie sie auf Kinder und Teenies hat, war unübersehbar. Nicht nur eine trug die gleiche Frisur wie ihr Idol und imitierte ihren freizügigen Kleidungsstil. Klar, das ist ein Pop-Konzert, man könnte darüber lachen und das alles nicht allzu ernst nehmen. Aber wenn ein Teenie-Star diesen Einfluss auf das Leben ihrer Fans hat, dann ist das bestimmt nicht mehr lustig und sie könnte ihre Fans sicher in einer sinnvolleren Art und Weise beeinflussen.

Zum Schluss bleiben nur noch drei Fragen offen: Kann Miley Cyrus eigentlich noch sitzen, ohne die Beine zu spreizen? Besitzt Miley Cyrus eigentlich Hosen? Und: Liebe Konzertgänger, wie wäre es zur Abwechslung einmal damit, Bilder im Kopf zu behalten anstatt auf euren Smartphones?

Elisabeth Voglsam

Ressortleiterin Musik & Events
Fotografin & Redakteurin

Twitter: @EVoglsam
Instagram: vogigram_vie

elisabeth.voglsam (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: September 2012

Webseite: www.flickr.com/photos/lilacsky
 

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