BÜCHERBÖRSE

Austra - Habitat EP

Austra - Habitat EP (c) Domino Records

Die erfolgreiche kanadische Indie-Pop-Band Austra braucht wieder einen Sommerhit und macht aus dem "Habitat" genannten Stück gleich eine ganze EP.

Ein größeres Publikum erreichte das in Toronto verwurzelte Electronic-Pop-Trio Austra erstmals 2011 mit dem Song "Lose It", einer catchigen 80ies-Nummer mit unter anderem einem kultigen Zusammenspiel aus sirenenartigen Geheule und Synthies. Im Vorjahr konnten sie mit dem Sommerhit "Home" nahtlos an den Erfolg anschließen, wieder war die beeindruckende Stimme von Katie Stelmanis Verkaufsargument Nummer 1. In Sachen Sound hatte man mit einem klaren New Wave-Einfluss aber Fortschritte erkennen lassen.

Die Produktionsgeschichte hinter der nun veröffentlichten EP liest sich recht ambitioniert. Der Titeltrack "Habitat" ist demnach ein alter Fanliebling, der auf Konzerten regelmäßig großen Anklang findet, aber stilistisch nicht auf die beiden bisher veröffentlichten Alben gepasst habe. Zu einer EP aufgerundet wird der Song mit drei Stücken, die die Band als "euro-style computer music experiment" bezeichnet, an nach außen hin vertretener Ambition mangelt es also nicht. Bloß kann der tatsächliche Inhalt des neuen Releases dann doch recht schnell anders interpretiert werden: Auch 2014 braucht Austra wieder einen Sommer-Hit und weil man noch ein altes Lied in der Hinterhand hat, bringt man dieses mit drei unverwendeten Instrumentals als EP heraus. 

Ohrwurm-Vorgabe erfüllt

Also widmen wir uns dem wohl einzigen Grund für den zweifelhaften Release, dem Titeltrack "Habitat". Dieser ist, für die Band nicht untypisch, betont episch, reitet auf einer Synthie-Welle und dramatisiert das Geschehen vor allem mit einem recht dumpfen Beat. Dass der Sound nicht ganz auf die Alben gepasst habe, darf man der Band glauben, "Habitat" ist kühler und noch wesentlich stärker von der Disco-Szene inspiriert als der bisherige Output Austras. Stimmlich nimmt aber alles den gewohnten Lauf der Dinge, Stelmanis' beeindruckende Reise von recht weit unten bis weit nach oben ist auch hier das größte Wiedererkennungsmerkmal. Für einen Sommerhit ist der Song vielleicht sogar um eine Spur zu subtil, auf einen Ohrwurm vom Refrain - "I want you, I need you, brother" - darf man sich aber dennoch einstellen. Unterm Strich bleibt ein Lied, das Fans, womöglich auch Kritikern, zeigt, dass Austra noch eine Facette in petto hat, im Grunde aber auch wieder bald in Vergessenheit geraten wird.

Es folgt der Track "Doepfer", der erfreulicherweise nicht wie ein einfach noch nicht verwendetes Instrumental klingt. Stattdessen wird ein extrem monotoner Beat immer wieder neuinterpretiert, in andere Klänge entwickelt, atmosphärisch unterstützt und schließlich sanft aufgelöst. Die Rede vom "euro-style computer music experiment" klingt in diesem Zusammenhang gar nicht mehr so unglaubwürdig, aber wirklich beeindruckt kann man doch nicht sein. Selbst wenn man das Austra nicht zugetraut hätte, führt nichts daran vorbei, dass Sound-Künstler wie Caribou, Four Tet und viele andere das Gleiche schon seit Jahren machen, nur auf einem viel höheren Niveau.

Cooler Abschluss

"Bass Drum Dance" klingt dann zu Beginn schon eher wie ein Arrangement, das bei der Castingshow fürs nächste Album im Finale scheiterte. Zumindest auf die erste Hälfte, die vor allem auf die erste Austra-LP gepasst hätte, trifft das zu, dann wird das Ganze runtergefahren und in eine etwas experimentellere Richtung wieder hochgepeitscht. Plötzlich kommt dann sogar ein extrem hoher Gesang ins Spiel, der eine mysteriöse Stimmung erzeugt, verschwindet dann aber wieder, bevor es mit den Sounds des Anfangs zu Ende geht. Klar, kann man das Experiment nennen, aber auch nur, weil recht ordinäre Teile konfus zusammen gestückelt werden.

Am besten hat mir fast der Closer der EP gefallen, der einen recht sympathischen Titel hat: "Hulluu". Der ist auch passend, weil es ein recht verspielter Song ist, der fast schon ein bisschen nach Händeklatschen klingt und dem ein gewisser Trash-Faktor nicht abzusprechen ist. Unterstrichen wird das durch das großartige Vocal Sample, das mit todernster Betonung pseudo-gruselig dahinhaucht: "I took your microphone, it's in the river". Außerhalb jeglichen Kontexts platziert, erinnert der Text stark an die frühen 200er, als Disco-Sounds mit sinnentleerten "Lyrics" den erweiterten Mainstream eroberten.

Fazit

Experiment oder doch nur ein Möchtegern-Sommerhit mit instrumentaler Begleitung? Die Wahrheit über Austras neue EP "Habitat" liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen, relevant ist aber ohnehin nur, dass das Ergebnis wenig überzeugt. Das liegt in erster Linie daran, dass sich hier eine Band an etwas versucht, das zwar respektabel ist, für das es aber eben Experten gibt, die das wesentlich besser können. Was bleibt ist ein Release für Fans und die Hoffnung, dass die Experimentierfreude bis zum nächsten Studioalbum anhält.

AUSTRA - "HABITAT EP"
UNIMAG-RATING:
Genre: Indie-Pop, Electronica
4 Songs
Label: Domino Records
VÖ: 13.06.2014

Album-Tracklist

1. Habitat
2. Doepfer
3. Bass Drum Dance
4. Hulluu

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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