BÜCHERBÖRSE

How To Dress Well - What Is This Heart?

How To Dress Well - What Is This Heart? (c) Weird World
How To Dress Well - What Is This Heart?

Mit seinem dritten Album hat sich der als How To Dress Well getarnte R&B-Musiker Tom Kwell endgültig dem Lo-Fi abgewandt. Stilistisch aber wirkt er weniger gefestigt als je zuvor. 

Man soll nicht mit Vorschusslorbeeren in eine Albumreview gehen, aber es ist immer schön, wenn man überrascht wird. Tom Kwell aka How To Dress Well hat das schon einmal geschafft, als er nach seinem irgendwo hinter fürchterlich krächzenden Lo-Lo-Lo-Fi-Schwallen versteckten Debütalbum nur zwei Jahre brauchte, um mit "Total Loss" einen guten und sehr solide produzierten Nachfolger vorzulegen. Spätestens mit dem zweiten Output ließ sich Kwell ganz deutlich zum R&B zählen, den er durchaus weiß und modern, aber dennoch nicht so experimentell wie etwa Weeknd oder Frank Ocean interpretierte. Zu sagen, dass auf dem eben erschienenen "What Is This Heart?" nun alles anders ist, wäre übertrieben, die stilistische Bandbreite hat sich aber merkbar erweitert.

Dubstep-Elemente und Velvet Underground-Zitat

Richtig Bumm in der Überraschungskiste machts gleich beim ersten Song "2 Years On (Shame Dream)", der nach Klavierintro ein sehr minimalistischer Akustikgitarrensong wird. Den Mut zur Variation mag ich, das Ergebnis in diesem Fall leider nicht, erinnert es doch zu stark an das Geschnulze des irischen Singer-Songwriters Damien Rice. Apropos Geschnulze: Der Herzschmerz ist immer noch da, gleich mehrere Songs könnten als Zeichnung eines Beziehungsende interpretiert werden. Solange das aber wie hier lyrisch interessant umgesetzt ist, wird's keinen groß stören.

Gleich danach folgen zwei Songs, die klar dem R&B zuzuordnen sind, für Kwells bisherige Ambitionsgröße aber einen überraschend substantiellen, abwechslungsreichen Sound bieten. Auf "What You Wanted" wird das Klavier mit den altbekannten Synthies, aber auch einem sanften Dubstep-Sound unterwandert, der sich auf "Face Again" wieder zeigt. Bei letztgenanntem Song gefällt außerdem der Drums-Einsatz sehr gut.

Richtig cool ist dann, dass ein so stark im Pop verankerter Künstler wie How To Dress Well auf "See You Fall" ein deutliches Velvet Underground-Zitat setzt - Andere wollen hier "Venus In Furs" erkennen, für mich ist es ganz deutlich die "Heroin"-Gitarre. Der Song ist - wie fast alle auf dem Album - relativ kurz, hat aber dennoch einen tollen Bogen, mit Steigerung, Höhepunkt und schönem Ausklang. Das trifft auch auf das beste Stück der LP, das zentral liegende "Words I Don't Remember" zu, das eher ruhig beginnt, dann nur mit Kwells Stimme so intensiviert wird, dass die Speaker kurz explodieren ehe sie ganz stumm gestellt werden. Wieder aufgenommen wird der ambitionierte Pop-Song mit genialem Echo, steigert sich schließlich in an Michael Jackson erinnernden Backgroundgesang und verabschiedet sich in diesem auch wieder.

Songwriting als kleine Schwäche

Die interessante Struktur fällt zugegeben aber auch deswegen so auf, weil es dem Album an richtig interessant geschriebenen Songs ein bisschen mangelt. Zu oft plätschert das Ganze nur dahin, für Aufhorchen sorgen in der Regel nicht die Qualität von Struktur, Melodie oder Refrain, sondern eben Experimente im Soundbereich. Man könnte aber dagegen argumentieren, "What Is This Heart?" wäre sowieso nur für den dauerhaft konzentrierten Zuhörer gedacht, sind doch viele Arrangements erst beim dritten oder vierten Mal in ihrer Gänze erkennbar.

Für eine Überraschung gut ist auch noch Track Nummer Neun, mit dem rekordverdächtig langen Titel "Childhood Faith In Love (Everything Must Change, Everything Must Stay the Same)". Kwell singt darin teilweise so schnell, dass er fast über seine eigenen Worte stolpert, um dem vergleichsweise fröhlichen Beat zu folgen. Es passt zum introvertierten Künstler, dass er sich dem euphorischen Höhepunkt nie ganz hingibt, den Sound just in jenem Moment zurückzieht, in dem die naive Fröhlichkeit gekrönt werden würde.  

Fazit

Auch die meisten der hier nicht beschriebenen Songs gewinnen durch genaues und mehrfaches Hinhören. Für mich persönlich haben sich wesentliche Kritikpunkte (Produktionsqualität, Stilmonotonie) verflüchtigt, womit einer Anhebung auf ganz hohes Niveau nicht mehr viel im Wege steht. Erweitert How To Dress Well seine Ambition in Sachen Sound auch noch auf das Songwriting, wird sein Status als einer der zentralen Wegbereiter für die Verbesserung des R&Bs gerechtfertigt und auch über die Nische-Grenzen hinweg bekannt sein.

HOW TO DRESS WELL - "WHAT IS THIS HEART?"
UNIMAG-RATING: 
Genre: R&B
12 Songs
Label: Weird World
VÖ: 24.06.2014

Album-Tracklist

1. 2 Years On (Shame Dream)
2. What You Wanted
3. Face Again
4. See You Fall
5. Repeat Pleasure
6. Words I Don’t Remember
7. Pour Cyril
8. Precious Love
9. Childhood Faith In Love (Everything Must Change Everything Must Stay The Same)
10. A Power
11. Very Best Friend
12. House Inside (Future Is Older Than the Past)

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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