BÜCHERBÖRSE

Aufwärmen, Staunen, Weinen: Harvest Of Art 2014

Aufwärmen, Staunen, Weinen: Harvest Of Art 2014 (c) Martin Fisch

Das legendäre Festivalgelände im burgenländischen Wiesen hat seine Pforten wieder geöffnet und mit dem Harvest Of Art ein buntes Programm aufgeboten. Nationale Hoffnungen waren ebenso angekündigt wie internationale Altbekannte, Disco traf auf Folk traf auf Rock trauf auf Trip-Hop. Zusammengehalten wurde das leicht konfus anmutende Line-Up durch das Versprechen der hohen Qualität, haben doch alle Acts zumindest irgendwann in ihrer Karriere die Kritiker in Ekstase versetzt.

Aufwärmen für den getarnten Headliner

Wenn ein Eintagesfestival freitags um 14 Uhr beginnt, darf es kaum verwundern, dass der Besucherandrang zu Beginn ein bisschen bescheiden ist. So geschehen auch beim Harvest Of Art, das von den FM4-Darlings Catastrophe & Cure und deren gitarrenlastigen Songs tapfer eröffnet wird. Auch beim weiblichen Power-Duo Deap Vally, einer jener auf dem Erbe der White Stripes basierenden Gitarre plus Schlagzeug-Bands, ist die Stimmung noch verhalten, erst bei den burgenländischen Garish füllt sich dann langsam das Zelt.

Totale Ekstase kann aber ehrlich gesagt auch schwer ausbrechen, wenn sich Acts versammeln, die man in Österreich allesamt auch in jüngerer Vergangenheit schon des Öfteren gesehen hat. Bei den heimischen Bands erklärt sich das von selbst, aber auch die Disco-Show von Hercules and Love Affair ist hierzulande in seiner Live-Form nichts Neues mehr. Betont queer wird da getanzt und gefeiert, bei mir kommt die Euphorie leider nicht an. Die besten Stücke der Band liegen nicht nur schon ein paar Jahre zurück, sondern profitierten auch von der ausgeborgten Power-Stimme Antony Hegartys, die auf der Bühne einfach fehlt.

Auch der von Kritikern in regelmäßigen Abstand gefeierte Folk von Calexico ist gefühlt auf den österreichischen Konzertbühnen beheimatet, feiert noch nicht mal sein Harvest-Debüt. Ich weiß eh, manche finden das ganz toll, die selbe Band immer wieder im Line-Up zu entdecken, weil dann so ein Gefühl der gegenseitigen Bekanntschaft aufkommt. Mir gibt das aber ehrlich gesagt denkbar wenig, das mag auch an Calexicos Musik liegen, die mich auch nach vielen Jahren der Beliebtheit nicht anzustecken vermag. Es gibt jetzt im Detail wenig auszusetzen, aber mir klingt das einfach zu austauschbar, zu sehr nach FM4.

Und endlich ist sie da

Im Prinzip war aber all das nur Aufwärmen für das Konzert der großen Soap & Skin, dem eigentlichen Headliner des Festivals. Und Anja Plaschg enttäuscht nicht. Wie ein noch nicht fertig geschlüpftes Alien kommt sie in einer großartigen Kombination aus engem hautfarbenem Kleid und auffälligen roten Turnschuhen. Dieser interessante erste Eindruck ist aber schnell wieder vergessen, wenn ihre einzigartige Power-Stimme die gut gemischte musikalische Begleitung aus Klavier und Streichern zu einem Orgasmus für die Ohren hinaufpeitscht. Der Stimmungsaufbau ist perfekt, zugleich ist das Konzert aber auch mit geschlossenen Augen besonders genießbar - ganz und gar einzigartig.

Wirklich hör-, erfahr- und genießbar wird das Spektakel aber leider erst mitten im Konzert, als sich der bis dorthin unruhige Teil des Publikums langsam der Musik ergibt. Denn davor zeigt sich der Krux des "Für alle was dabei"-Line-Ups, das Fans diversester Richtungen miteinander vereinen möchte. Wer es nach Bier- oder Klopause nämlich nicht in die ersten Reihen schafft, steckt dann schnell mal in einem Kreis an Verweigerern fest, die glauben, man könne dieser irritierend anmutenden jungen Frau auf der Bühne nur mit ironischer Haltung begegnen. Das gipfelt dann in verächtenden Sprechchören bei "Vater" oder so weisen Aussagen wie "Oida, des is jo gonz onders als auf YouTube". Gut nur, dass Anja Plaschg ein derart gutes Konzert spielt, dass sie sie am Ende alle gefangen hat. Es ist unglaublich, dass just jener Act, der am wenigsten für die große Bühne geschaffen ist, am meisten zu überzeugen weiß.

What the Tricky?!

Die Ansetzung eines Abschlusskonzerts nach Soap & Skin war mir schon von Vornherein ein Dorn im Auge. Doch wenn jemand die einzigartige Stimmung noch toppen oder zumindest ebenbürtig sein könnte, dann müsste das - so mein Gedanke - Tricky, der Godfather des Trip-Hop sein. Denkste! Der beste Moment dieses Debakels von Abschluss war ganz zu Beginn, als der im echten Leben als Adrian Thaws bekannte Musiker die völlig abgedunkelte Bühne ausschließlich mit seinem Joint erleuchtet, während er zu Soap & Skin-Klängen aus dem Hintergrund auftaucht. Dafür gibt's dann noch ein Küsschen von Frau Plaschg, ab dann geht aber alles den Bach hinunter.

Eröffnet wird gleich Mal mit zwei Schunkelgitarren-Stücken, nach denen er in seinem Repertoire wohl lange suchen musste. Danach kommen zwar der ein oder andere Klassiker, allerdings scheußlich interpretiert von einem Musiker, der an diesem Tag meilenweit neben sich stand. Der einzige Hoffnungsschimmer ist da von Anfang an die bemitleidenswerte Co-Sängerin Francesca Belmonte, die eineinhalb Stunden lang gute Miene zum bösen Spiel macht, brav ihre Stimme sowie viele Dance-Moves zum Besten gibt. Sie sorgt auch für das eigentliche Highlight der Show, einer grundsoliden Version des Public Enemy-Covers "Black Steel", das sie von der Band beordert, als Tricky mal für einige Zeit von der Bühne verschwindet.

Leider kommt er aber wieder zurück, nimmt in regelmäßigen Abständen Belmonte das Mikrofon weg, um sich dann in einen Kabelsalat zu verwirren, aus den ihn Bühnentechniker befreien müssen. Trauriger Höhepunkt ist der knapp halbstündige Abschlusssong, bei den er in einem letzten verzweifelten Akt dutzende Fans auf die Bühne holen lässt - die Verweigerer bezeichnet er wenig charmant als Pussy Robots. Minutenlang stammelt er auch nach der Bühnen-Party mit den Fans wie ein Mantra "Not by myself" vor sich hin, ehe die Techniker kurz nach 1 Uhr die Lichter anmachen, um ein Ende des Grauens einzuleiten. Wenns nicht ebenso traurig wie bizarr wäre, könnte man fast glauben, man würde vor Lachen weinen.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook