BÜCHERBÖRSE

King Creosote - "From Scotland With Love"

King Creosote - "From Scotland With Love" (c) Domino Records

"From Scotland With Love". Dieser Name lässt einen erst einmal die Stirn runzeln, ist es doch kein allzu alltäglicher in der heutigen Musiklandschaft. King Creosote heißt eigentlich Kenneth Anderson und kommt aus Fife, einer Region in Schottland und zugleich Heimat von Großbritanniens Ex-Premier Gordon Brown, gelegen zwischen dem Firth of Tay und dem Firth of Forth. Ein unbeschriebenes Blatt ist er schon lange nicht mehr. Auch wenn er insgesamt nicht allzu bekannt ist, hat er es sogar schon zur Zusammenarbeit mit dem großen Jon Hopkins geschafft. Das könnte sich aber ändern, zumindest lässt das neue Album diesen Rückschluss zu. Andererseits könnte er ebenso ein Geheimtipp, eine rare Perle im musikalischen Ozean bleiben.

Man ist vom ersten Ton an gebannt, das Akkordeon lässt einen die sanfte Brise im hohen Norden Schottlands sogar im Sommer spüren und auch Andersons Stimme ist alles andere als durch und durch rau, obwohl er sich auch als Irish-Folk-Sänger gut täte. "Something To Believe In" kommt um die Ecke wie ein Seemannslied, das aber doch in jeder noch so dramatisch-traurigen Serie verwendet werden könnte. Apropos: Das Album ist in Zusammenarbeit mit einem gleichnamigen Film entstanden, einer Liebeserklärung an Schottland, welche von Regisseurin Virginia Heath und Grant Keir anlässlich der im kommenden Sommer stattfindenden Commonwealth-Spiele produziert wurde. Hier ist King Creosote ein wahres Meisterwerk gelungen. Ein Jammer, dass der dazugehörige Film in Österreich wahrscheinlich nie ausgestrahlt wird.

"Cargill", der zweite Song des Albums, traut sich schon ein wenig aus der Deckung, ist aber in seiner Gesamtheit doch ruhig gehalten, immer kurz vor der Explosion nimmt sich Anderson bei diesem Duett wieder zurück. Mit der Ruhe vorbei ist es allerdings spätestens mit Song Nummer 3, "Largs". Man findet sich plötzlich auf einem osteuropäischen Dorffest wieder, alle tanzen und haben Spaß. Auch wenn es eigentlich so gar nicht zu den vorherigen Liedern passt, zeigt King Creosote sein Talent, auch lustige und spaßerfüllte, tanzbare Songs zu schreiben, in denen Geige und Klarinette um die Wette spielen. Fast möchte man meinen, hier Gogol Bordello mit einem Akustik-Set zu hören. So schnell man eben noch in einer anderen Welt gelandet ist, lässt "Miserable Strangers" wieder die Melancholie hervorkriechen. "Is this the end of the beginning or the beginning of the end?", wird hier gefragt. Angefangen, erinnert der Song ein wenig an John Murphys "In The House, In A Heartbeat", schlägt dann aber doch eine gänzlich andere Richtung ein. Mit "Leaf Piece" kommt die auch schon im vorherigen Song hervorscheinende Ähnlichkeit mit dem späteren William Fitzsimmons zum Vorschein. Auffallend sind auch die Geigen, die sich in eigentlich jedem Track wiederfinden, aber eben nicht so, wie man es aus zahlreichen Radiodudelsongs kennt, wo die Geigen meistens sowieso aus dem Computer kommen, sondern eher wie bei Bands wie The Divine Comedy.

"For One Night Only" lässt sich mit einer Einleitung von über anderthalb Minuten viel Zeit, allerdings ist das dann leider auch einer der schwächeren Songs auf dem Album. Die nächste Nummer hat einen ungewöhnlichen Namen, gehört aber wieder zu den besseren auf "From Scotland With Love". King Creosote hat sich nämlich dazu entschieden, "Bluebell, Cockleshell, 123" im Refrain von einem Kinderchor singen zu lassen, was sich wundervoll in diese kurze Stück einfügt. Mit "One Floor Down" kehrt man gedanklich wieder zum Anfang zurück. Der Track lässt einen wieder ins Reich der melancholischen Gefühlswelt abgleiten, allein schon das wunderbare Streicherarrangement bahnt sich seinen einsamen Weg in den Gehörgang. Ungewöhnlicher, da nicht ganz so melodisch, sind die Klänge von "Crystal 8s". Nur ab und an - unterbrochen von ein paar Gitarrenklängen - findet sich der Hörer hier an einer kleinen Quelle im Wald wieder. Sowieso findet man in eigentlich fast jedem Lied irgendwo versteckte Klänge, die das Hörvergnügen nochmal eine Stufe nach oben hieven. Im vorletzten Lied des Albums kommt Kenneth Anderson dann auch das einzige Mal auf eine Titellänge von knapp über fünf Minuten, obwohl man sich die meisten Songs des Albums länger gewünscht hätte. Wenn man unbedingt etwas Negatives an diesem Album finden möchte, dann nur, dass es nicht länger ist. Alles andere ist einfach richtig gemacht. Gerade dieser Song, "Pauper's Dough", dramatisiert sich mit einem Chor und herrlichem Musikarrangement immer weiter in die Höhe und erinnert dabei an "Make This Go On Forever" von Snow Patrol. Mit "A Prairie Tale" führt King Creosote sein Meisterwerk so zu Ende, wie es begonnen hat – einfach überragend und mit viel Liebe zur Musik und zum Detail.

King Creosote hat mit "From Scotland With Love" ein Meisterwerk abgeliefert, das wirklich schwer zu übertreffen ist. Diese Hingabe, mit der die Lieder komponiert sind, seine Stimme und der perfekte Einsatz der Streicher in allen Liedern, denen ich in der Regel eher skeptisch gegenüberstehe – all das macht das Album zu einer Platte, die sicher immer wieder aus dem CD-Regal in den Player finden wird. Kenneth Anderson schafft eine unglaubliche Stimmung, die sich beim Hören ausbreitet und haften bleibt. Fans von ruhigerer Musik dürfen hier wirklich ohne Bedenken zugreifen, denn es wird einige Zeit vergehen, bis ein so tolles Album wieder den Weg in die Öffentlichkeit finden wird.

KING CREOSOTE - "FROM SCOTLAND WITH LOVE"
UNIMAG-Rating:Fünf von Fünf
Genre: Folk, Indie
11 Titel, Spielzeit: 36:13
Domino Records, VÖ: 18.07.2013

Album-Tracklist

1. Something To Believe In
2. Cargill
3. Largs
4. Miserable Strangers
5. Leaf Piece
6. For One Night Only
7. Bluebell, Cockleshell, 123
8. One Floor Down
9. Crystal 8s
10. Pauper's Dough
11. A Prairie Tale

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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