BÜCHERBÖRSE

Unvergessliche Momente mit The National in Wien

The National in der Arena Wien (c) Elisabeth Voglsam
The National in der Arena Wien

Eine Band ohne wirkliche Hits spielt ein Konzert voll mit Hits: The National begeisterten in der restlos ausverkauften Open Air Arena und heizten bei herbstlichen Temperaturen dem Publikum mit ihrem melancholisch-düsteren Indie-Rock ordentlich ein.

Bei manchen Konzerten fällt es ausgesprochen schwer, ein Highlight herauszustreichen. Im schlimmsten Fall liegt es daran, dass es einfach keines gab. Im besten Fall liegt es daran, dass ein Konzert nur so vor Höhepunkten strotze. Bei The National, die vor 3.000 Menschen in Wien spielten, war glücklicherweise letzteres der Fall.

Pünktlich um 21:15 Uhr betraten Matt Berninger & Kollegen die Bühne der Open Air Arena, um mit Don’t Swallow The Cap ihr hervorragenden Set zu beginnen. Eines war in diesem Moment sofort klar: es wird wohl ein außergewöhnlich gutes Konzert. Dass die Band (zumindest bei Live-Auftritten) vor allem von ihrem großartigen Sänger lebt, zeigt sich von Beginn an: Berninger hat eine dieser ausgewöhnlichen Stimmen, eine Stimme mit Charakter. Dazu das Auftreten, das ständig zwischen exzentrischem Schreien und dann wieder völliger Bewegungslosigkeit schwankt. Immer wieder schreit er plötzlich ins Mikrofon oder reißt das Mikrofon vom Ständer und wirft es auf den Boden. Zwei seiner Lieblingsbewegungen gab es an diesem Abend aber ungewöhnlich selten zu sehen: das Schlagen mit der Faust auf das Mikrofon und das Schlagen mit dem Mikrofon gegen seinen Kopf.

Der Rest der Band wird von der Präsenz ihres Sängers zwar weitgehend in den Hintergrund gedrängt, was sie offenbar aber auch nur wenig stört. Die Ansagen, die sich meist auf kurze Sachinformationen wie „The next song is from our album 'Boxer'“ und ähnliches beschränkten, kamen fast ausschließlich von den beiden Gitarristen Aaron und Bryan Dessner. Vor allem die Zwillinge nutzten außerdem auch jede Gelegenheit, um das Publikum anzuheizen und zum mitklatschen zu animieren.

Animation hätte das Publikum allerdings gar nicht nötig gehabt. Ein solch textsicheres und singfreudiges Publikum wie das in der Arena erlebt man selten. Egal von welchem Album, egal ob bekannterer Song oder unbekannterer – jedes Wort wurde voller Inbrunst mitgesungen oder mitgeschrien. Allen voran Songs wie Graceless oder Sea of Love, das gleich zu Beginn eines der unzähligen Höhepunkte war. Fast mantraartig sangen Band und Publikum bei Slow Show gemeinsam die berührenden Textzeilen „You know I dreamed about you / for 29 years before I saw you / you know I dreamed about you / I missed you for, for 29 years“ – einfach wunderschön. Ein weiterer Höhepunkt war selbstverständlich Fake Empire – der Song, mit dem The National erstmals auf sich aufmerksam machen konnten. Das wahre Highlight stand allerdings noch bevor, nämlich der Zugaben-Block, bei dem ein wahres Feuerwerk an großartigen Songs gezündet wurde. Bei Mr. November schlug Berninger dann auch erstmals endlich auf das Mikrofon ein, bevor er sich, wie bei dem Song bereits seit Jahren üblich, auf den Weg in das Publikum machte. IN das Publikum nimmt Berninger durchaus wörtlich und bewies einmal mehr eindrucksvoll, wie lang Mikrofonkabel sein können. Während er den Text ins Mirko brüllte, durchquerte er mehrmals das Publikum. Üblicherweise steht er danach beim nächsten Song, Terrible Love wieder auf der Bühne. An diesem Abend konnte er aber offensichtlich nicht genug vom Publikumskontakt bekommen und spazierte einfach weiter durch die Menge. Erst beim allerletzten Song, für das auch die großartige Sharon von Etten, die im Vorprogramm auftrat, auf die Bühne geholt wurde, kehrte er zu seiner Band zurück. Was dann folgte, war der schönste Abschluss eines Konzertes, den man sich nur vorstellen kann, nämlich eine akustische Version vom sowieso wunderschönen Vanderlyle Crybaby Geeks. Diese vier Minuten in Worte zu fassen ist praktisch unmöglich. Es ist schlichtweg einer dieser Momente, von denen man sich wünscht, sie würden einfach nie zu Ende gehen, bei dem einen die mitgesungenen Textzeilen durch Mark und Bein gehen. Auch der sonst so ernste und fast schon grimmig wirkende Matt Berninger fand ganz offensichtlich seinen Gefallen daran, sprang erneut ins Publikum und bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Fazit: Großartige Band, großartiges Konzert, großartiger Abend.

Elisabeth Voglsam

Ressortleiterin Musik & Events
Fotografin & Redakteurin

Twitter: @EVoglsam
Instagram: vogigram_vie

elisabeth.voglsam (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: September 2012

Webseite: www.flickr.com/photos/lilacsky
 

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