BÜCHERBÖRSE

Merchandise - After The End

Merchandise - After The End (c) 4AD / Beggars Group / Indigo

Ein ungooglebarer Bandname spricht ziemlich für eine Punk Gruppe. Dabei ist Merchandise nicht mal ein Tabuwort oder gar mit Satzzeichen entstellt. Es kommt nur schlicht und ergreifend nicht der gewünschte Treffer, wenn man Merchandise ohne Anhängsel wie Band oder Music eintippt. Wenn man sie zur Zeit sucht, könnte man noch den Titel des neuen Albums dazu schreiben, dass in nächster Zeit veröffentlich wird: "After The End" repräsentiert als Titel wiederum perfekt die neue Richtung von Merchandise: Melancholisch, aber auch ziemlich pathetisch.

Als das Trio im Jahre 2008 mit dem Musikmachen anfing, hatten sie ein Keyboard von Wal-Mart und spielten darauf Hardcore Punk. In ihrer Heimatstadt Tampa in Florida fügten sie sich so in die schon existierende Punkszene ein. Nach einigen kleineren Veröffentlichungen auf Indie-Labels, befand man, dass 2012 genau richtig wäre um an der Bildfläche aufzutauchen. Gesagt, getan: "Children of Desire" hieß das Erstlingswerk der Amerikaner, auf dem sie schon mal klarstellten, aus welcher Ecke sie kamen, ohne aber sich wirklich in das gängige Bild der Musikrichtung Punk einzufügen. Was man aber auf jeden Fall raushören konnte, waren Anleihen an der Musik der 1980er. Auf der einen Seite klangen sie wie The Jesus and Mary Chain, aber auf der anderen Seite waren auch Spuren von Simple Minds zu erkennen.

Hardcore bis Softcore

Ein Jahr darauf ließen sie es mit dem Nachfolger "Totale Nite" krachen, dass schon sanftere Seiten aufwies. Die Lieder waren auch an sich zu lang, um sie in die Punk Schublade zu stecken. Vernoiste Soundsphären stießen auf massive Gitarren und über allem schwebte diese perfekt ausbalancierte Stimme des Frontmannes. "Anxiety’s Door" war eines der Lieder des letzten Jahres. Diese Mischung aus treibender Gitarrenmelodie und schlampigen Drums zog mitten hinein in das Treiben und ließ einen bis zur letzten Sekunde des Songs nicht mehr aus den Fängen. Auch auf der Bühne ließ es das Trio krachen, wenn auch mit einem sympathsichen Retro-Charme und schicken, goldenen Fingernägeln des Frontmannes.

Die Band ließ durchblicken, dass mit "Totale Nite" ein neuer Weg beschritten werden sollte. Weg vom rohen Gehabe des Punk hin zu Pop und Rock. Diese Wandlung ist vom Konzept her eine ziemlich mutige, wenn man an das Indie-Business denkt. Dort hat man als außenstehende Person häufig das Gefühl, die Bands hätten eine große Angst mit Mainstream assoziiert zu werden. Dabei darf man Mainstream-Musik nicht als solche verteufeln und muss darauf achten, was Menschen meinen wenn sie etwas als “mainstream” bezeichnen. Meistens steckt hinter diesem Begriff die Idee der Zugänglichkeit, die wiederum an sich nichts schlimmes ist. Viel mehr wird dadurch die Möglichkeit gesteigert ein größeres Publikum zu erreichen. Und das muss dann auch nicht gleich nach One Republic oder Taylor Swift klingen.

80’s all over again

Mit "After The End" schenkten sie ihren Worten noch mehr Nachdruck. Das neue Album ist gespickt mit zehn astreinen 80’s-Pop-Rock Songs. Die Beschreibung des Genres ist in diesem Fall ziemlich lose gesteckt, denn so wirklich festlegen kann man diese Platte nicht. Sicher sind nur diese Elemente: Starke Gitarrenmelodien, catchy Refrains und der Echo-Effekt, der über die Stimme des Frontmannes gelegt ist. Die andere Hälfte des Albums besteht aus Balladen, die die oben genannten Elemente - außer dem Echo - leider nicht enthalten, weswegen sie auch die große Schwäche von "After The End" sind. Die Ausnahme ist der Titeltrack selbst. Er klingt stark nach "Hunting High and Low" von Aha, aber ohne den starken Übergängen zwischen Sanftheit und Dramatik. Nichtsdestotrotz hat dieser Song eine angenehme Pathetik inne, die sich durch das dominante Klavier und den hörbaren Bass äußert.

Fazit: Solidität zeigt sich von der guten Seite

Die schnelleren Songs sind von der Machart her alle sehr solide und verströmen viel Nostalgie. Dabei wandern Merchandise auf den ausgetretenen Pfaden von Simple Minds oder Aha, ohne aber zu ähnlich zu klingen. Was sofort klar ist, dass selbst das Herzstück der Platte "Green Lady" trotz sehr zugänglichem Klang nicht auf den großen Bühnen der Welt zu hören sein wird. Das ist der springende Punkt hier: Dramatik, Prunk und Leidenschaft hin oder her, durch den veralteten Sound schafft es Merchandise nicht Songs hervorzubringen, die ins Ohr gehen wie klassische Indie-Sommerhits.

Somit kann man über "After The End" durchaus positiv urteilen. Denn obwohl Ähnlichkeiten zu anderen Bands bestehen, haben Merchandise einen ganz anderen Stil. Leider hat die Platte auch Fehler, die eine überschwängliche Liebe eher unmöglich machen. Solidität überwiegt über experimentelle Momente und so weiß man ziemlich vor jedem Lied, was man als nächstes zu erwarten hat. Fans der 80er Jahre werden es gerne hören, wie der Kern der damaligen Musikkultur hier übersetzt wurde.

MERCHANDISE - AFTER THE END
UNIMAG-Rating: 
Genre: Post Punk, 1980's Rock
10 Songs
Label: 4AD / Beggars Group / Indigo

Album-Tracklist

1. Corridor
2. Enemy
3. True Monument
4. Green Lady
5. Life Outside The Mirror
6. Telephone
7. Little Killer
8. Looking Glass Waltz
9. After The End
10. Exile And Ego

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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