BÜCHERBÖRSE

In Flames - Siren Charms

In Flames - Siren Charms (c) Epic Records/Sony Music

Aus Göteborg kommen bekanntlich mehrere bekannte Metalbands, darunter Dark Tranquillity, Soilwork, At The Gates und eben In Flames. Die Band um Sänger Anders Fridén hat hat mit Lunar Strain vor zwanzig Jahren ihr erstes Album veröffentlich, inzwischen sind neun weitere dazugekommen, zuletzt das starke Sounds Of A Playground Fading. Nun steht das elfte Album in den Startlöchern. Siren Charms erscheint am 05. September in Österreich.

Der Sound hat sich vom Anfang weg bis zum heutigen Tag grundlegend verändert, weniger bis gar kein Death, mehr Melodic sind aus dem ursprünglichen Melodic Death Metal geworden. Schon auf den letzten Alben deutete sich an, dass Fridén sich mehr und mehr von den Growls verabschieden wird, diese Entwicklung hat sich auch auf dem jüngsten Album fortgesetzt. Auch der dem Alkohol geschuldete Abgang von Leadgitarrist und Hauptsongwriter Jesper Strömblad vor vier Jahren hat sich in der musikalischen Entwicklung niedergeschlagen. Der langjährige Aushilfsgitarrist Niclas Engelin wurde in der Folge offizielles Bandmitglied.

Während Sounds Of A Playground Fading schon den eingeschlagenen Weg von In Flames mehr als verdeutlicht hat, geht dieser auf Siren Charms umso schneller weiter. Schon die ersten Töne lassen aufhorchen. Mit elektronischen Klängen wird das Album eingeleitet, doch „In Plain View“ wird zu einem typischen In-Flames-Kracher, zumindest wenn man die zweite Hälfte Diskographie heranzieht. Der Refrain wird jeden mitreißen, der mit Modern Metal auch nur irgendwie etwas anfangen kann. „Everything's Gone“ hingegen lässt Fridéns Stimme zuerst einmal elektronisch verzerren, was zur Folge hat, dass man sich am Anfgan wie in einem zu harten Marilyn-Manson-Songs wähnt, doch die darauffolgende Aggressivität lässt dieses Gefühl ebenso schnell wieder verschwinden und gibt dem Lied die Möglichkeit, dass es auch vor 10 Jahren auf eines der Alben gepasst hätte. „Paralyzed“ zeigt aber wieder, dass Anders Fridén immer mehr auf Klargesang setzt. Zumindest gesanglich erinnert es ein wenig an die ersten Klänge von Bullet For My Valentine. Selbst im Refrain kommen keine Growls oder Verzerrungen mehr vor.

Als vierter Song des Albums folgt schließlich das schon veröffentliche „Through Oblivion“. Und an diesem Song schließlich scheiden sich die Geister. Die Kommentare in sozialen Netzwerken sind sowieso schon immer voll gewesen von „Früher waren In Flames besser!“, was vor allem dem Soundwechsel der Band geschuldet ist, doch ebenso oft lesen sich auch positive Kommentare. Auf der Videoplattform YouTube kann man zu „Through Oblivion“ nun folgendes in der Kommentarleiste lesen: „This is how you ruin a good career." oder auch „In Flames is getting a lot of hate for this song, but I think it's absolutely brilliant.“. Allerdings ist die Mehrheit der Kommentare negativ, was aber auch der Tatsache geschuldet ist, dass zufriedene Menschen eher den Mund halten. Trotzdem muss man sagen, dass dieses Lied mit Melodic Death Metal nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun hat, wobei das ja auch nicht das erklärte Ziel der Band ist. Das Lied ist wirklich nicht schlecht, könnte aber genauso gut im Radio laufen, wenn es ein bisschen softer wäre. Gesanglich ist es jedenfalls schon auf bestem Weg in diese Richtung.

Gleich so weiter geht es mit „With Eyes Wide Open“. Klingt vom Namen her wie „With Arms Wide Open“ von Creed. Allerdings war dieses Lied wohl härter als der hier vorliegende Song. Hätte man das einem In-Flames-Fan vor zehn Jahren erzählt, hätte der einen wohl für unzurechnungsfähig erklärt. Der Titeltrack von „Siren Charms“ ist zwar wieder eine Spur härter, aber immer noch verhältnismäßig schwach, was für den Mittelteil des Albums leider bezeichnend ist. Das im Anschluss folgende „When the World Explodes“ schaufelt aber wieder Kohlen in den Metalofen und beginnt vielversprechend, Fridén schreit sich durch den Song wie das ganze Album bisher noch nicht, doch dann passiert leider ein etwas heftiger Bruch. Plötzlich durchbricht eine Frauenstimme das Gebrüll und im Hintergrund kommt eine opernhaft klagende Sopranstimme zum tragen, die den Hörer überrumpeln. Dafür würde sich sogar Nightwish hinterm Ofen verkriechen. Das hat bei „Dead End“ auf „Come Clarity“ um Welten besser funktioniert. Dann wird es zum Glück wieder besser: Mit „Rusted Nail“ bekommt der Hörer einen ebenfalls schon vorab veröffentlichten Song zu hören, der auch wirklich noch die Göteborger Band erkennen lässt, wie man sie von den letzten Alben her kennt, auch wenn auch hier wieder teilweise der klare Gesang zum Tragen kommt, aber nicht so präsent ist, wie auf dem Großteils des Albums. Dieses Lied ist ein Paradebeispiel für den Modern-Metal-Sound, den die Band in den letzten Jahren mitgeprägt hat und der sie auch zu Headlinern auf Festivals wie dem Wacken gemacht hat. Leider setzt sich das mit „Dead Eyes“ nicht fort, auch hier wird wieder ein softerer Sound aufgesetzt, der zwar nicht die Züge von „With Eyes Wide Open“ annimmt, aber schon wieder so hymnisch ist, dass man nicht genau weiß, mit welcher Band man es gerade zu tun hat. „Monsters in the Ballroom“ lädt den geneigten Fan allerdings wieder ein auf eine schöne Achterbahnfahrt ein zwischen leichter Aggressivität und einer Anschmiegsamkeit, die mit einem kurzen Solo endet und wenigstens aufblitzen lässt, was denn das Ziel von In Flames auf „Siren Charms“ war.

Der Anfang von „Filtered Truth“ könnte genauso gut auf „Ode to Ochrasy“ von Mando Diao zu finden sein, erst dann nimmt das Lied wieder an Fahrt auf. Immerhin muss man erwähnt werden: Beide Bands kommen aus Schweden und haben ihren Sound im Laufe der Zeit grundlegend verändert und sind für Fans aus alten Zeiten kaum wiederzuerkennen. Allerdings klingt das Lied in der Folge auch nicht mehr wie Mando Diao im Metalfieber, sondern kehrt wieder in die Kategorie In Flames zurück, und das mehr als gut. Das Lied ist mit Sicherheit einer der Höhepunkte des Albums, gibt richtig Druck auf die Ohren und dürfte die Massen auf der bald folgenden Tour zum wallen und bangen bringen. Klassisches Solo inklusive. Auch „The Chase“ ist wieder ein Tritt in die Magengegend, positiv gemeint. Auch wenn sich Fridén im Gesang auch hier wieder keine Blöße gibt, geht es hier wenigstens nicht durchgängig durch den ganzen Song, auch das wenigstens angedeutete Growlen bekommt eine kleine Chance. Der letzte Song schließlich, „Become the Sky“, beginnt mit Insektenzirpen und legt dann nochmal so richtig los. Allerdings ist auch hier wieder Fridéns Gesang nicht ganz passend zum Rest der Musik. „This is letting go“, singt er da, was man vielleicht auch auf die weitere Entwicklung von In Flames beziehen kann. Es wird kein Album mehr kommen, dass so ist wie vor 15 Jahren, es wird kein neues „Artifacts of the Black Rain“ mehr geben. Viele Fans wollen das nicht wahrhaben und verfluchen deswegen die Band, die sie einmal glücklich gemacht hat. Ändern wird das freilich nichts, In Flames sehen sich und ihren Weg vor sich und werden ihn weitergehen. Mit „Siren Charms“ hat das leider nicht so gut geklappt wie mit dem Vorgänger, „Sounds of a Playground Fading“, hier gibt es im großen und ganzen vielleicht drei bis vier gute Songs, der Rest ist nicht mehr als Mittelmaß. Fehlender Mut ist der Band nicht vorzuwerfen, man muss sich erst einmal trauen, so ein Album als einstige Melodic-Death-Metal-Ikone zu veröffentlichen. Zu hoffen bleibt, dass die Band bei der nächsten Platte wieder ein bisschen aggressiver zu Werke geht.

Wer die Band live sehen möchte, bekommt am 27. Oktober die Chance dazu. In Flames kommen nach Wien ins Gasometer. Und da werden dann auch sicherlich ein paar alte Kracher gespielt.

IN FLAMES – SIREN CHARMS
UNIMAG-Rating:2,5 von Fünf
Genre: Modern Metal
13 Titel, Spielzeit: 45:05 Min
Epic Records/Sony Music, VÖ: 05.09.2014

Album-Tracklist

1. In Plain View
2. Everything's Gone
3. Paralyzed
4. Through Oblivion
5. With Eyes Wide Open
6. Siren Charms
7. When the World Explodes
8. Rusted Nail
9. Dead Eyes
10. Monsters in the Ballroom

11. Filtered Truth
12. The Chase
13. Become the Sky



Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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