BÜCHERBÖRSE

The New Pornographers - Brill Bruisers

The New Pornographers - Brill Bruisers (c) Matador

Die wohl bekannteste Supergroup der Indie-Musik ist zurück. Die Mitglieder von The New Pornographers haben sich zusammengerauft und ihren signifikanten Happy-Pop wieder auf eine gemeinsame Platte gebannt. "Brill Bruisers" heißt der neueste Eintrag in der Diskographie der Kanadier und ist seit kurzem im Handel erhältlich.

Kanadischer Power Pop

The New Pornographers sind zumindest in der reinen Tatsache ihrer Existenz eine unglaubliche Band. Destroyer-Mastermind Dan Bejar und Country-Genie Neko Case in eine Gruppe zu stecken wäre schon außergewöhnlich, dazu kommen aber noch einige sehr talentierte Musiker, die schon in anderen Formationen Erfolg hatten. Haupt-Songwriter der Pornographers ist A.C. Newman, der seit nun schon zehn Jahren auch eine recht solide Solokarriere am Laufen hat. So außergewöhnlich die Zusammensetzung ist, so wenig haben die Damen und Herren aus Vancouver jemals versucht, das musikalische Rad der Zeit wesentlich voranzudrehen. The New Pornographers machen extrem gut gelaunten Power Pop mit anti-subtiler Instrumentierung, die die extrem catchigen Songs schmückt. 

"Brill Bruisers" liefert in dieser Herangehensweise auch keine Ausnahme, sondern eher die Bestätigung der Regel. Vom ersten Drumbeat des das Album eröffnenden Titeltracks an, ist es hier laut, offensichtlich, in your face könnte man sagen. Viel Finesse scheint sich auf den ersten Blick nicht zu verstecken; da will der Zyniker schon aus seinem Eck hervorkommen, wenn die Background-Vocals so etwas ähnliches wie "boo-ba-boo-ba-ba-boo" dahinträllern. Dazu ist noch praktisch jedes Instrument auf einem Level gemischt, A.C. Newman muss seine kryptischen Lyrics schon fast schreien, um den ganzen fröhlichen Sound zu überdüngen. Und ja, es gibt nur wenige großartige Bands, die man aufs erste Hören so leicht als selbstverständlich, einfach, sogar austauschbar abstempeln könnte wie die Pornographers. Gerade der Opener hier demonstriert aber in aller Deutlichkeit die Inkorrektheit solch verächtlicher Thesen. "Brill Bruisers" ist ebenso simpel wie gut geschrieben, die Instrumentierung ist zwar das Gegenteil von subtil, vermag es aber mit Details den Song in eine andere Richtung zu bewegen - man beachte hier etwa den genialen Einsatz von Synthies und Backgroundvocals - und der wunderschöne Akustik-Breakdown etwa zur Halbzeit ist nicht weniger wunderbar, nur weil durchschnittliche Bands den selben Trick mit nicht halb so viel Finesse im Radio praktizieren.

Bleib wo du bist, Zynismus!

Wer seinen Zynismus nicht zurückhalten kann, wird etwa auch mit "Marching Orders" keine Freude haben, auf dem Neko Case eine süß instrumentierte, super-süß geschriebene Melodie mit Zeilen wie "Come on, really lose your voice" schmückt. Man würde sich hier ein bisschen mehr Entwicklung, neben der wunderschönen zweiten, vielleicht noch eine dritte Facette wünschen, kann sich aber über das Vorhandene selbst nicht beschweren. "Another Drug Deal Of The Heart" ist quasi das "Pink Flag"-Stück des Albums, in dem die essentiellen Bestandteile - catchy Songwriting, vermeintlich gute Laune, dunkle Lyrics, mehrstimmige Vocals, unsubtile Instrumentierung, Zucker, Zucker und Zucker - auf eineinhalb Minuten reduziert werden. "Dancehall Domine" hat die gelungenste Instrumentierung auf dem Album, da der E-Gitarre ein eigener Spielraum erlaubt wird, mit den sie zum Motor des Songs wird. Kurz vor dem Refrain wird sie aus dem Mix genommen, um dann zum rechten Zeitpunkt mit noch mehr Energie wieder aufzutauchen. Auch der auf diesem Album in jeder vorstellbaren Regelmäßigkeit aufkommende, mehrstimmige Refrain macht hier besonders viel Spaß.

Die größte Abwechslung bringt die markante Stimme von Dan Bejar ins Spiel. Aus seiner Feder stammt auch der einzige nicht von A.C. Newman geschriebene Song der LP, "War On The East Coast". Der Bejar eigene Einsatz der Synthies erinnert dabei an Destroyer, doch mit der Power-Gitarre und dem super-offensichtlichen Refrain entpuppt sich der Song dann doch klar als Pornographers-Stück. Am stärksten an das Destroyer-Überwerk "Kaputt" fühlt man sich interessanterweise auf einem anderen Stück, "Spidyr", erinnert, auf dem selbst der Einsatz der Mundharmonika nicht vom stark zurückgenommenen, synthielastigen Sound ablenken kann. Am besten gefällt mir die Synthese zwischen Destroyer und Pornographers aber auf "Born With A Sound", dessen Bridges wiederum klar an "Kaputt" erinnern, während der Song ansonsten aber im Pornographers-Stil produziert ist. Zum Höhepunkt gerät das Stück aber vor allem dank der harmonischsten Vermischung zweier Stimmen auf diesem Album, nämlich jener von Bejar mit der von Kathryn Calder

Fazit

Wer "Brill Bruisers" Monotonie vorwirft, liegt zwar prinzipiell nicht ganz falsch, hat aber entweder die komplett falsche Platte aufgelegt oder sollte sie nur in kleineren Dosen genießen. Wo die Pornographers oben stehen, sind eben auch die Pornographers drin und die stehen für Power Pop, der das ganze Album über Vollgas gibt, gut gelaunt ist und all seine Zutaten vor den Zuhörern ungefähr so gut verstecken will wie Micaela Schäfer ihren Körper vor Kameras. Das empfinde ich persönlich als keineswegs problematisch, auch wenn ein bisschen mehr Abwechslung im Songwriter-Department "Brill Bruisers" schon gut getan hätte. Was mich davon abhalten wird, dieses Album rauf und runterzuhören ist die Tatsache, dass die etwas anders klingenden Songs (das erwähnte "Spidyr", aber auch "Champions Of Red Wine" und "Backstairs") zu schwach sind, um wirklich Eindruck zu hinterlassen. Zudem komplementieren der entschieden flache Mix und einige fragwürdig gewählte Vocal-Effects die oft geschrienen mehrstimmigen Refrains nicht wirklich.

THE NEW PORNOGRAPHERS - "BRILL BRUISERS"
UNIMAG-RATING: 
Genre: Power Pop
13 Songs, Spielzeit: 43:06
Label: Matador
VÖ: 22.08.2014

Album-Tracklist

1. Brill Bruisers
2. Champions Of Red Wine
3. Fantasy Fools
4. War On The East Coast
5. Backstairs
6. Marching Orders
7. Another Drug Deal Of The Heart
8. Born With A Sound
9. Wide Eyes
10. Dancehall Domine
11. Spidyr
12. Hi-Rise
13. You Tell Me Where

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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