BÜCHERBÖRSE

Tall Tall Trees – Moment

Tall Tall Trees – Moment (c) Good Neighbor Records/Rola Music

Ein Banjo also. Da kommen zuerst einmal die typischen Folkerinnerungen hoch, vor dem geistigen Auge verbindet man Tall Tall Trees alias Mike Savino aus New York schon mit Iron & Wine, Blitzen Trapper oder sonstigen Folk-Acts, die eben oft mit dem Banjo unterwegs sind. Allerdings hat es sich Savino zur Aufgabe gemacht, die Welt mit seinem Banjospiel zu beeindrucken und spielt nicht nur gewöhnlich darauf, wie schon im ersten Song des Albums "Moment", "Highwire" zu hören ist. Er spielt mit dem Geigenbogen drauf, er singt hinein, er benutzt das Instrument in allen erdenklichen Facetten.

Das zweite Lied, "Vacation", lässt den Hörer allerdings im ersten Moment wieder in der Champagne Supernova von Oasis baden, atmosphärisch und leicht wird die Melodie in den Gehörgang getragen. Und das Gefühl, das der Text einem gibt, kennt wohl wirklich jeder: "Let's go on vacation, starting now." Ja, da sind wir wahrscheinlich fast alle sofort mit dabei. Ob man dann in "Alaska" landen will, bleibt indes fraglich. Mit Sicherheit ist der nördlichste Bundesstaat der Vereinigten Staaten ein schönes und interessantes Fleckchen Erde, aber manch einer wünscht sich dann doch eher, auf Hawaii oder Puerto Rico zu landen. In Savinos Musik schleichen sich auch immer wieder seltsame Töne im Hintergrund ein, die man so nicht gewohnt ist, was aber mit seiner Banjo-Technik zusammenhängt, auch Loops in seine Musik einzubauen. Wirklich gehört hat man das bei niemanden sonst, was "Moment" umso interessanter macht. Auch in "Men and Mountains" hört man diese Klänge, sie verleihen der Musik eine sehr atmosphärische, freie Note; Tall Tall Trees lädt geradezu dazu ein, sich einfach mit geschlossenen Augen auf dem Sofa in Gedanken zu verlieren und so den Mittag zu verbringen. Dieses Lied wird in der Folge dann immer langsamer, um aus dem langsamen Tritt in eine tanzbare, flotte Musik umzuschwingen, die selbst phlegmatischen Geistern wieder kurzfristige Energie einhauchen dürfte. Der erste, aus den ohnehin bislang guten Songs herausstechende ist "Wake the Moon". Es hat sehr viel von einem Gute-Nacht-Lied, auch textlich würde es in diese Kategorie passen, und vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit. "Dream, dream, litte child." Aber ohne sich diese kindliche Seite zu bewahren, hätte Savino wohl kaum die Fantasie, sein Banjo so vielfältig zu nutzen.

Im Gegensatz zu den vorhergehenden Songs fällt "Lonely Weekend" leider zu Anfang ein kleines bisschen ab, allerdings rettet der Zwischenteil, was vorher versäumt wurde und fängt den Hörer rechtzeitig wieder auf. Amüsant wird es gegen Ende des nächsten Songs, "The Elk", der fast gänzlich ohne Gesang auskommt. Wenn Mike Savino mit seinem "Nanana"-Gesang einsetzt, muss man schmunzeln, weil er es wirklich so macht wie jeder, der in Liedern auch dazu neigt, die Gitarren oder sonstigen Instrumente mitzusingen – genau das wird hier gemacht. Dann fällt man allerdings aus allen Wolken, denn plötzlich glaubt man erst, man hat irgendwie einen falschen Song auf der Platte. Es ist dann zwar kein "Mundian To Bach Ke" von Panjabi MC, auch die Tonlage stimmt nicht ganz überein, aber nun weiß man: Mit dem Banjo lassen sich auch indische Klänge erzeugen. "Waiting on the Day" wiederum macht wirklich viel Spaß und Savino zeigt hier sein ganzes Können.

Mit dem verrückten Ausflug ist es dann aber schon wieder vorbei und "Moment" kehrt zu den Anfangsmomenten zurück. "Nothingless" ist ein typischer Tall Tall Trees-Song. Auch hier macht ein wiederkehrendes Merkmal dieses Albums bemerkbar. Es sind allesamt sehr persönliche Songs, die hier zum Besten gegeben werden. Im Anschluss finden sich noch zwei Bonustracks auf dem Album – "Crazy Driver" und "Golden Goose". Ersterer ist wieder ein langsameres Stück, während der zweite Track das wohl intensivste in puncto Schnelligkeit darstellt. Und dann klingt das Banjo auch zum ersten Mal so, wie man es wohl am besten kennt, wie zum Beispiel bei Bands wie Mighty Oaks. Das hilft dann auch, nach dem verträumten Sofatag wieder aufzustehen, insofern der beste Abschluss für dieses Album.

Insgesamt lässt sich sagen: Das Album lohnt sich von vorne bis hinten, ein kleiner Ausfall in der Mitte, der aber insgesamt nicht viel ausmacht. Deswegen sei dem geneigten Leser auch geraten: Tall Tall Trees treten in Österreich auf und das sollte man gesehen haben. Zumal man dort "Moment" erstmals in physischer Form in den Händen halten kann – zumindest in Österreich. Als Download ist es schon seit zwei Jahren erhältlich. Mike Savino am Banjo zu sehen und auf welche Weisen er es bespielt, dürfte für die meisten etwas Neues sein und sollte nicht verpasst werden. Die Termine der Österreich-Tour sind:

06.10. Scherbe (Graz)
07.10. Haus der Musik (Wien)
08.10. Lendhafen Café (Klagenfurt)
09.10. Smaragd (Linz)
10.10. Am Berner (Sebersdorf)

Mit dabei als Vorband ist Heidemann, ebenfalls aus New York.

TALL TALL TREES – "MOMENT"
UNIMAG-Rating: 4,5 von Fünf
Genre: Folk, Indie
11 Titel, Spielzeit: 51:07 Min
Label: Good Neighbor Records/Rola Music
VÖ: 06.10.2014 (als CD auf den Konzerten)

Album-Tracklist

1. Highwire
2. Vacation
3. Alaska
4. Men and Mountains
5. Wake the Moon
6. Lonely Weekend
7. The Elk
8. Waiting on the Day
9. Nothingless
10. Crazy Driver [Bonus Track]
11. Golden Goose [Bonus Track]

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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