BÜCHERBÖRSE

Don't Believe The Hype – Dancepop!

Elektropop (c) Michael Hinterseer
Elektropop

Monat für Monat wollen wir an dieser Stelle unartig sein und der aktuellen Lage der Musik mit dem Seziermesser auf den Leib rücken. Diesmal: Dancepop – oder: warum bluten mir die Ohren, Mama?

Ein Gespenst geht um in Österreich, ach was sag ich: in der Welt – das Gespenst des Dancepops. Alle Rundfunkanstalten haben sich zur Huldigung dieses diarrhöischen Kretins, entsprungen einer von Ungeschick und Grobheit durchwucherten Nacht der Mutter Dropthebass und Väterchen Pops, verbündet. Sein Ziel ist kein Geringeres als die Unterspülung des gesamten Musikpalastes, bis das ohnehin stark marodierte Grundwerk dieses einstigen Prachtbaus endlich in sich zusammenfällt.

So, jetzt aber genug des Pathos und her mit den harten Fakten: In Österreich belagern aktuell über 20 Dance-/Elektro-/Housepop-Titel (oder wie man dieses Genre nennen mag) die TOP 30 Single Charts. Unterbrochen wird das Bollwerk der Unzumutbarkeit nur von einigen Ausreißern, wie der recht klugen Poppersiflage einer Meghan Trainor ("All About That Bass") oder dem mittlerweile aber leider auch totgenudelten Sam Smith ("Stay With Me"). Der Rest ist alles ein und dieselbe Suppe: Man beginne mit einer peppigen Hookline aus Pianosamples, streue ein bisschen Saxophon drüber, gibt einen Einzeiler für den Tiefgang (sehr beliebt: Beat, Girl, Stars, Party) dazu und lasse es eine Minute kochen. Danach dropt man den Bass hinein und rührt noch zwei Minuten weiter.

Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich Dancepop hören muss, dann ist das wie der stark an Körperverletzung grenzende Mayonnaisesalat der Mitzi-Tant, den sie jedes Mal zu deinem Geburtstag mitbringt, weil er dir ja immer so geschmeckt hat. Ja eh. Aber als Kind hat man erstens keine Ahnung, was Kalorien sind und außerdem hat man damals ja auch noch Knete gefressen und fand's toll. Dancepop, das ist die Zwangsverkindlichung der Hörer hin zu einer Affektion, deren Bestimmung  auf ein exzessives Bewegen des Gesäßes programmiert wurde. Scheiß auf Text, scheiß auf Harmonieführung, Hauptsache der Arsch wackelt. In seiner musikalischen Komplexität meistens irgendwo zwischen Rolf Zuckowski (in allen Ehren) und "Ich hab 'ne Zwiebel auf dem Kopf" vermag der gemeine Dancepopsong nur noch an Lyrics zu unterwältigen. Sicher – in jedem von uns steckt ein kleines pubertierendes Mädchen, das geheiratet werden will, ein Partybulle mit 'nem Bündel 50er in der Unterhose und eine starke, unabhängige Frau, die nichts außer den sternbeflockten Himmel braucht, um glücklich zu sein. Achso ja, und ihren Macker mit viel Kohle.

Genau jene Charaktere sind es, die ein normaler Mensch in seinem Leben mit – sagen wir – steigender Lebenserfahrung in eine Kiste sperrt, um sie verhungern zu lassen. Gefühlt kommt alle drei Tage eine neue Statistik heraus, die behauptet, unsere Generation entschlüsselt zu haben. Gemeinsamer Nenner: Die jungen Erwachsenen von heute wollen weg von einer oberflächlichen Konsumgesellschaft, wollen Erfülltheit in Job und Leben, mehr Echtes. Im Radio läuft der passende Soundtrack dazu:

We gon' boogie oogie oogie, jiggle, wiggle and dance like the roof on fire! We gon' drink drinks and take hots until we fall out like the roof on fire. Now baby give a booty naked, take off all your clothes, and light the roof on fire.

Hm. Pünktlich zum UNIMAG-Relaunch habe in die Archive geschaut. Als unser Magazin das erste Mal erschien, habe ich über Milow geschrieben. Wie belanglos die Musik sei, wie seicht die Texte. Heute vermiss ich solche Platten. Naja, gut, vermissen ist ein großes Wort. Aber der Glatzkopf weiß wenigstens, wie man eine Gitarre hält. Das kann man von den aktuellen Chartstürmern wohl oft nicht erwarten. Und jetzt mal ehrlich: Wenn schon Chris Martin auf Synthesizer umsattelt, weiß man, dass was faul ist. Richtig faul.

Ich will einfach nicht daran glauben, dass diese Art der Aneinanderreihung von Tönen, dieser schlecht organisierte Krach (hat mein Opa gesagt), heutzutage als Musik durchgeht. Diese hochtourige Verblödungsmaschine, getankt durch die ökonomischen Oligarchen, die den Geschmack erstickt und die Hirne wattiert, deren tonnenschwere Kolben alles zerstoßen, was anders, was gut ist, erhöht täglich die Drehzahlen. Einst hatte man Angst, das Kunstwerk verliere seinen Charakter durch die Reproduktion, die gnadenlose Vervielfältigung bis hin zum Ramschobjekt. Heute ist die Populärmusik nahezu befreit von dieser Angst, denn sie ist vom Kunstwerk ungefähr so weit entfernt, wie der Mayonnaisesalat der Mitzi-Tant von einem Weightwatchers Diätplan. Das hab jetzt ich gesagt.

Michael Hinterseer

Michael Hinterseer ist Redakteur und Fotograf, sowie TheWi Student mit Überzeugung. Er mag es, wenn Leute seine Sachen lesen und findet es total doof, über sich selbst in der dritten Person zu schreiben.

Erreichbar unter: michael.hinterseer (ät) unimag.at


bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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