BÜCHERBÖRSE

Girls im WUK

  • geschrieben von Michael Leitner
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Chris Owens c Ryan KozieChris Owens musste erst von den „Children of God“ nach Amerika flüchten, um dort zur Musik finden zu können. Zwei hochemotionale Alben später tritt er mit seiner Band Girls am 21.11. im Wiener WUK auf.

 

Vor zwei Jahren war es noch nahezu unmöglich, im Web einen Artikel über die in San Francisco beheimatete Indie Pop-Band Girls zu finden, der nicht die Kindheit von Frontmann Chris Owens behandelt. Dies nachzuvollziehen fällt hingegen leichter.



Strittige Gotteskinder

Die ursprünglich als „Children of God“ gegründete Bewegung, die heute nach mehrfachen Namensänderungen als „Family International“ auftritt, gehört wohl zu den zweifelhaftesten Überbleibsel der 68er Generation. Die Vertreter der Glaubensrichtung sind vor allem aufgrund ihrer etwas gar offenen Einstellung zum Sex, die ihnen immer wieder den Verdacht des Kindesmissbrauches eingebracht haben, stark umstritten. Chris Owens Mutter hatte ihrer Zeit Angst vor der Alleinerziehung zweier Kinder und flüchtete in ihrer Verzweiflung zu dem kritisierten Kult. Und weil die vermeintlichen Gotteskinder nicht an Arbeit glauben, wuchs der Musiker mit seiner Kleinfamilie bettelnd und trampend auf den Straßen Europas auf.

 

Zum Glück hat aber alles Schlechtes auch etwas Gutes. Als die Führer der „Children of God“ bemerkten, dass singende Kinder auf der Straße eine verlässliche Einnahmequelle darstellen, durfte Owens seine ersten musikalischen Schritte machen. Mit 14 lernte er die Gitarre und erstmals ein wenig Popmusik kennen, die seine rebellische Schwester in die sich gegen jeden Einfluss von außen verschwörende Bewegung geschmuggelt hatte. Ihr hat Owens es auch zu verdanken, dass er von Europas Straßen nach Texas kam, von wo aus er es schließlich nach San Francisco schaffte.

 

Debütalbum „Album“

Nach dem Sammeln erster Banderfahrung als Gitarrist bei Ariel Pink’s Holy Fuck, gründete er gemeinsam mit Chet „JR“ White die Curls, die aber schon bald in Girls umbenannt wurden. 2009 erschien das Debüt der Band, „Album“, beim Label True Panther Sounds.

Schon von den ersten Klängen des immer nach vorne marschierenden Auftaktsongs ‚Lust for Life‘ an, sprühte„Album“ nur so vor Lebensfreude. Dank vermeintlich widersprüchlicher Elemente fühlte es sich nicht selten wie ein Mixtape an. ‚God Damned‘ ist ein Lo-Fi-Folksong, ‚Big Bad Mean Motherfucker‘ ist klassisches Shoegaze, ‚Laura‘ wiederum ein fast schon radiofreundlicher Popsong. Zusammen gehalten wurde das ganze Konstrukt zum einen von der großartigen Selfmade-Produktion JR Whites und zum anderen von Chris Owens enorm emotional geschriebenen und fast schon weinerlich vorgetragenen Texten. Bestes Beispiel dafür ist wohl ‚Hellhole Ratrace‘, eine verzweifelte, selbstmitleidige Ballade, deren Refrain sich immer wieder wiederholt. Als dieser Song das Internet erreichte und für die erste Aufmerksamkeit rund um Girls sorgte, spaltete sich die vorschnelle Web-Gemeinde prompt in Lovers und Haters.

 

Zweites Album in diesem Jahr erschienen

Die Vertreter der erstgenannten Gruppe durften sich nach der „Broken Dreams Club EP“ aus 2010 heuer mit dem Album „Father, Son, Holy Ghost“ über den dritten offiziellen Release der Band freuen. Wie man bereits auf der erwähnten EP hören konnte, hat sich seit dem Debütalbum einiges geändert. Weiterhin liegt die Würze eher in der starken Ausführung verschiedenster Stile als in einem experimentellen Neuerfinden von Musik. So findet man hier neben fröhlich leichten Popsongs wie ‚Honey Bunny‘ oder ‚Saying I Love You‘ auch die an Pink Floyd erinnernde Gitarrenballade ‚Vomit‘ und mit ‚Die‘ sogar einen Ausflug ins Metal-Genre. Was sich geändert hat, ist aber die Produktion. Die instrumentale Dichte wurde deutlich erhöht, Background-Sängerinnen verpflichtet, und der Sound im Großen und Ganzen klarer gebügelt.

 

Am Ende steht eine dringende Konzertempfehlung für Fans von Elvis Costello, Pink Floyd, oder den Everly Brothers. Aber auch jeder, der auf abwechslungsreiche, energiegeladene Musik mit viel Emotion steht, sollte am 21. November ins WUK kommen.

 

 

 

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