BÜCHERBÖRSE

Deichkind – Niveau Weshalb Warum

Deichkind – Niveau Weshalb Warum (c) Sultan Günther Music/Björn Beneditz

Deichkind ist wieder am Start – Album Nummer 6 ist draußen und man darf gespannt sein, was "Niveau Weshalb Warum" so zu bieten hat. Was als erstes auffällt, sind die insgesamt 12 Songs, die es auf die Platte geschafft haben. Und die beiden vorab schon als Singles veröffentlichten Tracks sind auch nicht von schlechten Eltern – "So ne Musik" und "Denken Sie groß". Dicke Beats, keine vollkommenen Dummbratzen-Rhymes, wenn man denn wenigstens ein bisschen hinhört, aber trotzdem so rübergebracht, dass man sich beim Konzert richtig auf Temperaturen feiern kann. Und wer einmal auf einem Deichkind-Konzert ganz vorne war, weiß, dass kein Wasser aus der Zitze kommt.

Die Richtung, die Deichkind konsequent weitergehen, haben sie schon nach ihrem ersten Album mit der Platte "Nur noch fünf Minuten, Mutti!" eingeschlagen, denn hier war das Lied "Limit" zu finden, der Anfang allen Übels für die HipHop-Fans der Band. Mit "Aufstand im Schlaraffenland" wurde dann der Stil komplett gewechselt, allerdings war das Album erstmal nicht allzu erfolgreich, trotz solcher Hits wie "Electric Super Dance Band", "Ich betäube mich", "Aufstand im Schlaraffenland", "Prost" oder "Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)". Das erste Deichkind-Konzert, das ich 2008 auf dem Southside-Festival erleben durfte, hat mich trotzdem umgehauen. Am Campingplatz haben dann am Sonntagabend ein paar Leute ihre Box auf einen Bollerwagen gesetzt und sind mit Deichkind-Musik um die Zelte gezogen – innerhalb von 20 Minuten sind mehrere hundert feierwütige junge Menschen friedlich der Box in alle Ecken des Campingplatzes gefolgt und haben Party gemacht. Auch die nachfolgenden Konzerte hatten es in sich, auch wenn die Inszenierung ihrer letzten Tour bisweilen etwas steril wirkte.

Ihren kritischen Ton haben Deichkind allerdings auch auf ihrem neuen Werk nicht verloren. Im Sommer kam angesichts der Fußball-Weltmeisterschaft schon der bitterböse Abgesang "Ich hab eine Fahne" zum Vorschein. Nun kommt nach dem wirklich gelungenen "So ne Musik" auf dem Album als zweiter Track "Denken Sie groß". Hier kommt große Kritik am kapitalistischen System auf den Tisch, den allseits gegenwärtigen Größenwahn der immerwachen Leistungsgesellschaft und den Anforderungen, welche diese an jeden einzelnen von uns stellt, um nicht am Leben zu scheitern. Persifliert wird das ganze Spektakel dann mit einem Gitarrensolo … das jetzt vorbei ist … ach nein … immer noch nicht ... (Blick auf die Uhr) … es geht weiter ... ich habe diesen Satz in der gespielten Zeit verfasst, aber ein zu kurzes wäre ja auch irgendwie langeweilig gewesen, man muss ja schließlich zeigen, zu was man fähig ist. Auch das nachfolgende "Like mich am Arsch" ist ein Tritt in den Social-Media-Magen, den Likewahn und den Folgen, die eine unschuldige Aussage auf Facebook oder Twitter haben kann. Man kann da als passendes Beispiel das Mädchen aus Köln anführen, dass mit einer simplen Kritik am deutschen Bildungssystem zum Gespräch in den Medien wurde – und vom Shitstorm überrollt.

Fast schon in Richtung des Albums "Aufstand im Schlaraffenland" geht dann "Powered by Emotion". Verhältnismäßig schnell und auch hier wieder die kapitalistische Kritik, verpackt in allerlei leicht abgewandelte Werbeslogans von den ganz großen Konzernen. Leider wird das oft vergessen, wenn man über Deichkind spricht. Hier wird mehr gemacht, als platte Sauflieder mit Bass, dass die ganze Halle vibriert. Mit "Porzellan und Elefanten" allerdings gibt es dann ein Lied, das vom Beat her eher David Guetta zugetraut worden wäre und als Hintergrundlied für jeden Elektro-Festival-Trailer taugt. Es erinnert aber auch irgendwie an die Zeiten, als House noch eine ganz große Nummer in den Großraumdiscos gewesen ist. Vielleicht ist es ein kleines Zugeständnis an die inzwischen auch relevante Hörer-Gruppe, die sich mit Musik nicht allzusehr auseinandersetzt, es sei denn sie läuft im Radio. "Was habt ihr" erinnert dann zumindest vom Beat an eine Mischung aus "Harlem Shake" und "$$ Troopers" von Huoratron. Mehr Deichkind kommt dann mit "Mehr als lebensgefährlich" in die Boxen. Und ich nehme pauschal an, dass sich viele hier zumindest in einem der unzähligen Beispiele wiederfinden – denn es geht ausschließlich um First World Problems – hervorragend auf den Punkt gebracht durch die "Joghurtsequenz", um nicht zu viel verraten zu wollen.

Nicht ganz so stark wie das vorherige Liedgut ist dann "Naschfuchs", in dem es um ungehemmten Süßigkeiten-Genuss geht. "Ich könnte anders leben...seufz...Disziplin." Insgesamt ist das Album etwas ruhiger als die vorherigen, was sich auch an "Die Welt ist fertig" feststellen lässt. Hier darf dann sogar Siri den Refrain "performen", während von einer utopischen Zukunft gesungen wird, in der sogar "Gelsenkirchen am Meer" liegt. Aber man merkt auch, dass Deichkind fast schon ein bisschen erwachsen geworden sind. Aber nach so vielen Jahren darf man das auch. Der Titeltrack kommt dann wieder mit ein bisschen dickeren Hosen daher. Laut Aussagen der Band wollte man hier auch mal wieder spontan einen Song schreiben, das hat aber wohl nicht so ganz geklappt. Trotzdem kommen wieder richtig alte Deichkind-Gefühle hoch, denn hier bekommt man quasi einen Rückblick auf alte Zeiten serviert. Recht monoton gerappt, kein allzu melodischer Beat, ein bisschen wie das grandiose "Prost". "Hauptsache nichts mit Menschen" ist dann wiederum ein bisschen wie der Besuch auf einer Dubparty – alle tanzen völlig im Delirium zu einer seltsam berauschenden Musik, die einfach so dahinfließt. Danach kommt dann ein Track, der anfangs ein bisschen an Hardcore-Djs wie Angerfist erinnert. Allerdings dauert "Oma gib Handtasche" nur 1:53 Minuten.

Insgesamt ist "Niveau Weshalb Warum" eine doch ganz gut gelungene Sache, auch wenn hie und da ein paar schwächere Songs drin sind. So richtiges Hitpotenzial haben nur wenige, wie zum Beispiel "Powered by Emotion", das mit der Zeit wirklich noch durch die Decke schießen könnte, ebenso wie "Mehr als lebensgefährlich". Es gibt weniger dicke Beats als erwartet, aber das stellt im Endeffekt kein Problem dar. Die ersten zwei Durchläufe haben es mir nicht unbedingt leicht gemacht – so ganz bin ich nicht warm geworden mit den Liedern. Aber beim dritten Mal ist der Funken dann doch noch übergesprungen und ich kann sagen: Lohnt sich!

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DEICHKIND – "NIVEAU WESHALB WARUM"
UNIMAG-Rating:3,5 von 5 Punkten
Genre: Tech-Rap
12 Songs, Spielzeit: 47:28
Label: Sultan Günther Music/Universal Music
VÖ: 30.01.2015

Tracklist

1. So ne Musik
2. Denken Sie groß
3. Like Mich am Arsch
4. Powered by Emotion
5. Porzellan und Elefanten
6. Was habt ihr
7. Mehr als lebensgefährlich
8. Naschfuchs
9. Die Welt ist fertig
10. Niveau Weshalb Warum
11. Hauptsache nichts mit Menschen
12. Oma gib Handtasche

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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