BÜCHERBÖRSE

Don't Miss The Hype!

Neuer heißer Scheiß aus Österreich! (c) Michael Hinterseer/Collage
Neuer heißer Scheiß aus Österreich!

Ach Kinder, lasst uns mal lieb sein. Wenn die Innviertler den März zum Monat des Bieres küren, dann darf bei uns schon mal der Monat der guten Musik rausspringen.

Zum Jahreswechsel, der ja nun auch schon ein bisschen zurückliegt, setzt man sich ja gerne edle Ziele. Weniger saufen, mehr Gemüse, Oma anrufen. Da ich aber Vorsätze so gut halten kann wie Milli Vanilli Töne, habe ich einfach ein bisschen weiter unten angesetzt und beschlossen: Mehr lieb sein. Auch hart, aber immer noch besser als Brokkoli. Also. Anstelle Madonnas neues Schauderwerk zu zerlegen, sich zu fragen, warum Helene Fischer für Europa gefährlicher ist als die Hypo oder warum zur Hölle ein Bumsfilm-Soundtrack gerade die Charts anführt, wollen wir heute mal lieber etwas Positives in die ach so düstere Musikwelt schicken. Nämlich junge Leute, die gute Musik machen, aber noch ganz am Anfang stehen, nämlich unter 1000 Likes auf Facebook. (Ja, das ist mittlerweile als Maßeinheit anerkannt.)

Mein neues Motto: Wer Helene Fischer hört, hat's nicht anders verdient.

Beginnen wir doch in der Hauptstadt. Vor kurzem war in der Arena das Local Heroes, ein Bandcontest. Dort habe ich zum ersten Mal THE PAINTING FACES gehört und war sofort irgendwie glücklich. Ich bin ja der Überzeugung, dass Math, der Sänger, eine von diesen kleinen Muskatreiben verschluckt hat. Seine Stimme klingt so verletzt und großartig, dass man den Jungs stundenlang zuhören will. Mit einem Halszuckerl im Mund. Wegen der Phantomschmerzen. Wer The Tallest Man On Earth mag, wird die Jungs lieben.

Aus dem grünen Herzen Österreichs sind KEINE ANGST und haben einen Vogel. Aber einen guten. "Ist es denn genug immer nur Bluejeans zu tragen, niemals gelb oder rot oder andere Farben?" TON STEINE SCHERBEN trifft ARIK BRAUER. Dabei schaffen sie textlich den Spagat zwischen Ernsthaftig- und Sinnlosigkeit so grandios, dass man erst beim zweiten Hinhören merkt, was da alles mitschwingt, welche Botschaften gekonnt in ein musikalisch überzeugendes Bouquet verwoben werden, wie kein Song wie der nächste klingt und warum Punk nicht tot ist, auch wenn man ihn vielleicht nicht auf Anhieb als solchen erkennt.

Bleiben wir mal bei den Stromgitarren. Wer fetzen sagt, muss WAR HOLES sagen. Es ist, als hätten QUEENS OF THE STONE AGE eine Zeitreise gemacht und JIM MORRISON eingepackt. "Eventually we come in peace" steht auf ihrer Homepage. Und hört man ihre Tracks, glaubt man das auch. Garagerock vom Feinsten, dicke Soundbretter, schnelle Riffs. Und das, ohne dabei protzig zu wirken. Diese Burschen gehören verdammt nochmal auf Festivalbühnen, in die Staubwolken der Crowd, vor übertriebene Boxentürme und bandlogotätowierte Groupies!

Jetzt hab ich mich beinahe verschluckt vor lauter Rock’n’Roll, wir brauchen Entspannung. Und da kommen HEART FORMED BRAIN genau richtig. Jazz meets Electronic, das ist ein Rezept, das aufgehen kann, aber oft genug auch peinlich-pornöse Anwandlungen hat. Doch da besteht keine Gefahr bei diesem Duo. Ihr Debut "Expulsion" ist gleichzeitig entspannt und spannend, warm und doch cool, mit ausladenden Arrangements und nuancierten Feinheiten, ach, zum Verlieben. Ein bisschen wie MOLOKO im Urlaub, sollte man sich die zwei unbedingt merken, dann hat man seinen Soundtrack des Sommers schon im Frühling.

"Cities" heißt das erste Album der Wiener Band PROTOTYPER. Und so aufregend und vielfältig wie eine Großstadt bei Nacht kommt deren Sound daher. Man hört den Jungs an, dass sie den Rock im Herzen und in den Fingern haben. Ein bisschen Stoner hier, eine Portion Postrock da, mischen sie aus allen Ecken von alledem, was man unbedingt laut hören will, ihren eigenen Sound. Mal ekstatisch, mal verspielt, mal auf die Fresse, aber nie langweilig oder abgedroschen sind die vier Dudes einfach nur empfehlenswert. Rockerehrenwort!

Deutschsprachige Musik wird immer wichtiger. Das mag ich. Aber weil wir dieses Feld nicht den Lederhosenträgern mit Geschichtsalzheimer überlassen dürfen, kommen wir zum Schluss zu einer Band, die beweist, dass Deutschpop nicht nur in Hamburg passiert.

Lisa und Michael von der Band NOAH. machen "Akustik-Pop aus irgendwo zwischen Graz, Wien & Salzburg". Und ähnlich entspannt wie diese Ortsangabe klingen sie auch. Die Texte zwischen Erwachsenwerden und –sein, ein Hoch auf die Liebe, und die Angst. "Zwischen langen Briefen und Polaroidfotos liegen ein, zwei Stückchen Leben". Was die Zwei machen, ist so gekonnt und schön, dass man auch überhaupt keine Vergleiche braucht. Sie klingen wie NOAH. Und das sollte man sich baldmöglichst anhören.

Michael Hinterseer

Michael Hinterseer ist Redakteur und Fotograf, sowie TheWi Student mit Überzeugung. Er mag es, wenn Leute seine Sachen lesen und findet es total doof, über sich selbst in der dritten Person zu schreiben.

Erreichbar unter: michael.hinterseer (ät) unimag.at


bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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