BÜCHERBÖRSE

Farewell Dear Ghost: "Wenn die Musik gut ist, ist es wahrscheinlich egal, woher du kommst."

Farewell Dear Ghost (c) Lena Prehal
Farewell Dear Ghost

Farewell Dear Ghost, eine Indie-Formation rund um den Grazer Philipp Szalay, gehört zu den hoffnungsvollen Sternen am österreichischen Pop-Himmel. 2010 gegründet, erschien 2013 das Debütalbum "We Colour The Night" und platzierte sich damit in zahlreichen "Best of 2013"- und "Watch out"-Listen. Aber nicht nur das Album ist ein Meisterwerk, Farewell Dear Ghost wissen nicht zuletzt auch durch ihre Live-Qualitäten zu begeistern. Vor einem Konzert in Linz haben wir Philipp Szalay, Günther Paulitsch, Alex Hackl und Philipp Prückl zum Interview getroffen.

2013 ist euer Debütalbum erschienen. Was hat sich seitdem für euch verändert?

Philipp S.: Die Tank-Rechnungen sind viel höher.
Philipp P.: Die Sonntage sind viel schlimmer als früher.
Günther: Das wieder heimkommen und in das normale Leben zurückfinden, das ist das schwierigste.
Philipp S.: Es ist echt spannend zu sehen, dass man auf einmal viel weniger Freizeit hat. Man braucht ja schon mal ein Wochenende zum Regenerieren, dann ist plötzlich schon wieder Mittwoch und Donnerstag, Freitag geht's schon wieder los. Aber es ist trotzdem wahnsinnig schön.
Philipp P.: Ich war früher immer extrem schlecht im Koffer packen. Mittlerweile schaff ich das innerhalb von drei Minuten. Das hab ich mitgenommen von diesem Jahr (alle lachen). Das ist schon praktisch: richtig Koffer packen, das muss man mal können!

Ihr seid viel in Deutschland unterwegs. Gibt es einen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich?

Philipp S.: Ja, die Deutschen sind pünktlich.
Alex: Aber wir mögen das nicht. Also: Ich mag es nicht (lacht).
Philipp P.: Wenn man das österreichische und das deutsche Publikum vergleicht, dann finde ich, dass das deutsche sogar ein bisschen angenehmer ist, weil sie viel weniger besoffen sind.
Philipp S.: Das kann aber auch daran liegen, dass wir in Deutschland die größeren Shows gespielt haben. Ich weiß nicht, ob ich es mir einbilde, aber es ist vielleicht ein anderer Zugang zu Live-Konzerten: die Leute sind etwas aufmerksamer, weil die Musik dort vielleicht einen etwas größeren Markt hat. Ich habe jedenfalls schon den Eindruck gehabt, dass sie dem Ganzen etwas offener gegenüber stehen. Es ist nicht so sehr ein Entertainment-Ding, sondern sie sind wirklich bei der Band. Und wir haben bei jeder Support-Show das Glück gehabt, dass der Saal immer bumm-voll war, sowas passiert in Österreich kaum.
Alex: Wenn es heißt, wir spielen um 21:00 Uhr, dann denken die meisten in Österreich, es fängt eh erst um halb zehn an. Dann sind um halb zehn erst die Hälfte der Leute da – und dann starten wir eben erst um zehn. Das ist in Deutschland wirklich ein anderer Zugang.
Günther: Das hat vielleicht auch mit der Größe zu tun, die ganze Organisation ist viel besser. Ich weiß also nicht, ob man das auf die Leute zurückführen kann oder auf die Größe der Produktionen. Es war einfach immer extrem gut organisiert.

Und habt ihr das Gefühl, dass es das Publikum interessiert, woher ihr kommt oder ist das ganz egal?

Philipp S.: In Deutschland war es einmal ganz lustig, als ich erst nach dem zweiten Song eine Ansage gemacht habe. Da hat man wirklich gesehen, dass die Leute zu schmunzeln angefangen haben, weil sie wahrscheinlich gedacht haben, wir sind wahrscheinlich irgendeine englische Band oder es gar nicht zuordnen konnten. Dann haben sie es extrem sympathisch gefunden, dass es eine österreichische Band ist, die ein bisschen einen Dialekt hat.
Philipp P.: Mir kommt's vor, als hätte man so etwas wie einen "Österreich-Bonus". Ich hab öfters gehört, dass die Deutschen den Dialekt oder wenn Österreicher Hochdeutsch reden, sehr sympathisch finden. Und wenn die Musik gut ist, ist es wahrscheinlich egal, woher du kommst.

"Überraschend gut dafür, dass es aus Österreich kommt": "ie reagiert ihr auf solche Aussagen, die man immer wieder in Zusammenhang mit österreichischen Bands stößt?

Philipp S.: Ich weiß nicht, ob das ein österreichisches Problem ist, dass wir einfach gerne sudern und über Generationen hinweg von einem Minderwertigkeitskomplex zehren und deshalb schon überzeugt sind, dass etwas, das aus dem eigenen Land kommt, nicht gut sein kann. Man muss die Leute einfach eines Besseren belehren, und das wollen wir machen. Gerade im vergangenen Jahr ist da viel passiert, wenn man sich zum Beispiel die Nominierten für den Amadeus Award ansieht. Es hat in Österreich ein wahnsinnig hoher Anteil an Professionalisierung stattgefunden. Das merkt man auch an der Qualität, die herauskommt. Die Leute müssen nur ein bisschen hingeführt werden, dass sie das auch erkennen. Ich glaube aber, das findet langsam statt, es geht langsam in diese Richtung. 

Findest du den Amadeus Award wichtig oder in irgendeiner Hinsicht hilfreich?

Philipp S.: Auf jeden Fall! Man kann sich zwar die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, zwei verschiedene Genres zusammenzulegen, die einfach nichts miteinander zu tun haben. Aber es ist schon wichtig, dass es diese Plattform überhaupt gibt. Man kann einfach nur selbst ein konstruktives Feedback geben und damit einen Teil dazu beitragen, dass es dann besser funktioniert. Es steckt noch sehr in den Kinderschuhen, man kann sehr viel besser machen. Aber da haben auch noch sehr viele andere Sachen als der Award eine Mitschuld daran, dass es irgendwie untergeht. Ich stelle mir z. B. die Frage, warum die Show von einem Privatsender übertragen wird. Das ist das wirklich Traurige: dass es keinen Platz im öffentlich-rechtlichen Funk hat. Das ist vielleicht die größte Hürde, denn wenn man Reichweite hat, kann man sich auch verbessern, aber wenn es immer nur ein Nischenprodukt ist, dann wird's schwierig.

Es bekommen auf diese Weise halt immer nur die Leute die Amadeus Awards mit, die sich sowieso dafür interessieren...

Philipp S.: Ja...
Philipp P.: ... aber dass zum Beispiel Bilderbuch gewonnen haben, das hat sogar meine Mutter mitbekommen. Das heißt schon was. Aber wenn Ö3 sich ein bisschen bemühen und schauen würde, dass sie österreichische Bands spielen, würde das schon viel ausmachen. Es gibt ja Künstler wie Julian Le Play, die sind ja auch in Deutschland sehr bekannt. Radio hat einfach eine riesige Reichweite – gerade Ö3. FM4, die uns spielen, ist halt ein Nischensender. Aber wenn Ö3 österreichische Bands pusht, dann hätten die einfach plötzlich ein viel größeres Publikum.

Seid ihr für Quoten für österreichische KünstlerInnen im Radio?

Günther: Es ist schade, dass es überhaupt nötig ist, diese Diskussion zu führen. Man sollte davon ausgehen, dass es selbstverständlich ist – vor allem bei einem öffentlich-rechtlichen Sender –, dass österreichische Musik gespielt wird. So ist es aber nicht, deshalb machen Quoten vielleicht doch Sinn, aber es ist natürlich keine ideale Lösung. Es sollte das normalste überhaupt sein, wenn man in einem Land lebt, in dem es gute Musik gibt, dass ein Sender diese auch spielt.
Philipp S.: Ich glaube auch, dass es eher ein Strukturproblem ist. Es ist wirklich schade, dass man es machen muss, aber vielleicht wäre es ein richtiger Schritt, um eine Plattform zu schaffen, auf der man sich etablieren kann. Das Problem ist, dass du nicht einmal an dieser Oberfläche kratzen kannst, sodass Leute rauskommen. Ich bin der Überzeugung, wenn Ö3 mal einen ganzen Tag ausschließlich österreichische Musik spielen würde, dass die Leute sich nie denken würden "Wäh, was ist denn das für ein Scheiss?" Mittlerweile sind die Standards hoch und Österreich muss sich mittlerweile, auch was die Produktion angeht, nicht mehr verstecken. Und es kann mir auch niemand erzählen, dass in den Austria Top40 jeder Song ein superguter Song ist.
Günther: Es geht auch darum, dass man Leute erzieht. Und wenn Menschen durch Ö3 sozialisiert werden, dann ist klar, dass es für andere Genres schwierig wird. Wenn man immer nur oberflächliches Zeug hört, dann wird man sich schwer tun, wenn man mal alternativere Musik hört. Da würde eine Quote Sinn machen. Nicht nur für einen Tag sondern längerfristig. Ich bin mir sicher, dass das auch dazu führen würde, dass mehr Leute Konzerte besuchen, weil sie dadurch einfach einen anderen, viel breiten Zugang zu Musik haben.
Alex: Ö3 hat einen Weg eingeschlagen, der es momentan für junge, aufstrebende Bands aus Österreich sehr schwer macht. Das liegt jetzt auch an Ö3, sich zu überlegen, wie es nach dieser grandiosen Aussage von Frau Lichtenegger weiter geht. Vielleicht nehmen sie es als Anstoß, sich am Riemen zu reißen und etwa zu ändern – oder eben nicht.
Philipp S.: Ich glaube, dass ist gar kein spezifischen Ö3-Problem. FM4 hat, glaub ich, einen ganz guten Standpunkt, aber man kann natürlich alles ein bisschen zerklauben. Wenn man sich FM4 ansieht, ist es genauso. Wir fallen halt genau in diese Indie-Schiene, die dort gepusht wird. Da haben wir wirklich viel Glück. Aber was macht man zum Beispiel als Heavy Metal-Band? Das ist generell die Medienlandschaft, die langsam aufwachen muss und sich "trauen" muss, auch heimische Acts zu fördern. Von Vornherein alles kategorisch abzulehnen, ist natürlich der falsche Weg. Man muss aber einmal einen Schritt setzen und sich trauen. Dann würden sich auch die Leute dafür interessieren.

Und wenn Ö3 heute ankommen würde und euch in ihr Programm aufnehmen würde... Wäre das komisch oder würdet ihr euch freuen?

Philipp S.: Ich würde es super finden.
Philipp P.: Ich auch. Das wäre eine riesige Möglichkeit, die sich da auftun würde. Man hat die Chance, etwas Sinnvolles daraus zu machen: Man kann größere Konzerte spielen...

... das ist dann die Frage, ob es wirklich größere Konzerte wären.

Philipp S.: Ich glaube, das ist eher ein Problem, was wir in Österreich generell haben. Man ist über Jahrzehnte hinweg so erzogen worden, dass man sagt "Uah, jetzt werden die auf Ö3 gespielt, die haben sich verkauft, das sind jetzt die 'neuen Österreicher'". Dann ist man nur mehr in diesem Korsett drinnen. Das ist auch ein Problem, dass man immer in Lagern denkt: "FM4, das ist die coole Indie-Jugend-Schiene" und "Ö3 ist der Mainstream" und wenn du dann auf Ö3 bist, dann bist du der Arsch. Das ist ein komischer Umgang von der Gesellschaft ...
Günther: ... aber ich glaube nicht, dass die Leute daran Schuld sind, dass das so einen negativen Beigeschmack hat. Das ist eine ganz klare Positionierung von Ö3 im Vergleich zu FM4 oder anderen alternativen Sendern. Da ist eine extreme Kluft dazwischen und man kann darüber nachdenken, was kommerzielle Musik generell ist. Wie gesagt, das ist Erziehungssache – wenn Ö3 sich anders oder breiter positioniert hätte, dann würde es für Musiker, die keine "Ö3-Musik" machen, nicht solche Probleme geben, wenn sie sie spielen würden. Aber es ist schon in unseren Köpfen drinnen, dass Ö3 diesen Mainstream-Scheiß spielt. Und das liegt an Ö3 und nicht an den Hörern.
Philipp S.: Ja, und das ist ein Vorwurf, den man ziemlich weit ausdehnen kann. Auch auf Sender wie Kronehit usw. In dieser Hinsicht wäre eine Quoten-Regelung vielleicht doch mal ein Schlag auf den Kopf, um anzufangen zu überlegen, wie man das Programm sinnvoll gestalten kann. Wenn man sich zum Beispiel erfolgreiche Konzepte in England anschaut und fragt, warum englische Bands so erfolgreich sind. Da werden aber halt Festivals auf BBC1-BBC3 durchgehend live übertragen. Das wäre so, wie wenn der ORF beim Frequency ist und österreichische Bands live übertragt. Und zwar in der Prime-Time, um die Leute zu erreichen.
Philipp P.: ... und dazu müssten auch auf den österreichischen Festivals die österreichischen Bands nicht als erste Acts spielen lassen, sondern auch mal um Mitternacht. Das ist auch so ein Denken: österreichische Bands können gar nicht gut sein, weil sie aus Österreich sind. Überall auf der Welt ist es scheißegal und keiner fragt, woher man kommt. Mir ist das auch egal, ob eine Band aus Frankreich, Amerika oder sonst wo kommt. Aber ich glaube auch, dass das vielleicht ein Minderwertigkeitskomplex ist. Was man selbst kennt und selbstverständlich ist, das ist halt nichts wert.

Vielen Dank für das Interview!

Elisabeth Voglsam

Ressortleiterin Musik & Events
Fotografin & Redakteurin

Twitter: @EVoglsam
Instagram: vogigram_vie

elisabeth.voglsam (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: September 2012

Webseite: www.flickr.com/photos/lilacsky
 

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