BÜCHERBÖRSE

Sufjan Stevens - Carrie & Lowell

Sufjan Stevens - Carrie & Lowell (c) Asthmatic Kitty/Sufjan Stevens

Detroit ist gemeinhin bekannt für seine brachliegenden Wohn- und Industriegegenden, ganze Viertel erscheinen einem wie Geisterstädte. Die Bewohner flüchten scharenweise aus der Stadt, sie ist zu einem großen Teil zu einem Paradies für Fotografen aller Art geworden, denn Motive wie hier sind – zumindest in dieser Fülle – eher selten zu finden. Auch Sufjan Stevens kommt aus Detroit, allerdings teilt er das Schicksal mit einem Großteil der ehemaligen Bevölkerung und hat sich einen anderen Wohnort gesucht. In New York ist ihm aber trotzdem das gewisse Etwas nicht abhanden gekommen, das vielen Musikern im Laufe ihres Lebens verloren geht, zumindest aus Sicht der Fans. Gerade geschieht es mit Mumford & Sons. Waren viele des von der Band geprägten Folksounds mit der Zeit überdrüssig, hat diese Band eine Entscheidung getroffen und sich scheinbar radikal verändert, soll heißen das Banjo, Herzstück ihres musikalischen Schaffens, verbannt. Aber voreilige Schlüsse sollen vor Erscheinen des Albums noch nicht gezogen werden.

Dass Sufjan Stevens seinen besonderen Klang beibehalten hat, macht ihn nicht per se langweilig. Er schafft es auf seinem neuen Album "Carrie & Lowell" gleich mit dem ersten Song, die Aufmerksamkeit des Hörers für sich zu gewinnen. Man fühlt sich auf einmal zurückversetzt wie an jenem letzten Tage, an dem diese Musik aus den eigenen Lautsprechern kam – und auch genauso gut wie damals. Zwar sind die Songs mit einer gewissen Melancholie behaftet, die den Schreiber dieser Zeilen gerne einmal auf einen Kaffee besucht, aber trotzdem wird niemand widersprechen, der Sufjan Stevens, Iron & Wine oder William Fitzsimmons in seiner Plattensammlung willkommen heißt. "Death with Dignity", der erste Song des Albums, ist ein wirklich bärenstarkes Stück Musik, das die beiden folgenden Titel nicht ganz auffangen können. Aber immer, wenn man glaubt, das jetzige Stück kommt nicht an das vorherige ran, verändert sich der Song und man ist wieder in Zufriedenheit versunken. "Eugene", fünfter Track, lässt dann erstmals Erinnerungen an ältere Songs wachwerden, konkret gemeint ist hier "Henney Buggy Band" vom 2006er Outtake-Album "The Avalanche".

Im folgenden Lied werden dann wieder ein wenig ruhigere Töne angeschlagen. Die Gitarre ist weggepackt, dafür setzt sich Mr. Stevens dankenswerterweise mal ans Piano, spielt er doch eine ganze Fülle an Instrumenten, vom Saxophon über Querflöte bis hin zum Akkordeon ist alles dabei. Ein bisschen mit elektronischen Klängen verfeinert, haucht er "We're all gonna die" ins Mikrofon. Da kommt eine eher negative Stimmung auf, obwohl das Lied "Fourth of July" heißt. Man kann aber damit rechnen, dass das vielleicht sogar so gewollt ist. "The Only Thing" ist dann wieder mit Gitarre unterlegt, leider springt aber auch hier der Funke wieder nicht richtig über. Waren die ersten drei Songs wirklich ein wahrer Genuss, ist man hier schon wieder bei der eher nicht so spannenden Alltagskost angelangt – wenn man so etwas von Sufjan Stevens wirklich so sagen kann. Schlecht ist das Lied nicht, aber auch nicht so wirklich mitreißend. Mit "Carrie & Lowell", dem Titeltrack, steigert sich die Qualität wieder, nach einigem Spiel & Gesang endet der Song schließlich mit sphärischen Klängen in der Leere. "John My Beloved" setzt dann nochmal einen drauf und vollendet sich mit herzschlaggleichen Taktschlägen in einer gewissen Traurigkeit, die aber eben das vorher angesprochene, melancholische Dahinschweben auslöst und den Hörer vollauf zufrieden zurücklässt.

Auch der vorletzte Song, "No Shade in the Shadow of the Cross", macht genau dort weiter, wo "John My Beloved" geendet hat. Zum Leidwesen des Hörers ist auch dieses Stück nur knapp länger als zweieinhalb Minuten, allerdings ist es erstaunlich, wieviel Sufjan Stevens in so kurzer Zeit aus einem Song herauskitzeln kann. Eine Stunde Radiogedudel ist ein Witz dagegen. Das Album endet mit "Blue Bucket of Gold", und dementsprechend wir auch die Gitarre wieder eingemottet, um die Tasten zu schmettern und ein paar Cellolaute im Hintergrund einzustreuen, was in diesem Fall unweigerlich Other Lives "For 12" ins Gedächtnis ruft, als sei man hier an eine Fortsetzung des Songs geraten. Also scheint auch Sufjan Stevens diese Band zu kennen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass das kurzweilige Hörvergnügen kein einmaliges bleiben wird – zu stark sind die Songs, die der Songwriter einem in die Ohren legt. Wer Sufjan Stevens mal mochte, sich aber an den alten Sachen totgehört hat, sollte "Carrie & Lowell" ebenso eine Chance geben wie Leute, die mit dieser Musik bisher nichts am Hut hatten. Hieraus können viele etwas ziehen, dessen kann man sich getrost sicher sein. Ans Herz gelegt sei zum Einstieg ganz besonders der erste Track, "Death with Dignity", der wirklich alles beinhaltet, was diesen Sänger ausmacht.

SUFJAN STEVENS – "CARRIE & LOWELL"
UNIMAG-Rating:
Genre: Folk, Art Rock
11 Titel, Spielzeit: 44:35 Min
Asthmatic Kitty, VÖ: 27.03.2015

Album-Tracklist

1. Death with Dignity
2. Should Have Known Better
3. All of Me Wants All of You
4. Drawn to the Blood
5. Eugene
6. Fourth of July
7. The Only Thing
8. Carrie & Lowell
9. John My Beloved
10. No Shade in the Shadow of the Cross
11. Blue Bucket of Gold

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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