BÜCHERBÖRSE

Don't believe the RADIO

Don't believe the RADIO © Jacob De Vriendt/flickr.com

Ich bin ein friedlicher Mensch. Das sagen alle, die mich kennen. Mama, Oma, Fräulein Gitti vom Billa – wirklich alle. Doch es gibt so ein paar Gelegenheiten, da sitze ich dann da und schau freundlich-debil in die Welt hinaus und plane innerlich, wie ich mein Gegenüber so abmurksen könnte, dass es keiner merkt. An jenem Tag hätte ich beinahe ernst gemacht. Leider habe ich mich dann aber doch entschieden, keinen abzumurksen, sondern mir den Frust lieber von der Seele zu schreiben.

Also zurück zur Geschichte. Wäre es ein Hollywoodfilm, dann würd's jetzt so ein "Tschasch"–Geräusch geben, weiße Blende, Flashback: Ich stehe vor einem 1999 Renault Twingo und lade mein Gepäck ein. Eine Mitfahrgelegenheit nimmt mich mit nach Wien, super G’schicht, ist eh günstiger als der Zug und außerdem bequemer. Wir steigen ein, das nachträglich eingebaute Radio mit einem Klinkenkabel am Handy lässt Schlimmeres vermuten, darum bete ich präventiv an den Musikgott: "Bitte kein Trashcoremetal, keine Helene Fischer, kein Kabarettmitschnitt, bittedankeamen!" Wir fahren los, der Fahrer schaut mich an und mit einem einzigen Satz wischt er mir die Sorgenfalten aus der Stirn: "Radio is' eh ok, oder?" Ich bejahe und bin beruhigt. Ich Trottel.

13:30 – 14:15 Rosenheim  Salzburg West. Speichertaste 1, Ö3.
Wir haben gerade noch rechtzeitig eingeschalten, um das Ende von Nickelbacks "What Are You Waiting For" zu hören. Kein Problem, kommt noch öfters. Darauf erstmal Meghan Trainor, eins ihrer Lieder, keine Ahnung welches, klingen alle gleich. Die Moderatorin klingt, als wär sie innerlich sehr traurig. Ich bin es auch.

14:15 – 15:30 Salzburg – Linz. Immer noch Ö3.
Bei Tempo 130 ist im Twingo eine Unterhaltung nicht mehr möglich. Um das komische Schweigen zu überbrücken, wird das Radio lauter gedreht. Ich erinnere mich an den DJ-3000 von den Simspons und glaube, den gibt's wirklich. Seit zwei Stunden sind wir unterwegs und ich bin sicher, ich habe manche Lieder schon dreimal gehört. Ich frage vorsichtig, ob wir mal den Sender wechseln können. "Klar" sagt der Fahrer. Speichertaste 2: Krone Hit. Schöne Scheiße. David Guetta, One Direction, Sido. Beim Refrain zu "Au Revoir" wird lauter gedreht. Über meine Wange kullert eine heiße Träne. Sie kommt wohl aus meinen Ohren.

15:30 – 15:45 Nähe Enns.
Tankpause. Ich habe ekstatische Glücksgefühle, denn mit dem Motor geht das Radio samt der einen Nummer von Meghan Trainor, die klingt wie alle anderen, aus. Ich geh' zum Pinkeln in die Tankstelle. Dort läuft auch Krone Hit. Den Schluss von Meghan Trainor bekomme ich wieder mit. Erste Überlegung, mir die Ohren permanent zu entfernen.

15:45 – 16:30 Linz – Amstetten. Krooooneeee Hiiits!
Mein Highlight sind die Verkehrsmeldungen. Die sind wie Urlaub. Seit einer Stunde aber gibt es keinen Stau, keine Baustellen, nicht mal einen Geisterfahrer. Mehr Zeit für die Hits. Ein Glück. Sam Smith fand ich immer ganz ok. Ich check ‚ meinen Kontostand online, ob sich ein Ticket nach England ausgeht. Ich muss mit dem mal ein ernstes Wörtchen reden. Erste Abwechslung: Manchmal mischt sich ein Klassiker darunter. Leider sind die auch scheiße und überhaupt kommt es mir so vor, als gäb’s da auch nur drei; einer davon ist "Ooh La La La" von den Fugees. Die andern zwei von Meghan Trainor.

16:30 – 17:15 Amstetten – St Pölten. Krone rauscht. Ö3 it is!
"Fourfiveseconds" kapier ich auch nach dem zehnten mal hören nicht. Wenn einer weiß, warum McCartney und Kanye West da dabei sind, bitte meldet euch. Die Hunger Games hab ich noch nicht gesehen, aber ich bin mir mittlerweile sehr sicher, dass es da um einen Baum geht, wo Leute aufgehängt werden und das alle irgendwie so gut finden, dass man ein 5 Minuten Lied mit einer Zeile Lyrics daraus macht. Wenn das Lied noch einmal gespielt wird, besuch‘ ich den Baum.

17:15 – 18:15 St. Pölten – Wien. Nach erneutem Gemotze auf NRJ umgeschalten
"The Hanging Tree" wieder gehört. Ich hab kein Seil und außerdem bin ich schon zu schwach, ich kann kaum mehr sitzen. Beim Ortsschild Wien keimt Entspannung auf, die Nickelback sofort zerstört. Bin mir sicher, in einem Wurmloch gefangen zu sein. Alles beginnt und endet mit Nickelback.

18:15 Wien.
Ich steige aus. Kalter Schweiß hat meine Klamotten durchtränkt. Meine Ohren schmerzen, mein Gehirn tut es auch. Ich bedanke mich mit einem kraftlosen Händedruck und schließe die Tür. Der Fahrer grinst mir noch zu, dreht das Radio auf und als er mit seinem Twingo in die Felberstraße abbiegt, hör' ich noch ein Meghan Trainor Lied in der Ferne ausfaden. Welches, weiß ich nicht.

Michael Hinterseer

Michael Hinterseer ist Redakteur und Fotograf, sowie TheWi Student mit Überzeugung. Er mag es, wenn Leute seine Sachen lesen und findet es total doof, über sich selbst in der dritten Person zu schreiben.

Erreichbar unter: michael.hinterseer (ät) unimag.at


bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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