BÜCHERBÖRSE

Mich nicht zu mögen, ist halt eine Option

  • geschrieben von Louise Lässig
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Thees Uhlmann C pertramer.atThees Uhlmann, Sänger von Tomte und nun Solo unterwegs, sprach mit UNIMAG vor seinem Konzert in der ((Szene)) Wien am 13. Oktober, über musikalische Sabbatjahre, Wiener G’schichten, lebensverändernde Studienerfahrungen und natürlich sein Soloalbum, welches der selbsternannte „Günther Netzer der deutschen Rockscene“ diesen September veröffentlichte.

 

Guten Abend und wie ist es, alleine den Erfolg zu bekommen, den es mit Tomte nie gab?

Komisch. Ich hab jetzt 17 Jahre als Teil einer Band Musik gemacht und war irgendwie platt, von diesem Kampf, Tomte voranzutreiben und Thees Uhlmann von Tomte zu sein. Ich wollte einfach dieses Soloalbum machen, als mein musikalisches Sabbatjahr.
Dafür hab ich mich dann mit Tobias Kuhn (von Monta, Anmerkung d. Red.) zum Komponieren hingesetzt und das hat dann eine krasse Eigendynamik entwickelt. Das unversaute, reine Herz kam raus.

 

Bist Du Solo textlich ehrlicher zu Dir selbst? Es gibt ja jetzt keine Kompromisse gegenüber dem Rest der Band.

Nee, eigentlich gar nicht. Ich hab bei Tomte die Songs immer ganz allein geschrieben, jetzt hatte ich eben Tobias Kuhn neben mir, der dann auch mal meinte „Nee, geht gar nicht“ oder „Thees, das ja richtig geil“. Und neu war auch, dass Musik und Texte zeitgleich entstanden, ich in einem Raum, Tobias im anderen. Dann austauschen was man hat, ein richtig fließender Prozess; da entstand Kunst wie im Rausch.

 

Bis jetzt gab es auf Deinen Alben mit Tomte immer ein paar wundervoll pathetische Zeilen; eure meistzitierten. Welche sind das auf „Thees Uhlmann“?

Oh, das kann ich jetzt gar nicht so genau sagen, echt schwierig. Aber eine der für mich schönsten Zeilen ist "Wir haben hohe Himmel im tiefsten Blau/ Hier nimmt man seine Jugendliebe noch zur Frau." Ich komme ja vom Dorf und da ist das echt so. Unserer ehemaliger Bassist Stemmi, ist mit seiner Frau seit er 13 ist zusammen. Sowas völlig schönes und intimes. 

Aber ich mag auch „Das Leben ist wie Feuer / es brennt und es wärmt“, einfach weil es genauso ist im Leben. 

 

"Berlin war mir irgendwann zu hart"

 

Ein großes Thema auf „Thees Uhlmann“ ist Heimat. Die Rückkehr dahin, woher man eigentlich kommt und etwas, dass man sich mit Mitte 20 gar nicht vorstellen kann. Wie hast Du die Heimat wieder wertschätzen gelernt?

Klar, mit 20 wollte ich nur weg aus Hemmor, ab in die Stadt und den Rock n Roll erleben, den ich nur aus den Zeitschriften kannte, die für mich alles waren. Ich war da irgendwie alleine, meine eigene kleine Subkultur und musste weg. Jetzt habe ich ein paar Jahre in Berlin gelebt, wo immer alles hip und angesagt, hektisch und nervös ist. Das war mir dann irgendwann zu hart.

Jetzt bin ich 37, Vater und fahre sehr gern mit meiner Tochter nach Hemmor, meine Mutter besuchen. Und auch wenn das nur ein kleines Dorf irgendwo in Norddeutschland an der Schnellstraße ist, bedeutet es mir inzwischen einfach sehr viel, weil ich da herkomme.

 

Bei mir hat Dein Album das irre Gefühl hinterlassen, viel von dem, was Du erzählst aus dem eigenen Leben zu kennen. Denke ich als 24-jähriges Mädchen tief in mir wie ein 37-jähriger Mann?

Ein 37-jähriger norddeutscher Mann, wohlgemerkt! Nee, da kann Dich beruhigen. Ich habe nur viel von dem, was ich auf der Straße gesehen und erlebt habe, einfach aufgeschrieben, Beobachtungen. Das war nicht angestrengtes Nachdenken über Texte, sondern miterleben und aufschreiben.Einfach machen.

 

Und jeder hat ja zum Beispiel diese Menschen, die man zwar täglich sieht, aber niemals mit Ihnen reden würde; das was Du in ‚Mädchen von Kasse 2‘ beschreibst. Ich kenne das zum Beispiel mit Leuten aus der Germanistik Bibliothek, wo ich immer lerne.

Ja? Geil, also weißt Du, was ich meine! Darauf schlagen wir ein.
Bei dem Lied war es so, ich stand da in Berlin an der Supermarktkasse und bekomme mit, wie der Typ vor mir, die Alte an der Kasse anschnauzt. Das ging gar nicht klar und ich dachte mir: „Du schuftest hier sowas von hart und hörst wahrscheinlich keine coole Musik, aber egal. Und jetzt meint dieser Idiot, dass er Dich einfach dumm anmachen kann.“ Daraus entstand dann einfach dieses Lied. Ich würde mal sagen, dass viel auf dem Album ganz einfache, naturalistische Aufzählungen sind, die man jederzeit beobachten kann. Und das aufzuschreiben, das macht tierischen Spaß.

 

Also weg von den tiefgründigeren, „kryptischen“ Tomte Texten und hin zu eindeutigeren Texten?

Auf jeden Fall. Es gibt dieses „was meint der denn jetzt damit?“ nicht mehr so großartig. Sondern „das ist einfach so, darum singe ich jetzt darüber.“

 

"Man glaubt, die heftigste Band der Welt zu sein, und hat nur blanke Angst"

 

Apropos Änderungen. Aus dem Jahr 2006 stammt von Dir das große Zitat „Tomte nicht zu mögen, ist halt keine Option“. Ist es im Jahr 2011 inzwischen eine Option, Thees Uhlmann nicht zu mögen?

Ja, definitiv. 2006, da gings mit Tomte richtig los, full monty. Man lebt plötzlich seinen Traum, glaubt, die heftigste Band der Welt zu sein und hat nur blanke Angst, dass das auf einmal wieder vorbei ist. Und bekommt dann plötzlich volle Breitseite von Fans und Presse.

 

Der Vorwurf war damals, mit „Buchstaben über der Stadt“ zu Mainstream geworden zu sein?

Ja. Und da dachte ich mir dann nur noch bei Kritik „Alter, ich mach Dich fertig!“. Jetzt sehe ich das so: Ich bin einfach froh, Musik zu machen und über diese Band, die wie meine Familie ist und die ich schon lange kenne und ohne die ich mir das hier gar nicht vorstellen kann. Und wenn mir heute jemand ans Bein pinkelt, denk ich mir einfach nur noch: “Du bist jetzt vielleicht Fahrlehrer. Sag doch mal, was erzählst Du jemandem, der bei Dir im Auto sitzt und Du genau weißt, dass der niemals gut Auto fahren wird? Bist Du ehrlich? Nee! Und dann kritisierst Du mich?!“ Das ist doch nur uninteressant. Also, scheiß der Hund drauf.


Reden wir mal von monumentalen Momenten. Ich verbinde welche mit Tomte. Was löst so etwas in Dir aus?

Kennst Du den Film „300“? Ich habe den mal mit einer sehr lieben Freundin angekuckt und versucht, ihr die ganze Liebe und Romantik in dem Film zu zeigen. Wenn dann diese Perser kommen, grandios. Und wie die Schlachten wie Shakespeare funktionieren.
Ich habe dann zu ihr gesagt „ich kann den Film mitsprechen!“ und sie sagte dann „Thees, Du bist doch krank“. Das war so 'n Moment.
Und klar, Musik. Tobias Kuhn und ich haben uns nächtelang in den Sachen, die wir geil fanden geweidet. Bob Marley und das ganze Babylon-Gesabbel. Die Beatles.

 

Von Reggae mal zu HipHop und Deinem Song ‚Und Jay-Z singt uns ein Lied‘. Bist Du großer Jay-Z Fan?

Ja klar, schon eine ganze Weile. Das ist für mich etwas sehr Komplexes und Faszinierendes. Du bist ein Dorfhoschie, siehst dank Deinen Eltern zwar schon was von der Welt, aber eben nur begrenzt. Und dann hörst Du Jay-Z in Deinem kleinen norddeutschen Dorf und der Typ hockt in seinem 200m² Loft in New York und man hat eigentlich nichts gemeinsam, der spricht eigentlich über eine so weit entfernte Lebensrealität. Und trotzdem gibt’s da eine riesige Konstanz im Verständnis. Das ist doch nur faszinierend.

 

"Wien ist eine Thees-Uhlmann-Kernstadt"

 

Das hat in der Tat was. Wir befinden uns heute nicht in New York, sondern in Wien. Wie steht Thees Uhlmann zu Wien?

Wien ist eine Thees-Uhlmann-Kernstadt. War es von Anfang an. Ich weiß noch, wie wir ganz am Anfang von Tomte mit Element of Crime auf Tour waren. Wir saßen kurz vorm Wiener Schnapsmuseum in unserem Bus und haben im Radio live das Interview mit Sven Regener bei FM4 gehört. Und dann sagt der auf einmal: „Wir sind hier gerade mit einer echt guten Band aus Hamburg unterwegs, Tomte. Spielt doch mal ein Lied von denen.“ Und dann haben die echt unser ‚Wilhelm, das war nichts‘ gespielt. Das war vielleicht groß! Ich war auch diesen Sommer in Wien, Freunde besuchen. Da lag ich dann mit meiner Tochter im MuseumsQuartier auf diesen bunten Plastikdingern. Wie würdest Du die als Wahlwienerin nennen?

 

Wir nennen die Enzis.

Wieder was gelernt. Also wir lagen da auf den Enzis und ich war gerade am Dösen, plötzlich bekommt meine Tochter von einem Enzi einen kleinen, elektrischen Schlag. Und dann hab ich meiner kleinen Tochter im MuseumQuartier auf einem Enzi Strom erklärt. Das war natürlich sehr schön und denkwürdig.

 

Ziemlich gute Wien Erinnerungen. Das, was wir hier reden, wird wohl zu 98,2% von Studenten gelesen. Du warst ja selbst mal einer...

Jawohl, Englisch und Politikwissenschaft. Zwei sehr ehrenhafte Fächer, möchte ich für die Kollegen da draußen betonen.

 

...gibt es etwas, dass Du in dieser Zeit als Student gelernt hast und an die ehrenhaften Kollegen weitergeben möchtest?
Also gelernt hab ich da nicht so viel. Aber eine Dozentin hat mein Leben für immer verändert. Und zwar hat sie uns den Film „Demolition Man“ gezeigt. Sylvester Stallone, Wesley Snipes, Action und Gekloppe. Damit hat sie uns dann die komplette kulturelle Revolution, „Schöne neue Welt“, erklärt. Und dann haben wir ihn nochmal angekuckt. Das war dann lebensverändernd.

 

Vielen Dank für dieses Gespräch.
Ebenso und viel Spaß bei meiner Rock 'n' Roll Show!

 

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