BÜCHERBÖRSE

AnnenMayKantereit – Wird Schon Irgendwie Gehen

AnnenMayKantereit – Wird Schon Irgendwie Gehen © Capitol/Vertigo/Universal Music

AnnenMayKantereit. Inzwischen kennt sie jeder zweite, doch viele haben sich erst einmal etwas schwer getan, den sperrigen Namen zu überwinden und die Musik dahinter zu entdecken. Hat man diese kleine Aufgabe aber absolviert, öffnet sich dem interessierten Hörer eine wunderbare Erfahrung, getragen von der rauhen Stimme Henning Mays.

"Wird Schon Irgendwie Gehen" – so lautet der Ansatz zum Hören und auch der Name der neuen EP, welche dieser Tage erscheint. Mitnichten handelt es sich hierbei um ausschließlich neues Material. Drei der Songs haben sich auf YouTube zu millionenfach geklickten Hits gemausert, allerdings gibt es auf der neuen Platte auch Studioversionen zweier Lieder, die bislang lediglich als Live-Versionen auf diversen Seiten im Internet herumgeisterten.

"Jeden Morgen" erklingt mit Gitarre und ist auch schon einer der "neuen" Songs. Die Lieder der drei Kölner Jungs klingen unverkennlich, und doch hat jedes seinen eigenen Charme. Durch die stetige Abwechslung, was die Instrumentalisierung betrifft, ist hierbei auch mitgeholfen, keine Langeweile aufkommen zu lassen. AnnenMayKantereit begannen vorallem auf den Straßen aufzutreten, auch das ist ihren Kompositionen anzumerken, da sie allesamt so gehalten sind, dass man sie auch problemlos an der nächsten Ecke aufführen könnte. Bei "Jeden Morgen" macht sich jedenfalls eine unbestimmte Melancholie auf den Weg zum Ohr und in den Kopf – viele junge Menschen erkennen sich hierin beim Älterwerden wieder. Man trifft Freunde, als Student oft unter der Woche, und irgendwie wacht man am nächsten Morgen auf. Das Kopfweh oder die Magenbeschwerden sind mit dir aufgewacht und ein Morgen, an dem man ausschlafen kann, ohne einen Kater mit sich herumzuschleppen, wird zur Sehnsucht. Da kann man verträumt aufwachen und weiter herumliegen, ohne Angst haben zu müssen, dass man zu spät irgendwo ankommt. Tagträumen. Davon erzählt das Lied mit einem traurigen Unterton.

"21, 22, 23", einer der schon bekannten Hits, schlägt in dieselbe Kerbe, allerdings aus einer anderen Sicht. Junge Menschen gehen mit vielen Erwartungen ins Studienalter, um zu erleben, zu leben, zu warten. Die Veränderung greift unweigerlich um sich, ohne sich darum zu kümmern, ob man nun weiß, was aus einem selbst wird oder nicht. Man klammert sich erfolglos an die alte Zeit, geht stetig nachts aus und fragt sich, was kommen mag. Und wehrt sich zeitgleich erfolglos gegen die voranschreitende Uhr des Lebens.

"3. Stock", ebenso wie "Jeden Morgen" ein "neues" Lied, handelt von eigenen Erfahrungen, welche die Band als Inspirationsquelle ihrer Stücke sieht. Hier lässt sich jedoch eine andere Art von Traurigkeit erahnen. Henning May erzählt von den Problemen einer Fernbeziehung, wunderbar eingefasst in Worte, welche ebenso leise Wünsche entstehen lassen, die nie ausgesprochen werden. Gerade die Ruhe des Stücks macht es zum vielleicht stärksten der EP. "Immer wieder Warten. In leisen Telefonaten. Worauf genau, weiß ich nicht, vielleicht auf dein Gesicht."

Jeder, der eine Trennung durchgemacht hat, erkennt sich in "Nicht Nichts" wohl wieder. Das Lied zeichnet sich durch eine recht treffende Analyse der Zeit aus, in der man das Alleinsein im Alltag erst wieder lernen muss. Die Erkenntnis, dass man am anderen viel mehr hatte, als man zur rechten Zeit zugeben oder erkennen wollte, wiegt in solchen Momenten schwer und wird zur inneren Zerreißprobe. Es kommt vor, dass man die Vorzüge des Partners nach einiger Zeit nicht mehr angemessen zu schätzen weiß und, falls man nicht rechtzeitig gegensteuert, auf eine tödliche Klippe zusteuert, an der die Beziehung früher oder später zerschellt.

Drei Minuten, die zumindest instrumental wieder ein wenig fröhlicher klingen, lassen "Wird Schon Irgendwie Gehen" auch schon ausklingen. "Oft Gefragt" handelt von Vater oder Mutter, Oma oder Opa – so ganz klar ist das nicht – doch handelt der Song von derjenigen Person, bei der man aufgewachsen ist, ebenso wie die vorherigen vom Älterwerden, den gemeinsamen Erinnerungen und einem verständlichen Selbstbetrug. Man denkt gerne an die Reisen zurück, die man als Kind beispielsweise mit den Eltern gemacht hat, denn für viele war diese Zeit die schönste ihres Lebens. Doch irgendwann wird man älter und kommt in die Pubertät, man hat eventuell Dinge zu verheimlichen, da sie der nahestehenden Person wohl Schmerzen und Kummer bereiten würden. Und irgendwann zieht man aus. Dass die erziehende Person in diesem Fall zu Hause zurückbleibt, mag zwar im Bewusstsein des Heranwachsenden durchaus eine Rolle spielen, doch die gemeinsame Zeit reduziert sich drastisch – der eine Mensch bleibt alleine zurück. Diesen Hafen der Sicherheit möchte man trotzdem nicht missen. Und wie es irgendwer mal in einer Talkshow treffend gesagt hat: Die eigenen Eltern (in diesem Fall die erziehende Person) sind der persönliche Schutzwall gegen den Tod. Sie waren immer da und man mag sich das Leben ohne sie nicht vorstellen. Erst wenn sie nicht mehr sind, erkennt man mit der allerletzten Gewissheit, dass auch das eigene Leben endlich ist und vorübergeht – und der angesprochene, sichere Hafen ("Du bist zuhause für immer und mich") ist nicht mehr.

Schlussendlich lässt sich festhalten, dass sich AnnenMayKantereit mit diesem sehr melancholischen Werk weiter in die Herzen der Menschen spielen werden, auch wenn es von einer starken Traurigkeit geprägt ist, die viele Facetten des Lebens betreffen. Beim Hören tritt das Bewusstsein auf, dass im Leben nicht immer alles so läuft, wie man es selbst gerne hätte. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Musik mit den Gräueln des EDM und Worten wie "Unendlichkeit" oder "Ewigkeit" protzt, setzen AnnenMayKantereit umso geschickter Nadelstiche ins Herz, durch welche ihre Lieder im Gedächtnis haften bleiben. Darin lässt sich ein Mehrwert erkennen, der ihrem Erfolg recht gibt. Hier kann man guten Gewissens investieren – und als EP ist es sowieso nicht ganz so viel.

Nächstes Jahr sind sie wieder live in Österreich unterwegs:

22. April – republic, Salzburg
23. April – Arena, Wien

ANNENMAYKANTEREIT – "WIRD SCHON IRGENDWIE GEHEN"
UNIMAG-Rating:
Genre: Indie-Rock
5 Titel, Spielzeit: 17:03 Min
Label: Vertigo/Capitol/Universal Music
VÖ: 16.10.2015

EP-Tracklist

1. Jeden Morgen
2. 21, 22, 23
3. 3. Stock
4. Nicht Nichts
5. Oft Gefragt

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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