BÜCHERBÖRSE

Chelsea Wolfe am 15. November in Wien

Die dunkle Magierin © Shaina Hedlund
Die dunkle Magierin

Chelsea Wolfe ist die Hohepriesterin des Drone-Neofolk-Metals und beehrt am 15. November Wien mit einem Konzert in der Arena. Natürlich ist es leicht, der King oder die Queen eines Genres zu sein, das man selbst erfunden hat, aber im Fall der düsteren Sängerin stimmt das so nicht ganz. Metal und Drone sind Genres, die eher von Musikern als von Musikerinnen vertreten werden. Man denke bei Ersterem mal an das Festival Wacken, wo das Line-Up fast nur aus Männer-Bands besteht.

Sie mischt schon seit 2010 die männlich dominierte Metal-Welt auf, wenn sie auch anfangs noch nicht so von dem Indie-Musik-Radar erfasst wurde. So richtig bekannt war ihr zweites Album "Apokalypsis", auf dessen Cover sie mit leeren Augen (im wahrsten Sinne des Wortes) dargestellt wird. Lief die Düsterheit auf dem Debüt noch eher mit Sparflamme, jaulte, kreischte und sang Chelsea Wolfe auf "Apokalypsis" schon mit einer unglaublichen Hingabe. Man hatte fast das Gefühl, sie wolle die Hörer und Hörerinnen in einem rituellen Kreis durch die Musik miteinander verbinden.

Ihre Alben sind an sich wie magische Rituale, die sich im Sound manifestieren. Mit ein bisschen Fantasie kann man ihre Karriere als Repräsentation der Geschichte der Hexen und schwarzen Magie sehen. In diesem Beispiel steht das Debütalbum für die Anfänge der modernen Hexenverfolgung. Die Zeit, in der die Frauen im historischen Salem plötzlich mit anderen Augen gesehen wurden, wenn sie mit Körben voller Kräuter aus dem Wald kamen. Die Musik ist von einem sehr starken Lo-Fi-Sound geprägt, doch sind die Melodien noch sanft und folkiger.

Auf "Apokalypsis" geht es dann schon los mit der Inquisition, der Hexenfolter und den magischen Kräften, die damit freigesetzt werden. Wolfes Schreie klingen wütend, manisch und fordernd. Die Musik hat einen altertümlichen Klang, hinter manchen Songs hört man sogar wirklich Anleihen an Mittelalter-Rock, wenn auch nur zart. Mit seiner unheimlichen Atmosphäre und der ungewöhnlichen Gitarrenmelodie ist "Mer" wohl der Song, der das Album am besten zusammenfasst.

Die dritte ist wohl eine ihrer stärksten Platten, obwohl die Musik nur akustisch ist und sich so ziemlich von den Vorgängern unterscheidet. "Unknown Rooms: A Collection of Acoustic Songs" ist wie eine Verschnaufpause nach den Seelenqualen, die vorher empfunden worden waren. Auf diesem Album zeigt die Sängerin, dass sie auch eine hervorragende Songwriterin ist, die sich nicht nur mit E-Gitarren gut versteht, sondern auch mit Geigen und anderen Streichern. Hier erinnert die Musik an die von Stevie Nicks, die in der dritten Staffel von "American Horror Story" nicht umsonst als weiße Hexe bezeichnet wurde.

Diese zarte Theatralik zieht sich auch durch das nächste Album "Pain is Beauty". Die Geigen sind mitgekommen und bilden ein unschlagbares Team mit dem dominanten E-Bass. Eigentlich passiert nicht wahnsinnig viel von der musikalischen Seite, also in dem Sinne, dass es keinen irren Höhepunkt oder verrückte Ausbrüche gibt. Aber genau diese schleichende Atmosphäre hat die dunkle Magierin genau in der Hand. Sie sammelt ihre Kräfte für den ultimativen Zauber.

Ein Zauber, der sich auf ihrer aktuellen Platte mit solch einer Wucht entlädt, dass man am liebsten alles Sonnenlicht auslöschen und sich vor ihr auf die Knie werfen möchte. "Abyss" steht für die Unterwelt in der biblischen Mythologie und genau das hat man hier vor sich: Die Unterwelt in all ihrer Pracht. Sie ist unglaublich roh, hart und fordernd. Gleichzeitig schwebt über allem diese wunderschöne, kühle Stimme, die einen immer tiefer hinunterzieht. Vielleicht braucht man ein, bis zwei Anläufe um so richtig in diesem Album zu versinken, aber wenn man es geschafft hat, kommt man nicht mehr weg.

Chelsea Wolfe kann auf ihren Konzerten aus einer so vielseitigen musikalischen Laufbahn schöpfen, dass die Auftritte einfach nur gut werden müssen. Wer also diesen Artikel nicht als Aufforderung versteht, am 15. November in der Arena zu sein, dem kann auch die schwarze Magierin nicht mehr helfen.

CHELSEA WOLFE – LIVE
Sonntag, 15. November 2015
Einlass: 19.00, Beginn: 20.00 Uhr
Arena Wien, 1030 Wien

Tickets sind noch an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich!

UPDATE: Das Konzert von Chelsea Wolfe wurde abgesagt, folgendes Statement findet sich auf der Homepage der Arena Wien: "Leider kann das Konzert auf Grund gesundheitlicher Gründe heute nicht stattfinden, Tickets können bei der jeweiligen VVK-Stelle retourniert werden. Chelsea Wolfe & wir bedauern die Umstände!"

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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