TRAINEEPROGRAMME

How do you feel about drinking blood, Vienna?

Ghost live © Tom R (CC BY)
Ghost live

Wenn großartige Musik auf eine genial durchdachte Bühnenpräsenz trifft, ist ein absolutes Highlight vorprogrammiert. Die schwedische Metal-Band Ghost hat am Freitag in der Arena Wien diese gigantische Portion an Vorschusslorbeeren mehr als locker gerechtfertigt und sich das Prädikat "Konzert des Jahres" mit Leichtigkeit verdient.

In Wien Erdberg war die ehrwürdige Arena am Freitag Abend bis zum Rande vollgefüllt, Metal-Konzert war angesagt. Von der oft (zu Unrecht) assoziierten Aggressivität war im Publikum wenig zu spüren, Vorfreude ist der Name jener magischen Atmosphäre, die in der Luft lag. Schließlich sollte um 21.00 Uhr eine Band die Bühne betreten, die ihr noch kleines, aber in seiner Qualität beeindruckendes Oeuvre live vertonen würde, absolute Kult-Inszenierung inklusive.

Dabei dreht sich alles um den dritten Anti-Papst der Bandgeschichte, er hört auf den Namen Papa Emeritus III. Bevor die zentrale Figur die Bühne betritt, werden aber erstmal die Nameless Ghouls vorgeschickt. Hinter goldenen venezianischen Teufelsmasken versteckt und in schwarzes Gewand gehüllt, erscheinen die fünf Musiker der Gruppe unter großem Jubel. Mit Hey-Rufen und geballten Fäusten, die, fern von jeglicher Gewaltsymbolik, der Bühne entgegen gestreckt werden, erzwingt das Publikum schließlich das Auftreten des gefeierten Kultführers, in uneingeweihten Kreisen auch Leadsänger genannt.

Zwischen Inszenierung und Musik

Als Ghost nun endlich in seiner Gesamtheit auf der Bühne steht, geht es eigentlich nur noch um die Musik. Naja, zumindest immer für die wenigen Minuten während der einzelnen Songs. Dazwischen wird mit versteinerter Miene – die Totenkopfschminke hilft – über Gott gelästert, dem Teufel gehuldigt und natürlich werden auch die Sisters of Sin, junge Damen im Nonnenkostüm, vorgestellt. So ganz nebenbei fallen instantan legendäre Sätze wie "How do you feel about drinking blood, Vienna? Well, we'll see about that".

Zugegeben das Ganze wäre auch dann eine Riesenhetz, wenn wegen furchtbaren musikalischen Einlagen zwischendurch die Ohren bombardiert werden würden. Klar ist aber auch, dass es wesentlich mehr Laune macht, wenn die Musik ganz einfach großartig ist. So genial die Zwischeneinlagen auch inszeniert werden, ohne der rein musikalischen Brillanz wären sie nur die Hälfte wert. Wie schon im Ankünder erwähnt beeindruckt Ghost mit perfekter Beherrschung der Instrumente, sehr starkem Songwriting und Übergängen, die die Ehe von Metal, Glam Rock, Progressive Rock, Post Rock und gefühlt noch ein paar anderen Genres problemlos erscheinen lässt.

Satans-Ritual als Friedenszeichen?

Der Abend führt, womöglich von der Band ganz unbeabsichtigt, zu Assoziationen mit den Paris-Ereignissen. Papa Emeritus' Kommentare dazu, wie wichtig es ist, den Freitag-Abend in der Öffentlichkeit zu genießen, dürften aber nicht ganz zufällig geäußert werden. Im Grunde ist das aber auch egal, denn so friedlich und emotional positiv wie bei diesem Konzerttag den sechs Herren auf der Bühne gehuldigt wird, kommt man ohnehin nicht darum herum, den Glauben an den Idealismus zurückzugewinnen.

Anscheinend braucht es manchmal ein Ritual zu Ehren Satans, um sich so uneingeschränkt glücklich, in den Bann gezogen und von allen persönlichen sowie globalen Problemen distanziert zu fühlen, wie es einem nur ganz selten gelingt.

Foto: Tom R / T_O_M_A_S_R (CC BY)

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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