BÜCHERBÖRSE

Don’t Believe the Hype: Radio Friendly Song

Helene Fischer (c) CC Fred Kuhles
Helene Fischer

Die deutschsprachige Musiklandschaft ist in den vergangenen Jahren aufgeblüht. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch leider befinden sich inmitten bunter Wiesen auch einige Monokulturen, die sehr eintönig sind und nicht nur so wirken, als hätte man sie nach dem Baukastenprinzip entworfen.

Es war im Juni dieses Jahres, als ich das Vergnügen hatte, auf das Southside Festival zu fahren. Es war mein insgesamt neunter Besuch seit 2006. Dieses Mal war jedoch ein bisschen anders, denn zum ersten Mal war ich zum Arbeiten hier. Für UNIMAG. Das hieß natürlich auch, sich ein bisschen mehr Bands als sonst anzuschauen, aber man soll sich in solchen Fällen ja nicht beschweren. Insgesamt stand es mir frei, was und wie ich berichte. Es hat viel Spaß gemacht. Eine Sache ist mir in unserer Festivallandschaft aber aufgefallen: Das Buchungsverhalten hat sich über die Jahre hinweg verändert und die deutschsprachige Musik ist auf dem Vormarsch.

An und für sich kein schlechtes Zeichen, da die hiesige Musiklandschaft dadurch mehr unterstützt wird, aber ein Konzert ist mir besonders sauer aufgestoßen: Ich gebe zu, ich war nicht lange dort, doch über zehn Minuten Snippets verschiedener, großraumdiscotauglicher Radio-Beats von David Guetta bis Avicii laufen zu lassen und dazu wahlweise "Ööööh" oder "Yeeeah" zu grölen, war dann doch zu viel. Ist das überhaupt noch ein eigenständiger Auftritt? Ich finde nicht. Das jugendliche Publikum ist trotzdem oder vielmehr deswegen – wie man heutzutage sagt – "eskaliert". Das Festivalduo Hurricane / Southside wurde einst für sein Buchungsverhalten gefeiert, jetzt eben von Maturanten für sein fast ballermannhaft anmutendes Partyumfeld. Das angesprochene "Konzert" der 257ers war eher ein Auftritt dreier zweifelhafter Jahrmarktschreier. In anderen Worten gesagt einfach schlecht.

Ganz so schlimm wie im Radio ist es auf den Festivals noch nicht, doch der Aufschwung der vergangenen Jahre und ein bestimmter Teil dieser Musik "bedroht heute die ganze Welt", wie es Noel Gallagher in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt überspitzt darstellte. Der kritisiert ja bekannterweise alles und wird immer gerne hergenommen, um möglichst zynische Kommentare auf alles und jeden loszulassen, doch hier lag er meiner Meinung nach sogar richtig. Das Zitat kam übrigens zustande, nachdem man ihm "Atemlos" vorgespielt hatte. Dieser seelenlose Schlager jagt einem jedes Mal aufs Neue einen garantierten Schauer über den Rücken.

Ebenso gleich- und weichgespült ist Andreas Bourani, der wenigstens als Person noch irgendwie Sympathie herüberbringt, dessen Auftritt beim Donauinselfest 2015 aber auch offenbarte, dass sein Repertoire mehr als überschaubar ist. Denn es ist erbärmlich schwach, wenn ein Sänger wirklich jedes Lied nur deswegen über die drei Minuten bringt, weil jeder Satz mit einem "Oh-Oh-Oh" oder wahlweise "Uh-Hu-Hu-Uh" garniert wird. Aber viel mehr kann man von Auftritten auf der Ö3-Bühne auch nicht erwarten. Ebenso kalt bleibt man beim Radiogedudel in Person von Tim Bendzko, Mark Forster oder Adel Tawil. Gesungen wird stets in Superlativen, damit die Erwartungshaltung der kommenden Generationen auch unbedingt der Realität angepasst wird. Um sich eine möglichst breite Zuhörerschaft zu sichern, ist es leider auch unumgänglich, einem populärmusikalischen Trend zu folgen und mit jedem dieser Interpreten mindestens ein Feature zu starten: SDP feat. Adel Tawil, SDP feat. Sido, Sido feat. Andreas Bourani, Mark Forster feat. Sido, Glasperlenspiel feat. Mark Forster. Die Liste könnte man problemlos noch über ein paar Seiten fortführen, aber es zeigt vor allem eins: Von Innovation und Abwechslung fehlt hier jede Spur.

Eigentlich verrückt, dieses Radio. Machen kann man zwar sowieso nichts, erbärmlich ist es trotzdem. Wenn man sich überlegt, was Sido früher so gesungen hat, würde das nicht mal ansatzweise laufen. Nicht mal am "Wünsch es dir, wir spielen es"-Tag. Es ist ja nicht so, dass ausnahmslos jedes dieser Radiolieder einen inneren Zorn in mir hervorruft, aber der Großteil davon schafft es tatsächlich. Von der breiig zähen Masse abheben können sich immerhin noch Interpreten wie K.I.Z., Bosse, Kraftklub oder Thees Uhlmann. Auf einem waghalsigen Grat wiederum wandeln Die Toten Hosen, die mit "Tage wie diese" einen Song geschrieben haben, der sich in die beschriebene Superlativität hervorragend einbindet. Und auf eine Stufe mit Helene Fischer stellt sich Campino damit, dass er das Lied sogar live auf dem Oktoberfest gesungen hat. Da zeigt es dann doch den Unterschied, dass sich Die Ärzte seinerzeit dagegen gewehrt haben, dass "Männer sind Schweine" eben dort gespielt wird.

Ob man dann noch den Bambi, Amadeus oder Echo gewinnt, interessiert eigentlich keine Sau. Da handelt es sich letztendlich eh nur um professionell inszenierte Selbstbeweihräucherung. Da Noel Gallaghers Aussage zu "Atemlos" zu fast jedem Lied dieser Interpreten passt, möchte ich abschließend noch einen Passus daraus zitieren: "Dieses Lied bringt irgendjemandem viel Geld. Mich macht es sehr, sehr traurig."

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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