BÜCHERBÖRSE

Jack Garratt: "Am Ende des Tages kommt es nur darauf an, gut genug zu sein"

Jack Garratt im Interview © Daniel Harris / Universal
Jack Garratt im Interview

Jack Garratt zählt zu den vielversprechendsten Nachwuchsmusikern 2016 und brachte Mitte Februar sein Debütalbum "Phase" heraus. Uns stand der Brite in einem Interview Rede und Antwort. Er gewährte uns dabei tiefe Einblicke in seine beeindruckende Gedankenwelt und verriet uns außerdem, warum er eine Liste mit fiktiven Bandnamen führt.

UNIMAG: Glückwunsch zu deiner Auszeichnung mit dem BRITs Critics Choice Award! Üben solche Preise in gewisser Weise Druck auf dich aus?

Jack: Das tun sie zwangsläufig, weil hinter diesen Preisen eine lange Geschichte steckt. Viele der ehemaligen Gewinner haben mit ihrer Musik einen unfassbaren, weltweiten Erfolg verzeichnen können. Druck ist also auf jeden Fall da, weil nicht klar ist, in welche Richtung sich meine Karriere noch bewegen wird. Der Druck hat aber im Vergleich zu vorigem Monat schon deutlich nachgelassen.

Eine Sache, die ich an deinem Debütalbum "Phase" so liebe, ist, dass jeder Song so einen einzigartigen Sound hat. Ich rechne dir hoch an, dass du deine Musik nicht in ein spezielles Genre quetschen möchtest und es auch ablehnst, mit anderen Künstlern verglichen zu werden. Ich habe das Gefühl, dass eine Kategorisierung schon so viel vorwegnimmt und die Menschen daran hindert, offen auf neue Musik zuzugehen. Wie siehst du das?

Ich sehe das genauso. Der Grund, warum ich nicht gerne über Genres rede, ist der, dass ich Menschen die Möglichkeit geben möchte, sich ihre eigene, unvoreingenommene Meinung über meine Musik zu bilden. Für mich war es schon nervig genug, dass ich bei iTunes ein Genre für mein Album angeben musste. Ich glaube, wir haben uns letztendlich auf Alternative geeignet, weil es so ein nichtssagender Begriff ist. Alternative meint einfach gar nichts. Deshalb habe ich meine Musik dort eingeordnet (lacht). Meine Musik wird sich mit Sicherheit in den nächsten Jahren weiterentwickeln und verändern. Momentan mache ich, wenn man es unbedingt benennen möchte, Electronic Soul. Möglicherweise veröffentliche ich aber in zwei Jahren ein Swing-Album (lacht). Ich weiß nicht, was kommen wird.

Außerdem vereinst du ja schon jetzt so viele verschiedene Einflüsse in deiner Musik, dass es wirklich nicht eindeutig zu definieren ist. Ich höre auch Jazz-Elemente heraus.

Ich bin auch ein großer Jazz-Fan. Damit beschäftige ich mich aktuell wieder sehr intensiv. Als Kind habe ich schon eine Jazz-Phase durchlebt und die klassischen Interpreten gehört. Jetzt tauche ich etwas tiefer in die Materie ein, um mir die Leute anzuhören, die jene Interpreten inspiriert haben, die ich so gerne höre.

In einem anderen Interview habe ich gelesen, dass du auf deinem Handy eine Liste mit erfundenen Bandnamen führst. Was hat es damit auf sich?

(lacht) Danke für die Erinnerung, die habe ich schon eine Weile nicht auf den neuesten Stand gebracht. Im Grunde führe ich diese Liste, weil es mich zum Lachen bringt. Ich versuche mich, so weit wie möglich davon zu distanzieren, aber es gibt einfach so eine lustige, angeberische Seite in der Musik-Branche, wo Künstler selbstverliebt sind und sich selbst viel zu ernst nehmen. Ab und zu kommt mir dann etwas zu Ohren, was ich mir einfach notieren muss. Zuletzt ist mir das bei einem Interview passiert. Das muss ich jetzt unbedingt nachsehen, weil das wirklich witzig war (durchsucht seine Liste). Ach, da haben wir es. Mir wurde die eigenartige Frage gestellt, ob ich mir vorstellen könnte, mit einem Roboter zu schlafen. Ich habe erwidert: "Was für eine Art von Roboter? Ein sexueller Roboter? So heißt zufälligerweise auch meine Lieblingsband im Moment – Sexual Robot." Die Redakteurin hat das tatsächlich ernst genommen. Ich musste ihr dann erklären, dass es ein Scherz war (lacht). Ich kann meinen Kopf nie ausschalten und stehe momentan immer unter Strom. Da tut es ganz gut, sein Hirn mit solchen Spielchen zu trainieren. Ich versuche immer, solchen Dingen gegenüber aufmerksam zu bleiben (lacht).

Ich finde die Struktur deiner Songs faszinierend. Kannst du mal erklären, wie du an die Sache herangehst?

Ich habe das Gefühl, dass alle Melodien und Lyrics, die ich jemals schreiben könnte, schon irgendwo da draußen existieren. Sie fliegen nur mit 1.000 Stundenkilometern durch meinen Kopf. Meine Aufgabe als Songwriter ist es, die Songs zu respektieren, damit sie zu mir kommen wollen. Sie müssen mir im Gegenzug auch Respekt entgegenbringen und langsamer werden, damit ich sie einfangen kann. Das ist die Grundidee. Ich versuche mich in einen Zustand zu versetzen, in dem ich offen für Ideen, Melodien oder Beats bin, die ich dann auf das Klavier übertragen kann. So beginnt es im Normalfall. Wenn ich das Gefühl habe, an etwas Anständigem dran zu sein, das mich emotional berührt, setze ich mich sofort an meinen Laptop, nehme die Idee auf und versuche, die Emotion durch die Produktion und die Sounds, die ich einbaue, noch weiter an die Oberfläche zu bringen. Sobald der Beat einmal steht, widme ich mich erst den Lyrics für den Song. Da versuche ich wieder, mich emotional so intensiv wie möglich auf die Nummer einzulassen, um die Verbindung zwischen der ursprünglichen Idee und mir selbst irgendwie zu verschmelzen, falls das Sinn ergibt. Ich wickle immer mehr Ideen darum, um die Connection noch stärker zu machen. Durch diese neuen Einflüsse wird der Song erst stabil. Manchmal geht mir das nicht so leicht von der Hand, aber einige der Songs auf meinem Album "Phase" sind genau durch solche Momente entstanden. Die Inspiration kam auf mich zugeflogen, ich habe die Idee festgehalten und der fertige Song stand innerhalb von fünf Stunden. Aber das ist eher die Ausnahme (lacht).

Jack Garratt © Daniel Harris / Universal

War dieser Prozess schon immer so für dich?

So beschreibe ich ihn gerne und ich habe das Gefühl, dass es auch immer schon so war. Ich habe schon seit Jahren nichts mehr an meiner Herangehensweise geändert und habe immer schon versucht, meine Tracks so zu schreiben. Ich mag es einfach nicht, stillzustehen, mich nur an mein Klavier zu setzen und auf eine Eingebung zu warten. Ich lasse viel lieber die Produktion mein Songwriting beeinflussen und vice versa, bis ich mit dem Endprodukt zufrieden bin.

Worüber handelte der erste Song, den du jemals geschrieben hast?

Oh wow, das ist schon so lange her! Ich glaube, das muss tatsächlich schon zwölf Jahre her sein. In meinem ersten Song ging es um ein Mädchen, weil es das Einzige war, das damals als junger Kerl in meiner Welt existiert hat. Es war kein guter Song (lacht). Aber jeder muss ja irgendwo anfangen. Es war ein sehr einfacher Song, aber er hatte trotzdem schon viele Emotionen in sich. Also es war zweifelsohne ein Liebeslied, nur kein sonderlich gutes (lacht).

Als ich deine Musik einem meiner Freunde gezeigt habe, war er beeindruckt. Er hat sich allerdings gleichzeitig gefragt, wieso du nicht einfach eine Band hast, anstatt alle Instrumente selbst zu spielen.

Wenn ich auf mich selbst angewiesen bin, habe ich eine viel intensivere Verbindung zum Publikum. Da bin nur ich auf der Bühne. Ursprünglich habe ich aus reiner Notwendigkeit heraus alles selbst übernommen, weil ich vor zwei oder drei Jahren Shows spielen sollte und weder die Zeit noch das Geld hatte, eine Band zu finden. Ich hatte damals schon Songs, die elektronisch angehaucht waren, hatte aber nur eine Akustikgitarre. Also musste ich eine Möglichkeit finden, sie live auf mich alleine gestellt zu präsentieren. All die Dinge, die ich auf der Bühne mache, konnte ich schon als Kind. Ich habe das also nie gemacht, um in irgendeiner Weise zu beeindrucken oder anzugeben. Erst als ich erste Rückmeldungen aus dem Publikum bekam, habe ich bemerkt, dass die Leute Spaß an meiner Herangehensweise haben. So hat sich das zu den Performances weiterentwickelt, die ich heute mache. Ich tue es aber immer noch aus einer Notwendigkeit heraus. Wenn ich eine Band bräuchte, hätte ich schon längst eine.

Aber jetzt mal ernsthaft, wie funktioniert dein Gehirn? Wie kannst du dich auf so viele verschiedene Dinge gleichzeitig konzentrieren?

Das ist eine interessante Frage (lacht). Ich teile meinen Körper in drei Bereiche auf. Ich habe meinen Körper, meinen Verstand und mein Gehirn. Letzteres weiß, was es zu tun hat, und mein Körper erinnert sich an die Abfolgen, die er einzuhalten hat. Mein Verstand kommt mir gerne in die Quere. Er hat die Kontrolle über meine Gefühlswelt und weiß auch, welche Emotionen er für eine gute, intensive Performance liefern muss. Allerdings muss ich live versuchen, mein Gehirn mit meinem Körper sprechen zu lassen – und zwar so schnell und ungestört wie möglich. Die beste Möglichkeit, das erfolgreich umzusetzen, ist, meinen Verstand völlig aus der Situation herauszunehmen. Ich darf also nicht daran denken, was ich gerade tue. Ich lasse meinen Körper und mein Gehirn arbeiten. Ich bin da sehr streng mit mir und probe auch unermüdlich. Ich muss wirklich meinen Verstand ausschalten, den Song die Führung übernehmen lassen und hoffen, die bestmögliche Performance abzuliefern.

Oh wow, das klingt wahnsinnig beeindruckend!

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es nicht kann, weil ich mich nicht mehr wie ich selbst fühle. Ich habe in diesem Zustand überhaupt keine Kontrolle mehr über mich selbst.

Das ist wirklich verrückt! Die Live-Versionen deiner Songs klingen ja auch anders als die Studio-Aufnahmen, weil du live nur zwei Hände zum Spielen zur Verfügung hast. Bedenkst du das schon beim Schreiben deiner Songs?

Ich denke darüber erst nach, wenn der Song fertig ist. Wenn ich schon davor an die Live-Umsetzungen denken würde, würde ich mich selbst zu stark einschränken. Es ist definitiv eine Herausforderung, das Studio-Material in Live-Produktionen zu verwandeln und dabei nur maximal vier Körperteile zur Verfügung zu haben. Am Ende des Tages kommt es nur darauf an, gut genug zu sein. Ich mache es mir nicht leicht. Ich verwende kein Playback. Alles, was auf der Bühne passiert, wird live durch mich ausgelöst. Ich muss also immer auf das Timing achten. Es ist zwar ein schwieriges Unterfangen, aber es macht mir auch Spaß.

Also nimmt es viel Zeit in Anspruch, dein Live-Set zusammenzustellen.

Oh ja! Die Zusammenstellung meines aktuellen Sets hat knapp zwei Wochen in Anspruch genommen. Jetzt ist es schon etwas einfacher und ich schaffe einen Song in ein oder zwei Tagen. Es ist ein witziger Prozess – und eigentlich auch ein eigenartiger. Ich weiß gar nicht, wieso ich das alles mache. Vielleicht sollte ich damit aufhören (lacht).

Nein, bitte nicht!

Okay, dann nicht (lacht).

Inwiefern kannst du während deiner Shows denn improvisieren?

Als ich mein Set zusammengestellt habe, hatte ich Hilfe von einem Freund, der sich viel besser mit den Technologien auskennt, mit denen ich arbeite. Ich habe ihm gesagt, dass ich zu jeder Zeit die Möglichkeit haben möchte, alles auf der Bühne zu machen. Wir haben ein System entwickelt, wo genau das möglich ist. Trotzdem tendiere ich dazu, nicht zu improvisieren, weil es den Flow des Songs unterbricht. In bestimmten Momenten, wo mir danach ist, kann ich aber alles verändern. Das macht auch ziemlich Spaß, weil ich auf diese Weise nie das gleiche Set zweimal spiele. Ich kann im Grunde jede Nacht alles verändern – seien es die Drums, die Basslinie oder die Sequenzen am Klavier. Die Melodien sind einfach immer anders. Ich habe alles unter Kontrolle und kann alles verändern. Ich liebe das! Das bedeutet auch, dass niemand den gleichen Song zweimal hört. Meine Lieblingsband, die Red Hot Chili Peppers, spielen auch nie die gleiche Show zweimal, weil sie ihre Instrumente so gut beherrschen und wahnsinnig talentierte Musiker sind.

Wird das österreichische Publikum bald die Chance haben, dich live zu erleben?

Ich toure im Sommer definitiv durch Europa. In Österreich ist auf jeden Fall mal das FM4 Frequency Festival eingeplant.

Vielen Dank für deine Zeit und das aufschlussreiche Gespräch!

Petra Püngüntzky

Chefin vom Dienst | Content Managerin
Ressortleiterin Musik & Events
Redakteurin | Fotografin

petra.puenguentzky (ät) unimag.at

 

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