BÜCHERBÖRSE

Don't Believe the Hype: Eurovision Song Contest

Don't Believe the Hype: Eurovision Song Contest © gilaxia / iStock

Mit Zoës "Loin d'ici" ist wieder ein österreichischer Beitrag für den Eurovision Song Contest aus der Taufe gehoben. Dass Österreich und viele andere Teilnehmerländer eine viel größere Vielfalt an musikalischen Möglichkeiten zu bieten haben, wird beim Thema ESC gekonnt totgeschwiegen.

Bis vor einem halben Jahr wohnte ich in der Kandlgasse, im 7. Wiener Gemeindebezirk, unweit der  Stadthalle. Somit kamen wir in unserer WG auch nicht umhin, uns mit dem Eurovision Song Contest zu beschäftigen. Die Überhand nehmende mediale Berichterstattung tat ihr Übriges.

Was dort zu sehen war, war eine große, aufgeblähte Show mit leichtfüßiger Musikuntermalung, die viele Variationen des Mainstream-Pops widerspiegelte. Zugegeben, ich schaue den ESC, seit ich klein bin, mehr oder weniger regelmäßig, die musikalischen Beiträge sind aber niveaumäßig meist im unteren Fünftel meiner persönlichen Geschmackstabelle anzusiedeln. Selbstverständlich kann jeder hören, was ihm beliebt, die Bandbreite an Vielfältigkeit bietet sich in der Musikwelt zur Genüge. Aber genau hier ist mit Kritik am ESC anzusetzen. Denn diese Bandbreite wird bei diesem Wettbewerb regelmäßig unter den Tisch gekehrt. Selbst vermeintliche Ausreißer wie Lordis "Hard Rock Hallelujah" sind im Endeffekt nicht mehr als Schafspop im Wolfspelz. Allerdings kann man diesen Satz auf die meiste Musik dieser Tage herunterbrechen und würde am Ende Recht behalten. Für den ESC gilt allerdings, dass die meisten Beiträge derart glattgebügelt und nichtssagend sind, dass am Ende oft die handwerklich am Schlüssigsten gestalteten Auftritte auf den vorderen Plätzen landen. Exklusivität alleine reicht allerdings noch lange nicht zum Erfolg. Weder Italiens Opernboygroup, noch die finnische Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät konnten 2015 wirklich für Furore sorgen, letztere schieden schon im Halbfinale aus.

Dass The Makemakes im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem deutschen Beitrag auf dem letzten Platz rangierten, ist nicht weiter diskussionswürdig. Doch auch die österreichische Vorentscheidung ist – wie der ESC – meist nur ein Wettbieten diverser SongschreiberInnen, welche ihre Ergüsse auf dem Rücken von SängerInnen oder Bands austragen. Schaut man sich die österreichischen Beiträge zum diesjährigen Contest an, fällt auf: Wildcard-Gewinnerin AzRaH hat es als einzige Künstlerin geschafft, Musik und Text für ihren Song ohne fremde Hilfe zu schreiben. Den diesjährigen ESC-Beitrag "Loin d'ici" verfasste Zoë Straub gemeinsam mit ihrem Vater, Papermoon-Gitarrist Christof Straub. Herausgekommen ist ein französischsprachiger, nichtssagender Pop-Song, der so die letzten zwanzig Jahre zu jedem Zeitpunkt im Radio hätte laufen können und anschließend vergessen worden wäre. Dabei steht Zoë auf einer umnebelten Bühne, im Hintergrund ist eine grelle, violett-pinke Blumenwelt zu sehen, die scheinbar direkt aus dem Teletubbie-Land geschickt wurde, um Europas Fernsehbildschirme heimzusuchen.

Im UNIMAG-Interview mit der österreichischen Band We Walk Walls wurde uns erklärt, warum das Geschilderte genau so der Fall ist: "Es sind alle gefragt worden. Alle! Die gesamte Indie-Szene ist abgegrast worden. Und wer war dabei? Irgendwer. The Makemakes, die einfach nicht die momentane österreichische Szene repräsentieren. Das ist aber auch vollkommen okay, weil sie etwas anderes repräsentieren. Und zwar genau das, was so eine riesige Veranstaltung ausmacht. Und das ist der Grund, warum wir nicht dabei sind. Das ist auch der Grund, warum Bilderbuch da nicht dabei sind. Es ist der Grund, warum alle anderen nicht dabei sind."

Hierin kann auch der Grund für die mangelnde musikalische Diversität geortet werden, die allenfalls von regionalen Einfärbungen der Musik für Menschen anderer Herkunft im europäischen Großraum aufgelockert werden. Da aber auch einige Mitgliedsstaaten der Europäischen Rundfunkunion EBU die Teilnahme boykottieren – sei es durch die Teilnahme Israels (Marokko, Algerien, Ägypten, Libanon, Jordanien, Tunesien), die Bevorzugung der Hauptfinanzierer (Türkei), mangelnden Erfolg oder Geldprobleme (Portugal, Monaco, Andorra, Slowakei) – ist eine tiefgreifende Veränderung aus dieser Richtung nicht zu erwarten. Somit bleibt der ESC weiterhin die gleiche, platte Pophudelei, in der Sicherheit vor Risiko geht und oftmals eine "Fachjury" statt der Zuschauer entscheidet, was dem gesamteuropäischen Publikum zugemutet werden kann – und was nicht.

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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