BÜCHERBÖRSE

Mit Enno Bunger ins Unbekannte

Wie Jesus vor der Kreuzigung - das ist zumindest die Meinung von Papa Bunger zum Albumcover, wie man erfahren durfte. © Benedikt Schnermann
Wie Jesus vor der Kreuzigung - das ist zumindest die Meinung von Papa Bunger zum Albumcover, wie man erfahren durfte.

Mit Enno Bunger wurde es voll, das B72. Das zwar nicht zum ersten Mal, aber es ist nicht immer erwartbar, wenn ein Künstler mit seinem bisherigen Schaffen zwar nicht bricht, aber durch radikale Veränderungen einen völlig neuen Weg einschlägt. Was das im Fall Enno Bunger zu bedeuten hatte, konnte am Freitag in den Gürtelbögen begutachtet werden.

Sein aktuelles Album "Flüssiges Glück", das den Ostfriesen auf seiner Tour begleitet, hat vieles anders gemacht als dessen Vorgängerwerke. Es ist elektronischer, die Belange sind teilweise weiter gefasst als auf den bisherigen Platten, der Gesang ist reduziert und wurde mit Rap-Elementen vermischt. Der erste Eindruck dieses Genremix ist daher nicht negativ, sondern wohl eher eine Überraschung. Man hat es diesem jungen Mann nicht zugetraut, diese Töne voller Energie, die oft schon ins Atmosphärische übergehen und mit Unterstützung der ihn begleitenden Band Woods of Birnam oftmals postrockhafte Züge annehmen.

Die Vorbands an diesem Abend, Lestat Vermon und projektor, sind – wohl auch dem Abstecher nach Österreich geschuldet – zusammengesetzt aus Leuten, die auch später mit dem Hauptact auf der Bühne stehen werden. Mit Akustikgitarre geht es bei Lestat Vermon eher ruhig zu, die Folk-Songs laden aber ein wenig zum Träumen ein, auch wenn noch nicht allzu viel los ist im Gürtelclub. Zuweilen erinnert die Musik an das letzte Album der finnischen Folk-Band Hexvessel, was als absolut positives Merkmal zu verstehen ist. Mit projektor kommt Enno Bungers aktueller Sound schon etwas näher, denn deren Songs arbeiten schon vielmals mit einem sphärischen Klangteppich, der sich von gehauchtem Gesang begleitet über die Besucher legt und ein Loslassen vom umgebenden Club im Kopf möglich macht.

Lange lässt auch Enno Bunger danach nicht mehr auf sich warten, mit "Neonlicht" bringt er den neuen Sound direkt auf die Bühne. Die neuen Töne sind aber keinesfalls ein Verleugnen der eigenen Wurzeln, denn die Lieder wirken nicht, als seien sie außerhalb des Schaffenskreises dieses Künstlers anzusiedeln. Sie finden ihren Platz zwischen den melodiösen Singer-Songwriter-Platten, die es bislang in die Öffentlichkeit geschafft haben, doch Enno Bunger bleibt er selbst. Das zeigt seine nach wie vor enorme Bühnenpräsenz, die sich auch beim jetzigen Konzert wieder mit jeder Menge Witz und Anekdoten herausgekehrt hat. Doch zwischen all den neuen Klängen sind auch immer noch einige alte Songs zu finden, wenn auch teilweise ein wenig modelliert, um sie besser in die aktuelle Show einzubinden. Hierzu gehören an diesem Abend "Pass auf Dich auf", "Regen", "Herzschlag" und "Blockaden". Auch sie tragen ihren Teil zum Gelingen der Nacht bei, denn hin und wieder kann man sich selbst und ein paar umstehende Leute beim Mitsingen ertappen. Dass das bei den älteren Liedern eher der Fall ist, ist nicht weiter verwunderlich, denn die Konzertbesucher hatten seit dem Erscheinen des neuen Albums noch nicht wirklich Zeit, sie so an die Songs zu gewöhnen, wie das bei jahrelangen Begleitern eben der Fall ist. Doch auch wenn wichtige Songs wie "Wo bleiben die Beschwerden", das vom Publikum zurecht bejubelt wird, mit ihrem Sprechgesang so anders wirken als zuvor, ist mit dem Kulturprotest-Lied "Am Ende des Tunnels" beispielsweise wieder ein klassischer Bunger-Song auf "Flüssiges Glück" zu finden.

Mit dem finalen Zehnminüter "Hamburg" geht es an diesem Abend auf die Zielgeraden, Enno Bunger und seine Begleiter geben ihr Bestes, um den Leuten für den weiteren Verlauf des Abends eine Portion Tanzenergie einzuflößen. In einem andauernden, sich aufbauenden Elektroteppich spielt sich die Band noch einmal fast in Trance, und die anwesenden Zuhörer können sich des Gefühls nicht verwehren, welches ihre Beine in Bewegung bringt. Abschließend gesagt ist wohl nur noch zu erwähnen, dass die Radikalkur Enno Bungers auch auf der Bühne hervorragend funktioniert und alle Zweifel, die womöglich vorhanden gewesen sein mögen, in alle Winde verstreut hat.

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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