BÜCHERBÖRSE

Bosse im Schnitzelrausch

So gemütlich sah auch die Bühne aus - Luftballons inklusive. © Benedikt Schnermann
So gemütlich sah auch die Bühne aus - Luftballons inklusive.

Im WUK war vergangenes Wochenende eine Runde Tanz angesagt, genauer gesagt Engtanz. So heißt das neue Album der Band Bosse, deren Frontmann Aki Bosse an diesem Tag besonders gut drauf war, weswegen man als Zuschauer das bislang beste Bosse-Konzert in Österreichs Hauptstadt miterleben durfte.

Manch einer mag sich vielleicht angesichts der auf den neueren Bosse-Alben vorzufindenden Musik wundern, warum sein Plattenlabel ihn noch immer unter der Kategorie Rock einordnet. Die ersten zwei Alben sind deutlich in Richtung Deutschrock gehend, doch spätestens mit dem dritten Werk "Taxi", von welchem man heute immerhin die Songs "Alter Strand" und "3 Millionen" präsentiert bekommt, nimmt der Rock zunehmend ab. Herausgekommen ist am Ende ein leichtfüßiger Indiepop, der allerdings nicht wirklich in die Langeweile abdriftet. Natürlich spielt das Radio seine Songs längst tot, aber das lässt sich insofern vermeiden, wenn man das Radio einfach nicht anmacht. Im aktuellen Kontext trifft dies auf das Lied "Steine" zu, das die aktuelle Singleauskopplung von "Engtanz" darstellt. Doch wurden auf dem jetzigen Album auch die Gitarren ein wenig hochgefahren, was Aki Bosse auch in seinem letzten Interview mit uns angekündigt hatte. Nun die Überraschung: Die Gitarren werden auf dem Konzert sogar enorm laut und schnell bedient, was auch die zunehmende Bewegung im Publikum mit sich bringt. Klar, das kommt auch vom Namen, aber gerade den beiden älteren Songs steht es gut zu Gesicht, schon fast im Deutschrock-Gewand vom Debüt "Kamikazeherz" gespielt zu werden. Auch die Besucher, die sich hauptsächlich im Altersbereich zwischen 25 bis 40 Jahren befinden und Bosse größtenteils eher aus dem Radio zu kennen scheinen, sind am Ende des Abends rundum zufrieden.

Ihren Teil dazu beigetragen hat die als Eröffnungsact des Abends aufspielende Valentine. Normalerweise mit ein paar Musikern um sich herum, sitzt sie dieses Mal alleine am Piano und singt ihre säuselnden Popmelodien. Augenscheinlich ist sie recht aufgeregt, aber auch gerade das kommt beim Publikum gut an, es kann sich mit verdientem Applaus nicht mehr zurückhalten. Nachdem sie dem Bosse-Keyboarder das Wasser ausgetrunken hat, entschwindet sie wieder über die Treppe an der Bühnenseite in den Backstage-Bereich.

Doch wer gedacht hätte, sie würde nicht mehr kommen, hatte sich geirrt. Als Bosse samt Band auf die Bühne schreitet, ist natürlich auch seine Keyboarderin und Hintergrundsängerin Valentine wieder am Start. Und Aki Bosse ist nicht zu bremsen, wie es scheint. Seine Geschichten handeln vom Leben, was man richtig und falsch macht, was gut war oder schlecht. Handeln vom orientalischen Flair Istanbuls, vom einsam sein, von vergangenen Zeiten und dem, was noch kommen mag. Er erzählt vom vergangenen Tag und dass er heute neben zwei Schnitzeln auch über einen der Wiener Märkte "gefräst" sei, um sich mit allerlei Köstlichkeiten zu versorgen. Normal trainiere er ja eher, aber in dieser Stadt müsse man – angesichts des Angebots – eine Ausnahme machen, und eigentlich würde er gerne noch ein Schnitzel essen, jetzt sofort. Zwar funktioniert nicht alles – ein Song wird abgebrochen, weil das Schlagzeug wohl etwas zu laut eingestellt war, und von neuem begonnen – aber das macht die Band nur sympathischer, da Aki Bosse selbst diese Details mit Humor nimmt, auch wenn es ihm augenscheinlich fast das Trommelfell rausgehauen hat. Er entschuldigt sich bei den Zuschauern, bevor er zwischen ihnen zu "3 Millionen" tanzt, dass er so verschwitzt sei, aber selbst hier ist das in Ordnung, denn alle sind froh, ihren Grund des Kommens direkt bei sich zu haben. Hier wird getanzt, zu "Schönste Zeit", "Du federst", selbst eigentlich ruhige Lieder scheinen irgendwie aufzuleben an diesem Abend.

Die Bühne ist bevölkert, denn die Band ist angewachsen. Notiert werden an diesem Abend: 1 Schlagzeug, 1 E-Gitarre, 1 E-Bass, 1 Piano, 1 Keyboard, 1 Trompete, 1 Waldhorn, 1 Akkordeon, 1 Cello und diverse kleinere Gegenstände. Hinzu kommen Sänger Aki Bosse und, da für "Krumme Symphonie" der Rap-Partner Casper leider nicht zugegen war, Roadie Sven, der hinter dem Piano erhöht seine Arbeit erledigt und einen der herumhängenden Luftballons malträtiert, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht.

Nach der Zugabe, die mit dem beruhigenden "Kraniche" endet, sind alle glücklich an diesem Abend. Bosse halbtot, zumindest gibt sein durchnässtes T-Shirt den Anschein, die Zuschauer ausgepowert, aber noch bereit, um ein Bier an der WUK-Bar zu trinken. Die Location wird von Aki Bosse selbst auch hochgelobt und dürfte dem Wiener Konzertbesucher sowieso als toller Veranstaltungsort bekannt sein – also gerne wieder, wie während dem Auftritt angekündigt.

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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