BÜCHERBÖRSE

RAMMSTEIN through the ages

  • geschrieben von Sarah Emler und Stavros Hölbling
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RammsteinBhne c Anders Rune JensenWir stehen ganz in der Mitte der Wiener Stadthalle, grad so, dass wir die leere Bühne noch überblicken können. Plötzlich zischt es über unseren Köpfen, Rauch pfeift aus mehreren Ventilen einer in der Höhe montierten Rampe. Das Scheinwerferlicht richtet sich wie bei einem nächtlichen Fußballländerspiel Richtung Hallenzugang, von wo aus vier seltsam aussehende Gestalten erscheinen.

 

Ihnen voran ein dürrer, bärtiger Kerl in Lederkluft mit Kutte und einer Fackel in der Hand. Dicht hinter ihm schreiten fünf weitere Männer, ebenfalls in verschiedene Arten von Leder gekleidet. Zwei von ihnen tragen stoisch Fahnen vor sich hin, eine davon zeigt weiße Balken auf schwarzem Grund, das Zeichen der Band auf reisen, das andere die Nationalflagge, der schwarze Adler auf rot-weiß-rotem Hintergrund. Eigentlich recht nett, wenn man bedenkt, dass wegen den hohen Ansprüchen an die Bühne nur ein einziges Konzert in unserer kleinen Alpenrepublik am Programm steht, hier kann man sich im Ausland (und womöglich auch in ihrem Heimatstaat) wahrscheinlich mit dem Banner der Bundesrepublik Deutschlands rechnen. Die Tour heißt schließlich "Made in Germany". Nachdem die sechs sich an ihre verschiedenen Positionen auf der inzwischen erleuchteten Hauptbühne begeben und andächtig das Feuer in einem Kelch entzündet haben, geht es auch schon los. Tösend dröhnen die verzerrten Gittaren aus den Verstärkern und "alle warten auf das Licht", denn bei dem (auch auf Ö3 jeden Sommer brav totgespielten) Hit "SONNE" kann auch schon mal das Publikum mitsingen. In altbekannter RAMMSTEIN-Manier zischen dabei im Refrain im Takt gewaltige Flammenzungen in Reih und Glied aus der speziell präparierten Bühne, während die sonore Stimme des Sängers Till Lindemann brav mitjault.

 

RammsteinEngel c Anders Rune Jensen

Alte Liebe rostet nicht

Wer schon länger Fan ist, der fühlt sich gleich wohl und auf bekanntem Territorium. Denn das Spektakel, das in der Stadthalle abermals hunderte in Begeisterung versetzt, ist - abgesehen davon, dass es die Best-Of-Tour der Band ist - ein alter Hut. Die Lieder, die zum besten gegeben werden, werden live zum Teil schon seit zehn Jahren aufgeführt, die Showeinlagen wie Feuerstöße aus allen Richtungen, brennende Mikrofone, Gittaren und funkensprühende Kanonen sind als Konzepte auch nichts neues, wenn auch inzwischen größer, ausgeklügelter und wahrscheinlich auch sicherer und teurer. Ebenso die Manier, in der performed wird: Es kommt Lied auf Lied, dazwischen vielleicht mal ein ruhigeres oder einer der verschiedenen Live-Gags (ja, auch das gibt es bei Rammstein, aber hier muss nicht zu viel verraten werden, es ist ja doch ein sehenswertes Spektakel) und kaum Kommunikation mit dem Publikum. Da die Band sowieso ziemlich unverstanden bzw. in vieler Hinsicht auch unverständlich daher kommt und der hühnenhafte Sänger, man kann es glauben oder nicht, nach eigenen Angaben keine Rampensau ist, sondern eher publikumsscheu, ist es zum Standard bei ihren Auftritten geworden, einfach zu spielen und zu machen und die Musik für sich sprechen zu lassen. Sofern man sich auf diesen Monolog einlassen möchte. Doch immerhin, im Gegensatz zu manchen anderen Konzerten, wo der Mann mit dem Mikrophon außer "danke" die ganzen eineinhalb Stunden der Show kein Wort abseits seines Gesangs verliert, entlockte die Bombenstimmung in der Stadthalle nach der zweiten Zugabe ihm immerhin ein "Sehr schön - Wiener Blut!", eine nette Wortwahl, zumal das zum einen Lob an das mitfiebernde Publikum darstellt als auch den Titel eines ihrer neueren Songs wiedergibt (bei dem der Inzestfall in Amstetten thematisiert wird). Man bekommt also, was man sich erwartet hat, könnte man meinen. Doch eigentlich nicht so ganz, das Sextett aus Deutschland hat sich nämlich für die neue Tour entschlossen, etwas abzurüsten. Das heißt, dass bis auf die wichtigsten und beliebtesten pyrotechnischen Gimmicks eigentlich nicht viel neues geboten wird - dafür sind die alten natürlich etwas verbessert worden, aber allgemein ist es weniger als bei Konzerten der letzten zwei Jahre. Warum? Nun, eventuell ist es ein Mittel, um eine etwas natürlichere Atmosphäre zu kreieren, da abgesehen von der fehlenden Kommunikation die Band dem Publikum eigentlich näher kommt als schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr, könnte man sagen. Wer genau wegen der unglaublichen Bühnenshow gekommen ist, wird zwar auch nicht gerade enttäuscht sein, wenn man sie aber schon einmal wo anders gesehen hat, fällt der Unterschied schon auf. Allgemein ist RAMMSTEIN immer noch RAMMSTEIN, auch wenn die Pyrotechnik aufgerüstet, der Showaufwand pompöser und der Gesang Till Lindemanns melodischer geworden ist, mit "vom-Hocker-reißenden" Innovationen warten die Rocker aus der ehemaligen DDR wahrscheinlich erst mit der nächsten Platte auf. Welche, ihre momentan starke Aktivität betrachtet, nicht einmal allzu lange auf sich warten lassen könnte.

 

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