BÜCHERBÖRSE

Southside 2016: Und dann war es einfach vorbei!

Beim Aufbau war es auch schon feucht, am Ende fiel das Southside einem Unwetter zum Opfer. © FKP Scorpio
Beim Aufbau war es auch schon feucht, am Ende fiel das Southside einem Unwetter zum Opfer.

Das Southside Festival in Neuhausen ob Eck ist für mich so ein Festival, das aus meiner Sicht zwar vom Line-Up her schon bessere Zeiten erlebt hat, dennoch ist es auch ein Festival, wie es sicher viele erlebt haben und auch immer noch erleben – und zwar dieses eine, auf das man trotz allen Grolls, der sich über die eine oder andere Änderung breitgemacht hat, immer noch geht. Irgendwie gehört es eben dazu und es macht einen der Höhepunkte des Jahres aus. Viele Freunde sind da, die man sonst nicht so oft sieht und im Endeffekt ist es nicht ganz so schlimm, wie man es aus manchen Mündern hören kann. Klar, auf riesigen Majorfestivals ist die Deppendichte immer etwas höher als sonst wo, aber auch das lässt sich drei oder vier Tage aushalten. Während unser Pavillon vergangenes Jahr einem betrunkenen Bodycheck zum Opfer fiel, war es dieses Jahr Mutter Natur, die uns bis auf ein paar Stangen und seltsamerweise die Plane nicht viel davon zurückließ. Doch davon wollen wir jetzt noch nicht sprechen, dafür ist später noch genug Zeit. Erstmal die Eindrücke, die meinen zehnten Besuch beim Southside ausgemacht haben...

Die Anreise

Also zurück zum Anfang. Die Anfahrt war wie jedes Jahr eine sehr lange. Zeit für Erledigungen für die Universität, denn das Festival fand ausgerechnet am letzten Juni-Wochenende statt. Während dann die Nacht auf Donnerstag im Elternhaus verbracht wurde, ging es am Donnerstag-Mittag dann endlich los in Richtung Neuhausen ob Eck, etwa 45 Minuten mit dem Auto entfernt. Doch schon kurz nach der letzten Kreuzung vor der Ortschaft standen wir im Stau, etwa eine Stunde durften wir uns in der prallen Sonne im vollgepackten Auto aufhalten, langsam über die Landstraße rollend. Dann standen wir auf dem Parkplatz, alles wurde vollgepackt und der Weg zum Haupteingang eingeschlagen. Schon hier wurde klar, dass viele Festivalgänger das Wetter unterschätzten. Über 30°C und pralle Sonne, krebsrote Nacken, Arme und Gesichter waren mehr Regel als Ausnahme. Durch die immer noch ewig dauernden Bändchenausgaben, die auch nach Jahren noch nicht zufriedenstellend eingerichtet sind, waren viele schon dem Kollabieren nahe. So auch Ellen, die von ihrer Gruppe in meine Obhut gegeben wurde, damit diese ihre Zelte aufbauen und anschließen wiederkehren konnte. Allerdings mit einem Begleiter, damit ich mich – da man am Pressestand etwas schneller an das Bändel kam – nicht aufhalten lassen musste, falls meine Freunde wieder auftauchen sollten.

Da wir schon etwas spät dran waren, machten wir uns schnell auf die Weiterreise, als meine beiden Begleiter nach langem Warten wieder zurück waren. Doch schon das erste Hindernis, der geschotterte Haupteingangsbereich, ließ uns viel Zeit verlieren. Schon hier wollte der Sackkarren fast aufgeben, denn der Schotter war locker und man musste der Karren quasi durchziehen, ohne die Räder sinnvoll nutzen zu können. Danach ging es schnell, wir fanden ein Plätzchen ganz vorne bei den Bühnen, da die meisten Leute schon vorher ihr Zelt irgendwo aufgebaut hatten und gar nicht so weit gelaufen waren. Nach langem Aufbau von Zelten und Pavillon war dann endlich auch die zweite Fuhre da, weitere Freunde hatten sich gefunden und so wurde dem Abend entgegenfiebert. Da uns jetzt aber eine kleine Fehlfunktion des Grills in die Quere kam und das Grillgut nicht so recht gar werden wollte – was nach einiger Zeit im heißen Auto durchaus notwendig war – verpassten wir die ersten Bands auf der White Stage bei der Warm-Up-Party. Gegen Mitternacht oder kurz darauf entschlossen wir uns dann, Richtung Partyzelt aufzubrechen, auch weil einer unserer Zeltnachbarn reichlich Konfliktpotential zu Tage förderte und wir auf einem Festival getrost darauf verzichten konnten.

Dort angekommen, mussten wir uns mit einem geänderten Einlasssystem auseinandersetzen. Fazit: Es ist nicht sehr gut gewesen. Das Partyzelt war zwar drinnen nicht so voll wie sonst, allerdings wurde man draußen beim Warten fast zerquetscht. Nebenan machten die Drunken Masters gerade auf der Red Bull Containerstage ihren Auftritt zu einem Superabriss. Wenigstens das machte Spaß, doch spätestens als man sich in der wartenden Menge nicht mehr bewegen konnte, war auch die Abrissparty nebenan egal. Letztendlich im Zelt gelandet sind wir erst mit dem Morgengrauen, denn die Nacht war lang.

Tag 2, Freitag.

Früh erwacht ob der zum Vortag gestiegenen Temperaturen, war der Morgen nicht allzu angenehm. Viel Flüssigkeit und ein paar Notwasserkäufe später ging es für mich dann das erste Mal auf das Festivalgelände. Ein paar Bilder mit meiner analogen Kamera geschossen, die mir zumindest im Moment der Entstehung durchaus gelungen vorkamen, was wohl leider nie bestätigt werden kann. Moment, fragen sich manche jetzt, warum denn so negativ? Ja, das kommt noch, denn es bleibt spannend. Im Pressezelt kam es dann zu folgender Unterhaltung: "Das ist so heiß hier drin, abartig!" - "Ja, aber es soll heute ja noch gewittern. Anscheinend sogar so richtig reinhauen." - "So schlimm kann es schon nicht werden. Mein Zelt hat sogar Rock am Ring überstanden", erwiderte mein Gesprächspartner. Darauf folgte ein wenig Gelächter, man verabschiedete sich und wir gingen unserer Wege. Am Horizont zeichnete sich schon langsam ab, dass sich in verschiedenen Richtungen mehrere Gewitter zusammenbrauten. Besonders schlecht sah es für das geschulte Auge über dem schönen Alpenpanorama im Süden aus. Aufgrund der Hitze sahen wir vom Besuch der ersten Konzerte ab und ich ließ, als wir schlussendlich doch auf das Veranstaltungsgelände gingen, meine Kamera aufgrund des wahrscheinlichen Regens lieber im Zelt.

So kamen wir in den ersten Musikgenuss unseres Tages und das gleich ganz vorne drin. Die amerikanischen Punkrock-Veteranen Anti-Flag aus Pittsburgh heizten dem Publikum mit ihren Hits ordentlich ein, alle sangen kräftig mit und hatten "Spaß an allen Ecken", wie die Band auf Deutsch betonte. Mit Songs wie "Turncoat", "This is the End" oder "Brandenburg Gate" machten sie es zu einem guten Start in das Wochenende. Danach machten wir uns auf die Suche nach Essen. In diesem Jahr gab es keinen der altbekannten Festival-Fastfood-Stände mehr, lediglich das Handbrot blieb aus früheren Jahren erhalten, ansonsten waren überall Foodtrucks zu sehen. Wir suchten uns einen am Ende gegenüber der Green Stage aus, direkt neben dem Red-Stage-Zelt. Da fing es dann plötzlich an zu regnen, und das nicht gerade wenig. So stellten wir uns unter und warteten in der Hoffnung, dass es bald aufhören möge. Auf der Green Stage traten im gleißenden Sonnenlicht und dem dadurch glitzernden Regen Flogging Molly auf die Bühne. Nach mehreren Songs und dem stetig durch den Schotter kriechenden Wasser machten wir dann Nägel mit Köpfen und flüchteten wie so viele andere in die Red Stage. Dort waren gerade die Blues Pills auf der Bühne, die wohl nie erwartet hätten, vor einer vollen Hütte aufzutreten, aber durch die Wetterkapriolen war es ihnen vergönnt. Während draußen die Musik irgendwann verstummte, spielten die Blues Pills noch ihr Set zu Ende, bedankten sich unter dem Jubel der riesigen Menge und machten einem Mann Platz, der irgendwie nicht so recht in die Künstlerecke passen wollte.

Hurra, die Welt geht unter

Und dann kam die Durchsage: "Liebe Besucher, wir unterbrechen das Festival an dieser Stelle und bitten euch, euch in eure Autos zu begeben und dort Schutz zu suchen. Nehmt Fremde in eurem Auto auf und falls ihr keinen Platz findet, stehen die Shuttlebusse für euch bereit." So oder so ähnlich kamen kurz darauf auch aus allen Lautsprechern Aussagen. So machten wir uns – wie tausende andere Personen – auf den Weg zum Campingplatz. Das Festivalgelände stand zu diesem Zeitpunkt schon leicht unter Wasser und hier und da gab es auch kleinere Bäche zu sehen. Am Zelt angekommen, war unser Pavillon schon an einer Stelle gebrochen. Die Wiese stand unter Wasser und auch im Zelt machte sich eine größere Pfütze breit. Daher stellte ich schnell einige Dinge ins Innenzelt in der Hoffnung, sie würden dort trocken bleiben. Nachdem draußen einige Ordner schon zum Gehen aufforderten und das Verbleiben im Zelt "nur auf eigene Gefahr" möglich sei - "wir sind dann für nichts mehr verantwortlich, dass das klar ist" - packte ich schnell einige Dinge in meinen Rucksack, zog mir trockene Klamotten an und packte alles so hin, dass es irgendwie trocken bleiben könnte. Regen war keiner mehr da, allerdings sagte der Ordner, es käme ein Unwetter auf uns zu: "Hast du die Bilder von Rock am Ring gesehen? So sieht das aus, nur mit mehr Blitzen." Dann hieß es von einem meiner Begleiter zu mir: "Kommst du dann raus?" - "Ja, bin gleich fertig." - "Beeil dich, die Polizei steht vor dem Zelt." Also Rucksack zu, rausgegangen und da standen zwei Polizisten mit der Bitte, sich möglichst schleunigst vom Acker zu machen, da es hier gleich richtig, richtig schlimm werden würde. Auch ihre besorgten Blicke ließen absolut nichts Gutes erahnen. Wir waren dann sehr schnell draußen, wobei man sich sorgte, da auf dem Teil des Campingplatzes Richtung Ausgang immer noch viel los war und die Leute unter ihren Pavillons verweilten, feierten und vor allem K.I.Z. mit "Hurra, die Welt geht unter" zum besten gaben.

Am Haupteingang angekommen wurde uns dann sehr schnell klar, was passieren sollte. Dort sahen wir eine kilometerbreite, schwarze Wand von Osten auf uns zukommen. Sehr zu unserer Erheiterung lag unser Parkplatz auch in dieser Richtung, was uns das Privileg verschaffte, direkt auf die bedrohliche, Dunkelheit verbreitende und stetig vorwalzende Gewitterfront zugehen zu dürfen. Das Auto erreichten wir rechtzeitig, wir hatten noch etwa zehn Minuten Ruhe im Auto. Dann ging es los. Anfangs kamen nur einzelne Tropfen auf die Scheibe, dann wurde es etwas weniger. Dann wieder mehr. Dann wieder weniger. Und so weiter. Und dann ging es plötzlich los. Der Regen wurde alle paar Sekunden stärker. Irgendwann war der Wald aus dem Blickfeld verschwunden, irgendwann die Straße beim Festival. Irgendwann die Autos weiter weg. Das Schild der Parkplatzmarkierung, ein zehn Meter hoher Holzstamm, der auf einem Stahlgerüst festgemacht war, fing bedenklich zu wackeln an. Am nächsten Morgen war er übrigens nicht mehr zu sehen. Doch auch diese 30 Meter Sicht waren irgendwann nicht mehr gegeben. Der Regen ließ nicht nach, er peitschte wie eine Regenmaschine in alten Filmen unaufhaltsam über uns hinweg. Dann sah man sogar das Auto drei Meter neben uns nicht mehr. Tock. Tock. Tock. Hagel setzte ein. Glücklicherweise waren es nur mandelgroße Körner, doch ein paar Kilometer weiter waren sie wohl golfballähnlich. Camp FM, das offizielle Festivalradio, verabschiedete sich auf dem Höhepunkt des Unwetters unfreiwillig, der Regen pfefferte waagerecht durch die Autoreihen und Blitze zuckten in allen Richtungen. Der öffentlich-rechtliche Radiosender SWR3, ähnlich dem österreichischen Ö3, übernahm die Informationsaufgabe des ausgefallenen Camp FM und gab den tausenden, in ihren Autos festsitzenden Southside-Besucher wichtige Infos, die zusätzlich mitbekamen, dass es mitnichten nur bei ihnen sehr schlimm zur Sache ging, sondern auch einige Städte in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz unter Wasser standen. Man ließ sich sogar dazu überreden, auf Wunsch der Zuhörer Rammsteins "Engel" zu spielen, sollten sie doch eigentlich am Sonntag auf dem Southside spielen. So ging es durch die Nacht und es kam auch irgendwann zum Gespräch, was alles im Zelt zurückgeblieben war. Und dann kam es mir: Die Kamera.

Der Abbruch

Irgendwann hörte es auf zu regnen. Nach acht langen Stunden im Auto kam dann die Information – Camp FM war inzwischen wieder auf Sendung - "Das Festival wird abgebrochen. Bitte holt eure Sachen und fahrt nach Hause." Autsch. Das saß tief. Wir hatten damit gerechnet, aber wenn die Gewissheit da ist, dass man nicht wie geplant das Wochenende feiernd und der Musik lauschend an einem seiner Lieblingsorte verbringen kann – das ist, wie wenn Weihnachten schon vor der Bescherung abgeblasen wird. So machten wir uns schweren Herzens auf zum Campingplatz. Am Haupteingang sah es aufgrund der geschützten Lage zwischen zwei Firmengebäuden nicht allzu schlimm aus, aber der Weg über den restlichen Campingplatz glich einem Schlachtfeld. Pavillons über den ganzen Platz verteilt, kein einziger stand mehr. Abgedeckte, gebrochene, zusammengefallene, überflutete Zelte überall, nur ab und an stand noch eins scheinbar unbeschadet. Der Begrenzungsbauzaun stand nicht mehr, er war aber nicht einfach umgefallen. Aufgrund der Sichtschutzplanen war das Metall nicht stark genug und der Zaun war einfach umgeknickt. Angesichts dieses Bildes wurde auch uns langsam die Gewalt des Unwetters so richtig klar. An unseren Zelten angekommen, mussten auch wir Ernüchterndes feststellen. Ein Zelt hatte alles überstanden und war nur leicht feucht innen, ein anderes war vollgelaufen und zwei standen nicht mehr, waren überflutet und auch sonst ziemlich im Eimer. Die Rettungsaktion meiner Gegenstände ins Innenzelt war nicht sehr erfolgreich, da sich in der Nacht wohl ein größerer Bach sein Bett durch das Zelt gesucht hatte. Die Kamera war auch nicht ganz trocken, daher werden Film und Bilder wohl nicht mehr zu retten sein.

Wir sammelten unsere Sachen soweit es ging auf und machten uns dann auf den Weg ins Auto, in einer Rutschpartie fanden wir nach langem Suchen schlussendlich auch einen machbaren Ausweg vom Parkplatz. Auf dem Heimweg sahen wir dann auch in Neuhausen und den nachfolgenden Dörfern unschöne Folgen des Unwetters. In einem Obstbaum hing beispielsweise ein riesiges Gartentrampolin, an einer Bushaltestelle war die Rückwand herausgedrückt und auch diverse umgeknickte Bäume oder unterspülte Straßen gab es zu sehen, ebenso wie die komplett verhagelte Ernte. Wie Neuhausens Bürgermeister an diesem Tag mitteilte, war es das schwerste Unwetter, das Neuhausen ob Eck jemals getroffen habe. Am Festival selbst gab es durch das Unwetter über 80 Verletzte, von denen 5 stationär behandelt werden mussten. Die folgenden zwei Tage verbrachten wir wieder im Elternhaus, notgedrungen, trafen die alten Freunde vom Festival und waren gemeinsam irgendwie traurig. Auch einigen Bands und dem Festival selbst ging das Equipment kaputt, so beispielsweise der deutschen Band Deichkind. Andere waren im leicht überfluteten Backstagebereich gefangen, hier namentlich The Wombats und Klaas Heufer-Umlauf mit seiner Band Gloria, ebenso Wanda, die kurz vor ihrem Auftritt von dessen Absage erfahren mussten und den Festivalbesuchern via Facebook mitteilten, dass bitte alle auf sich aufpassen sollten.

Fazit

Hoffen wir einfach, dass es 2017 wieder besser wird. Ich bedanke mich bei allen Behörden und der Festivalorganisation, dass wir immer gut informiert waren und so frühzeitig evakuiert wurden. Und als Trostpflaster: Alle Bands, die beim Southside und dem Schwesterfestival Hurricane ausgefallen sind, sollen laut Veranstalter nächstes Jahr wieder gebucht werden, man kann sich mit seiner Ticketnummer registrieren und bekommt dann wahrscheinlich Rabatt auf die Tickets für 2017 oder eine Rückzahlung, das ist allerdings noch nicht fix. Ob das mit den Bands schlussendlich klappt, steht auf einem anderen Blatt, aber: Frank Turner hat schon zugesagt. Was sonst noch kommt, werden wir sehen. Aber wir sind schon gespannt und freuen uns sehr darauf.

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook