BÜCHERBÖRSE

Hannah Epperson – Upsweep

(c) ListenRecords (c) ListenRecords
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Leise trippeln die Töne durch einen regennassen Wald, überall tropft es und doch fühlt sich die Welt leichter an denn je. Mit leichter Stimme, frei von allen Beschwerlichkeiten der modernen Welt und des Lebens, klatschen die Füße immer wieder in kleine Pfützen, um dann plötzlich auf einer Lichtung innezuhalten und die kühle, schwere und doch reine Luft in die Lungen zu saugen. Bald aber geht es weiter auf dem Weg durch die Freiheit, durch die Nebelschwaden und den kalten Herbst, nur um kurz darauf wieder stehenzubleiben und sich umzuschauen. Irgendwo raschelt es im nassen Laub, die Sinne weiten sich und man fühlt sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder wirklich frei, weg von all dem Lärm und der stetigen Begegnung mit den vielen Menschen, die einem tagtäglich in der Stadt begegnen. All das ist vergessen und nur mehr eine schwache Erinnerung an ein vergangenes Leben.

Mit ihrem neuen Album "Upsweep" bringt die in Kanada aufgewachsene US-Amerikanerin Hannah Epperson ein nicht alltägliches Produkt auf den Markt. Wäre es nicht schon genug, dass sie ein zweiteiliges Albumprojekt mit dem Namen "Slowdown/Upsweep" erarbeitet hat, es ist noch ein zweiter, weitaus interessanterer Aspekt darauf zu finden: Jeden Song gibt es doppelt. Man mag sich jetzt fragen, warum das so ist, aber die Antwort darauf macht das ganze noch interessanter. Sie heißt Amelia und zum anderen Iris. Diese beiden Namen stehen für das Pop-Gewand (Amelia) sowie die Neo-Klassik-Variante der Songs (Iris). Beim ersten Hören schrieb sich der obige Ersteindruck des Albumeinstiegs, "Farthest Distance", der wunderbar gelungen ist und den Hörer mitnimmt auf eine kleine Gedankenreise.

Ebenso schön, jedoch mit etwas treibenderen Bässen zeigt vor allem "Circles", dass es sich bei den Amelia-Songs durchaus um gute Popmusik handelt, während "Strong Thread" erst einmal mit Autotune verschreckt. Allerdings werden gegen Ende des Songs entgegen des Taktes eingespielte Drums untergemischt, die zwar interessant sind, dennoch leicht irritierend wirken, zumindest beim ersten Hören. "Thread" wird wiederum zu einem sehr unterhaltsamen Hörvergnügen, denn die elektronischen Klänge passen ebenso zu Hannah Eppersons leichter Stimme wie die am Schluss folgenden elektronischen Trötereien, die an langweilige, allein verbrachte Nachmittage in der Kindheit erinnern, wenn man Löcher in die Luft gestarrt und gleichzeitig seltsame Melodien und Geräusche von sich gegeben hat.

Dass Hannah Epperson aber keine alltägliche Popkünstlerin ist, wird auf der "Upsweep" deutlich. Die Songs sind auf den ersten Blick eigentlich recht einfach gehalten, doch das reicht ihr nicht. Jedes Lied bricht auf gewisse Weise mit seiner eigenen Struktur, durchaus auch mehrmals. Das wird auch im letzten Amelia-Song "Iodina" deutlich, der sich nach einem Harfenintro diverse Entwicklungen und Evolutionen erlaubt, ohne dabei sein eigenes Gesicht zu verlieren.

Mit "Farthest Distance" kommt dann auch schon die erste Wiederholung, zumindest namenstechnisch. Durch die Untermalung mit Streichern gelingt es auch hier, eine wunderschöne Stimmung zu erzeugen, allerdings kommen hier starke Erinnerung an King Creosotes "From Scotland With Love" auf, obgleich hier ebensowenig auf perfektionistische Klänge à la David Garrett geachtet wird, sondern auch mal rauhe Töne, wie sie beim Geigenspiel eben entstehen, ihren Platz bekommen. Manchmal jaulend, oftmals sehnsüchtig dringt die Melodie ein wie ein nasser Regen in die Klamotten in einem einsamen Wald im Herbst, der überraschenderweise sogar wirklich noch herunterkommt. Dank dieses Endes ist der Hörer am Ende doch wieder genau dorthin zurückgekommen, wo er dank des Pop-Einstiegs gelandet ist, obwohl ihn in diesem Fall Iris und nicht Amelia mit auf die Reise nimmt.

Viel interessanter als in der ersten Version ist "Circles", obwohl hier auch beim ersten Mal ein durchaus achtbares Stück entstanden ist. Mit bewusst gesetzter, immer wieder aufschwärmender Gitarre und eben wieder externen Geräuschen ist wirkt "Circles" sehr intim und reduziert, was sich allerdings als absolute Aufwertung erweist. Weniger ist manchmal eben doch mehr. Auch "Strong Thread" ist reduzierter, allerdings wird hier erstmals wirklich deutlich, dass Amelia und Iris eben keine zufällig gewählten Namen, sondern zwei fiktive Charaktere sind, die sich wiederum in einem dritten fiktionalen Charakter vereinen, Skyler. Das erklärt auch die vor allem im ersten Teil auftretenden Dissonanzen, doch auch im Neo-Klassik-Gewand mischt sich Amelia immer mal wieder kurz ein, ist aber auch schnell wieder verschwunden. Doch zuviel soll hier nicht verraten werden, denn gerade diese Zerrissenheit und die Überlegungen dahinter machen die Musik umso interessanter. Nur soviel: Die Idee, zwei verschiedene Persönlichkeiten die Songs arrangieren zu lassen, machen aus diesem Album eine wirklich wunderbare Platte, die ein wahres Hörvergnügen verspricht und wahrscheinlich nicht nach dem ersten Hören im Regal verschwindet.

"Story" ist der erste Song, der sich wirklich nahe an klassische Musik heranschmiegt. Mit einem klassischen, reduzierten Violinenspiel wird das Neo in der Genrebeschreibung schon fast vergessen gemacht, nur der Gesang erinnert daran, dass es sich nicht um schon etwas ältere Musik handelt, was aber durchaus positiv gemeint ist. Dieser Weg wird auch in "Iodine" fortgesetzt, wobei Epperson wieder einen Stufe zurückschält, um dann nach einem weiteren Regenschauer in die wirklich neo-klassische Ecke zurückzukehren und im Anschluss schon wieder fast von Iris in Amelia umzuschlagen. Und dann ist die Platte auch schon zu Ende...

Tour-Termine & Verlosung

Hannah Epperson ist im Übrigen auch auf Tour und kommt dabei nach Österreich. Iris und Amelia werden an folgenden Terminen in Österreich einige ihrer Versionen der fünf Songs von "Upsweep" dem Publikum vorstellen:

29.09.2016 – Salzburg, Rockhouse
01.10.2016 – Wien, Waves Vienna Festival
03.10.2016 – Graz, Scherbe

Zudem verlost UNIMAG zwei CDs von Hannah Eppersons neuem Album "Upsweep"! Weitere Infos zum Gewinnspiel gibt es in Kürze auf unserer Facebook-Fanseite.

HANNAH EPPERSON – "UPSWEEP"
UNIMAG-Rating: 4,5 von 5 Punkten
Genre: Pop, Neo-Klassik
11 Songs, Spielzeit: 43:04
Label: ListenRecords
VÖ: 16.09.2016

Album-Tracklist

1. Farthest Distance (Amelia)
2. Circles (Amelia)
3. Strong Thread (Amelia)
4. Story (Amelia)
5. Iodine (Amelia)
6. ….
7. Farthest Distance (Iris)
8. Circles (Iris)
9. Strong Thread (Iris)
10. Story (Iris)
11. Iodine (Iris)

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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