BÜCHERBÖRSE

Emanuel and the Fear – Primitive Smile

Emanuel and the Fear – Primitive Smile © ListenRecords

Was ist eigentlich Angst? Auf diese Frage gibt es wohl keine Antwort. Zumindest keine allzu einfache, denn die wäre unvollständig. Angst wird gelebt, Angst wird gebraucht und Angst wird auch oft missbraucht. Wenn man seine Band also mit diesem Wort, „Fear“, ausstattet, ist das dann nur aus Spaß am Wortspiel oder steckt da doch mehr dahinter? So wirklich verraten wollen es uns Emanuel and the Fear nicht, aber ihr neues Album „Primitive Smile“ macht sich jetzt auf, die Musikwelt zu erobern. Ob das gelingt?

Im Opener „Some May Fall Asleep“ ist der Titel nicht Programm, denn wirklich einschlafen möchte man bei diesem Song nicht. Die Gitarre rattert neben einem raschen Beat daher, als ob man sagen möchte: „Einschlafen kannst du gerne, aber nicht solange wir auch da sind." Allerdings brechen sie diesen Willen schnell, denn mit „State Of Violet“ wird vorerst eine etwas ruhigere Runde eingeläutet, die sich zwar auch wieder etwas aufschwingt, trotzdem aber insgesamt recht gemächlich durch den Kosmos mäandert, ohne dabei in die Belanglosigkeit abzudriften.

In eine wiederum andere Kerbe schlägt „Holding On“, dass sich von den anderen beiden Songs vor allem dadurch absondert, dass es ein eher an einen straighten, psychedelischen Rocksong erinnert, der, würden die Gitarren etwas melodiöser malträtiert, auch schon fast ein echter Country-Gassenfeger sein könnte, doch auf das Jaulen der Gitarre wird verzichtet. Gleich im Anschluss läuft die erste Single „I Believe“, die alles, was dem Vorgängersong an Melodie abgeschnitten wurde, im Überfluss hat. Ein schön anzuhörender, ruhiger Popsong, der auch im Radio eine gute Figur machen würde – gut gemeint, denn dort könnte er sich dann doch mit Leichtigkeit von der breiten Masse an EDM absetzen. Andererseits kann man auch behaupten, dieses Lied würde auch einem Michael Bublé liegen, und damit hätten sie nicht allzu unrecht, erinnert es doch an dessen Song „It's A Beautiful Day“.

Darauf folgt dann ein fast balladeskes Stück, dass in etwa die selbe Ruhe ausstrahlt wie „Colorblind“ von den Counting Crows, allerdings mit der Stimme von Tall Tall Trees. Hier dürfen dann auch die Streicher nicht fehlen, um „Lately“ den letzten, gefühlsschmachtenden Schliff zu verpassen. Bei der Ruhe bleibt es allerdings nur bedingt, denn im letzten dritten bricht eine nicht erwartete Kraft in Erscheinung, und die ganze Band samt Sänger Emanuel Ayvas tobt noch einmal ein kleines bisschen vor dem Ende. Mangelnde Abwechslung kann man den sechs Damen und Herren aus Brooklyn wirklich nicht vorwerfen, denn Jeff Gretz, eigentlich an der Querflöte beheimatet, unterlegt „Meredith“ mit einem treibenden Synthiebeat, während sich der Rest der Instrumente passend einfügt. In „Sheffield“ geht der Weg dann zurück in die Pop-Richtung und ein leichtfüßiger, leicht folkig angehauchter Zweieinhalbminüter ist schon wieder vorbei.

Ein Höhepunkt des Albums findet sich in „The Unwinding (Sparrow Song)“, da hier dem Song genügend Zeit gelassen wird, sich zu entfalten und auch das Korsett nicht zu eng geschnallt ist, was Ayvas fast zu einer Art Sprecher werden lässt, der unablässig die Grenze zwischen Sprechen und Singen abgeht, um dann gelegentlich in die eine oder andere Richtung zu kippen. Einen wirklich großen Anteil an der Musik auf „Primitive Smile“ haben die Streicherarrangements, die durch Liz Hanley (Geige) und Brian Sanders (Cello) intelligent in Szene gesetzt und geschickt in die Songs eingebaut werden, ohne als Fremdkörper zu fungieren. Wer gedacht hätte, dass eine neuerliche Steigerung nicht mehr drin sei, wird mit dem wunderschönen „I Would Love To Be Forgotten“ eines Besseren belehrt. Gerade hier sind die Streichinstrumente weder schmalzig noch aufgesetzt, sondern sinnvoll und passend, lassen Gefühle aufkommen, die sonst eher nicht möglich gewesen wären.

Als Abschluss gibt es noch das klassische Abschlusslied „Goodbye“ mit auf den Weg. Dieser Song hat das Potenzial, die ganz traurigen und trotzdem schönen Sequenzen eines Films nachdrücklich zu untermalen – bevor es dann plötzlich aus seiner besinnlichen Stimmung erwacht und nochmal die Verstärker anmacht, damit die Band nochmal so richtig durchziehen und zeigen kann, dass sie eben doch keine klassische Schmachtfetzentruppe ist – ohne dabei die schöne, aufgebaute Stimmung zu zerstören.

Primitive Smile“ ist in seiner Gänze ein interessantes Werk, dass sich aber nicht festlegen will, in welche Richtung es gehen möchte. Nach vier Jahren Pause und sechs Personen in der Band kommen viele Wünsche zusammen und so hat man am Ende zehn Songs, die sich auch auf fünf oder sechs verschiedene Platten aufteilen könnten, soviel Leben ist hier zu sehen. Einerseits unterstreicht es die Fähigkeit von Emanuel and the Fear, abwechslungsreiche Songs zu schreiben, andererseits macht es das Hören in manchen Momenten schwer, da man sich ob der unerwarteten Sprünge stellenweise ein wenig getrieben fühlt. Trotzdem bleibt letztlich ein Album, das sich in den kommenden kalten Monaten um ein wenig Wärme bemüht und die Anfangs angesprochene Angst vergessen macht.

Live zu sehen gibt es Emanuel and the Fear am 12.11.2016 im RHIZ.

Darüber hinaus könnt ihr auch zwei Exemplare von "Primitive Smile" bei uns gewinnen und euch selbst ein Bild davon machen. Weitere Infos gibt es in Kürze auf unserer Facebook-Seite.

EMANUEL AND THE FEAR – "PRIMITIVE SMILE"
UNIMAG-Rating:Drei Komma Fünf von Fünf Punkten
Genre: Indie-Pop
10 Songs, Spielzeit: 39:44
Label: ListenRecords
VÖ: 23.09.2016

Album-Tracklist

1. Some May Fall Asleep
2. State Of Violet
3. Holding On
4. I Believe
5. Lately
6. Meredith
7. Sheffield
8. The Unwinding (Sparrow Song)
9. I Would Love To Be Forgotten
10. Goodbye

Jan Wälder


studiert eigentlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, belegt aber gerne auch den ein oder anderen Skandinavistik-Kurs.

 

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