BÜCHERBÖRSE

Don't Believe The Hype: Metallicas Selbstzerstörungsdrähte

  • geschrieben von Fritz-Fabian Soll
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Don't Believe The Hype: Metallicas Selbstzerstörungsdrähte (CC BY-SA 2.0) Nick Ares

"We're so fucked / shit out of luck / hardwired to self-destruct" – Dieses ranzig schmeckende poetische Horsd'uvre stammt nicht aus der kollektiven Feder einer pubertären Punkrock Band. Hier waren Profis am Werk. Und mit Profis meine ich Veteranen im Musikgeschäft.

Tenacious D gaben sich in einem ihrer Songs zwar einstmals Fetzen dieser Formulierungen aus dem metaphysischen Lyrikpool der Stumpfheit hin, aber die dürfen das. Parodieren. Nein, hier bemühte sich James Hetfield. Ja, einer der Opas von Metallica. Nein, er parodiert mit dieser raubeinigen Unwohlseinsbekundung vermutlich nichts und niemanden. Er serviert hier viel mehr einen Vorgeschmack – im November erscheint das neue Album der Metal Urgesteine, und mit der vorab veröffentlichten Single "Hardwired" zeigen sie uns, was sie gern sein wollen. Grob, geradlinig, rebellisch, wie früher einmal.

Hardwired ist im Video zur Single zumindest die Lichttechnik. Stroboskoplicht umschmeichelt die gewohnt aggressive Gesichtskirmes des Vierergespanns und vermittelt uns, dass Härte eben nicht nur eine Sache des Sounds ist, sondern auch optisch untermalt werden kann. Ist doch auch schön, wenn das audiovisuelle Endergebnis in der Produktion kaum mehr kostet als eine Mahlzeit im Gasthaus zum goldenen M. Auf die Ohren gibt es – ganz kurz und gemein komprimiert – einen unfreiwilligen Aphorismus über eine längst verblichene Ära der Bandgeschichte. Der sich ganz legitim Speed Metal schimpfen darf.

Bands, die auf Jahrzehnte des Bestehens zurückblicken können, tragen stets auch das Kreuz der Fankritik. Als "von den Wurzeln entfernt" oder "zu experimentell" brandmarken Anhänger früherer Bandveröffentlichungen ein späteres Release ganz gerne mal. Auch das kommende Album der Bay Area Thrasher sieht sich ambivalenten Erwartungen gegenübergestellt.

So mancher Fan scheint sich gar getriggert zu fühlen – zwar sind seit dem "St. Anger" betitelten Desaster schon 13 Jahre vergangen, aber der Schmerz sitzt noch immer tief. Das die Produktion von "Hardwired" nun zumindest am nicht ganz so schrecklichen 2008er Album "Death Magnetic" angelehnt ist, mindert die Symptome des Traumas ein wenig. Auch bei mir. Ich habe etwas vergessen? Achja, "Lulu". 2011. Kehre ich unter den Tisch. Kommentarlos.

"Wir können es noch! Echt jetzt!" ist eine Interpretationsmöglichkeit der eingangs erwähnten Kauleistengymnastik im Video zu "Hardwired". Mimisch kommunizierte Dringlichkeit eines Toilettenbesuchs ist eine Alternative. Trotz angemessener Skepsis geben sich Fans allerdings eher der ersten Option hin. Metallica bekommen noch eine Chance. Genügend Käufer finden sich ja sowieso.

Gleichsam dürfen und sollen Fans sich aber auch ärgern dürfen. Immerhin brauchen die neutralen Beobachter doch etwas zum Schmunzeln, wenn sich die hartgesottenen Puristen darüber in Rage reden, dass sie ihre Matte schon zu Metallica schwangen, bevor das Bandlogo zierende Schweißbänder dem Outfit von kurzhaarigen Dreikäsehochs einen Hauch von illusionärem Gegenbewegungsflair verliehen.

Es ist nicht unbedingt ein Phänomen, das mit dem zeitgenössischen Hipstertum aufkam. Etwas schon gekannt zu haben, bevor es cool war und damit zu betonen, man habe einen exklusiven und von Szenewissen strotzenden Geschmack, ist markantes Charakteristikum für manche Freunde düsterer Klänge. Am besten selbst eine Band gründen, lässige Metallmusik produzieren, aber sie niemandem oder nur einem elitären Kreis zugänglich machen! Man könnte fast meinen, das sei die beste Lösung. Handnummerierte Tonträger in Minimalauflagen waren in Kreisen schwarzmetallener Extremmusikanten Anfang der 90er Jahre eine kommerziell aussichtslose, aber ideell schlagkräftige Selbstverständlichkeit, deren elitärer Anspruch beziehungsweise Appell an den Sammlergeist heute nur noch ein dünner Mantel ist, der Formen gewinnorientierten Marketings bei frostigem Hagel glasfasergestützer Urheberrechtsverstöße warm hält.

Abschließend möchte ich feststellen: Wir, die Menschheit, sind gar nicht komplett am Arsch. Das, was uns Leid bereitet, kann benannt und womöglich eines Tages verändert werden, aber bis dato kann man es doch noch so wunderbar instrumentalisieren. Zum Beispiel künstlerisch, als Gegenstand der Empörung. Zur Selbstzerstörung mag beitragen, wer das Leid anderer zu monetarisieren weiß. "Hardwired...to self-destruct" wird übrigens auch in einer limitierten Deluxe Box Version erscheinen. Überraschung.

Aber manchmal darf man sich auch einfach mal unterhalten lassen. Oder?

 

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