BÜCHERBÖRSE

Shantel: "Ich glaube nicht an Identität"

Shantel im Interview © Katarzyna Makusz
Shantel im Interview

Sein Balkan-Pop ist tiefgründig und vielschichtig, aber nicht intellektuell, seine Ideen unendlich. Der deutsche Musiker Stefan Hantel ist jetzt auf großer Tournee mit seinem Bucovina Club Orkestar und legte am 15. Dezember einen Stopp im Wiener WUK ein. UNIMAG hat sich mit ihm über europäische Musik, Identität und Inspiration unterhalten.

UNIMAG: Es gibt sehr viel Rauch hier im Raum. Arbeitet ihr mit vielen speziellen Effekten?

Shantel: Ich komme aus einer Zeit, wo es noch die total verrauchten Clubs gab. Ich glaube, dass es für das Licht immer ganz gut ist, wenn man so ein bisschen Nebel hat – so kann man gut Akzente setzen. Das machen wir eigentlich immer am Anfang, ich kenne es nicht anders. Eigentlich verzichten wir total auf technischen Schnickschnack, ich finde das doof.

Warum ist das doof?

Ich finde Laptop-DJs auch total blöd – das ist völlig kontraproduktiv. Wenn du einen Screen auf der Bühne hast, dann ist das so wie Fernsehgucken. Das ist mittlerweile so populär geworden. Das machen wir nicht. Wir sind stockkonservativ. Wir haben diesen ganzen Gimmick-Wahnsinn verweigert. Mir ist es schon schwer gefallen, von Vinyl auf CD zu gehen. Jetzt von CDs auf Laptop oder USB-Stick – das mache ich nicht. Darauf habe ich keinen Bock.

Wie sollen denn Konzerte deiner Meinung nach aussehen?

Wir machen das so, weil wir Freude daran haben und weil wir uns da auf unsere Art extrem entfalten können. Das ist das Wichtigste: Jeder muss für sich entscheiden, was sein Weg ist, wie er sich am besten ausdrücken kann. Ich mag's direkt.

Eure Musik wird Balkan-Pop genannt. Würdest du sie auch so nennen?

Das ist so eine bescheuerte Schublade. Die Leute brauchen Kategorien. Als "Disko Partizani" so ein Riesenhit war, haben alle gesagt, dass Shantel Balkan-Pop macht. Das ist für mich ok, aber ich mache alles, um dieses Klischee zu zerstören. Wenn du dir die Show anschaust, wirst du sehen, dass wir so unterschiedliche Wege beim Konzert haben – auch musikalisch. Who cares?

Du würdest also deine Musik gar nicht per se definieren?

Nein, ich brauche das nicht. Klar ist es einfacher zu sagen: Ja, Shantel, Balkan-Pop. Mir ist es egal. Wir haben so ein Alleinstellungsmerkmal – Shantel und Bucovina Club, das ist so ein ziemlich weit abgestecktes Crossover-Feld, so die hedonistische Party-Idee, dieser pluralistische, kosmopolitische Meltingpot. So kontinentaleuropäische Popmusik. 

Glaubst du, dass Europa einen eigenen Sound hat?

Kein Land hat einen Sound. Vielleicht gibt es Länder, die eine musikalische Tradition haben. Nordamerika ist Rhythm & Blues, Südamerika ist mehr in Richtung Latin. Europa wurde eigentlich erst nach dem Fall der Mauer musikalisch interessant, vorher war es langweilig. Es war eine schalle Photokopie von angloamerikanischer Popmusik. Dann ist die Mauer gefallen und dieses Kontinentaleuropa musste sich neu definieren. Da haben viele Leute gesagt: "We don't trust the Anglo-American Rock'n'Roll stereotype anymore" und dann fing es auch unter anderem mit Balkan-Pop an. Das war aber nach zehn Jahren wie eine Lüge, weil Hype immer gefährlich ist. Vieles ist verschwunden, weniger Bands, weniger DJs und Shantel ist übrig geblieben. Ich bin europäischer Musiker... was auch immer das heißen mag. Wenn es Zerrissenheit, Wiederspruch, Chaos bedeutet, ist das legitim. Wenn es Freude, Hedonismus, Völkerverständigung bedeutet, ist das auch gut. Everything is possible. Nur kein Nationalismus, nur kein komisches "geography identity". Ich glaube nicht an Identität, ich finde das völlig bescheuert. Identität interessiert mich nicht. Mich interessiert Gemeinsamkeit, nicht die Unterschiede – das ist ein alter Kaffee. Identität und so, das braucht keiner mehr.

Glaubst du also, dass sich Leute heutzutage eher als Kosmopoliten bezeichnen sollen und Identität vollkommen unnötig ist?

Das wäre toll! Das wäre meine Utopie. Ich versuche das mit der Musik zu leben. Das ist leider noch nicht angekommen, deswegen mache ich ja weiter (lacht). Sonst könnte ich aufhören.

Denkst du, dass deine Musik dabei hilft? Denkst du, dass du mit dieser Message ankommst?

Nein, ich bin medioker. Ich versuche das so gut wie möglich zu machen. Ich liebe das, ich gebe mir Mühe, ich arbeite hart... Ich kann aber die Welt nicht verändern. Ich kann auch die Menschen nicht erziehen. Ich habe so viele Sachen ausprobiert, ich habe Kunst, Grafikdesign studiert. Das, was ich jetzt mache, kann ich am besten. Wir verreisen viel, wir sehen die Welt, wir spielen Konzerte. Das ist super, das reicht mir.

Wo kommt eure Musik am besten an?

Das kann man nicht sagen. Wir spielen jetzt zum Glück wirklich international. Wir haben in Mexiko und Canada gespielt, ist alles super. Es wäre ja schlimm, wenn das so länderspezifisch unterschiedlich wäre. Das Einzige, das ich vielleicht sagen kann, ist das: Wenn du in der Türkei bist, tanzen die Männer besser. Je nördlicher du in Europa kommst, ist der Tanz nur so (nickt mit dem Kopf). Das ist der einzige Unterschied.

Man tanzt also viel auf euren Konzerten?

Ja, es ist eine Tanzproduktion. Es ist nichts Intellektuelles, nichts Akademisches. Es ist sehr primitiv, was ich mache, aber das ist gut. So soll es auch sein. 

Einfach Musik zum Spaß?

Nein, nicht Spaß. Es ist tiefgründig. Sehr tiefgründig und sehr vielschichtig.

Nicht intellektuell, aber tiefgründig?

(kurze Pause) Sagen wir mal, es regt an. Es ist kein Zuhörerkonzert mit einer akademischen Voraussetzung, es ist ein Bewegungskonzert.

Was hörst du privat?

Och, alles Mögliche. Im Moment höre ich eine Band aus Kalifornien, Allah-Las. Die machen Sixties-Surf-Rock. Das ist wie die Frühphase der Beatles.

Inspirieren dich ganz andere Musikgenres auch?

Nein, Musik inspiriert mich gar nicht. Die Ideen sind da. Es kommt immer nur darauf an, wann die rauskommen und wie schnell man zu einem Punkt kommt. Inspiration hast du, die bekommst du nicht. Du kannst nach Asien fliegen – es wird dich nicht inspirieren. Es ist ein Tapetenwechsel, aber Inspiration hast du oder du hast sie nicht. Das unterscheidet einen Künstler von einem Nicht-Künstler: Ein Künstler hat dieses Problem, inspiriert zu sein. Es ist nicht unbedingt praktisch. Wenn du inspiriert bist, hast du diese "Ich gucke jetzt einen Film im Fernsehen" nicht. Das ist unmöglich. Das ist für mich Zeitverschwendung, denn ich könnte jetzt einen Song schreiben oder ich möchte am Arrangement arbeiten oder ich will etwas fotografieren. Du bist inspiriert, das ist ein Zustand. Das kann man nicht lernen, das kann man nicht finden.

Schafft ein Künstler die ganze Zeit?

Er muss nicht produktiv sein, er kann auch Schrott produzieren. Es ist ja nicht immer für die Öffentlichkeit. Du hast aber einen permanenten Output. Es ist wie ein Wasserrohr, das immer tropft. Du willst es reparieren, aber es geht nicht, weil immer woanders ein weiterer Tropfen rauskommt.

Was werden so die nächsten Tropfen sein, die die Öffentlichkeit sehen wird?

Nächstes Jahr gibt es das Projekt Shantology. Das ist ein 30-Jahre-Bühnenjubiläum von mir. Da gibt es eine Box mit vielen Songs von früher, von heute und neue Sachen. Eine Werksausgabe.

Vielen Dank für das Interview!

 

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