BÜCHERBÖRSE

Don't Believe The Hype – Take That, Take That!

Don't Believe The Hype – Take That, Take That! © vagueonthehow (CC BY 2.0)

Ja, es gibt sie noch! Take That melden sich erneut zurück. Wobei, sie fanden sich doch eigentlich schon 2005 erneut zusammen. Und haben seitdem sogar vier Alben produziert! Hat das irgendjemand bewusst mitbekommen? Abgesehen von der Plattenindustrie?

Eine Anekdote zu Beginn. Unlängst wurde meine Wahlisolation während einer Busfahrt jäh unterbrochen. Verantwortlich für die darauf folgende Zwangsteilhabe an der Alltagsakustik öffentlicher Verkehrsmittel zeichnete sich der ermüdete Akku meines Abspielgerätes. Ich befreite meine Gehörgänge also von den schmalzigen, mich bis kurz zuvor mit Musik beschallenden In-Ears. Unversehens klinkte sich mein Gehör daraufhin in den Dialog ein, der sich zwischen dem Mittdreißiger-Pärchen abspielte, mit dem ich mir eine Sitzgruppe teilte:

Er: Hast du schon gehört, dass Take That ("Thek Sed", A. d. A.) dieses Jahr ein neues Album rausbringen?
Sie: Ne. Wow. Ist Robbie Williams denn auch dabei?
Er: Ne.
Sie: Dann will es doch sowieso niemand hören.

Und hier liegt auch schon der Hund begraben. Herr Williams ist der "Advertising space" der Boygroup. Vielleicht ist es auch andersherum. Oder beide stehen in dialektischem Verhältnis zu ihrem jeweiligen kommerziellen Erfolg. Es wäre unfair zu verschweigen, dass bisher Gary Barlow (eines der Bandmitglieder, für alle LeserInnen, die es nicht so mit Namen haben) den Großteil der lyrischen und instrumentalen Kompositionen des ursprünglichen Fünfergespanns übernahm. Auf der anderen Seite hingegen schreibt auch Robbie Williams seine Songs selbst. Mit einer nicht näher differenzierten, konstanten Unterstützung des britischen Produzententitanen Guy Antony Chambers. Ein Schelm, wer Böses denkt.

Das Fehlen von Robbie Williams bemerkt man beim Betrachten des bisher mageren Promomaterials zum kommenden Album "Wonderland" übrigens zunächst gar nicht. Natürlich, der wenig spektakuläre Hintergrund lenkt nicht von den drei zentralen Figuren ab, die sich für die Kamera um eine Bänder von Lebenserfahrung, intellektuellen Tiefsinn und YOLO-haftigkeit sprechenden Mimik bemühen. Aber es droht Verwechslungsgefahr – Gary Barlow ähnelt dem Tatort-Schauspieler und Umweltaktivisten Hannes Jaenicke, Howard Donald sieht heute aus wie ein Verwandter ersten Grades vom bärtigen Willem Dafoe, wie wir ihn aus seiner Hauptrolle im mittelmäßigen Film "The Hunter" (2011) kennen und zum krönenden Abschluss mutet Mark Owen an wie Roger Baptist (unter dem Künstlernamen Rummelsnuff bekannt) nach rapiden Muskelschwund oder wie Martin Sheen nach einem Sturz in den Jungbrunnen. Sieht man die jugendlichen Neunzigerjahre-Gesichter des Trios im Geiste, kann man also durchaus auch Robbie Williams irgendwo hinter diesen Masken des Alters vermuten. Wobei, das nehme ich zurück. Robbie kann ja durchaus mehr Medienpräsenz vorweisen als die übrigen Jungs.

"Wonderland" erscheint am 17. März. Geplant ist eine anschließende Tour durch England, die im Mai beginnt. Ein Großteil der Konzerttickets ist bereits ausverkauft, auf einschlägigen Online-Plattformen sind für schlappe 400-1400% des Originalpreises aber noch immer einige Eintrittslappen erhältlich. Schnäppchen!

Es bleibt spannend, ob sich Take That auf dem kommenden Album musikalisch irgendwie interessant machen können. Die Fanbase, die in den Neunzigern noch hingebungsvoll jeden Ton und jede Schweißperle des damaligen Quintetts schmachtend wegatmete, ist mittlerweile immerhin auch in einem Alter angelangt, in dem sich erste Sympathien zum deutschsprachigen Schlager gemäß deterministischer Fatalität entwickeln. Kokettierten Barlow und Kollegen auf den Vorgängeralben mit dem verkaufsstarken "Irgendwo zwischen traurig und romantisch gedankenverloren"-Pop á la Coldplay, könnten sie mit "Wonderland" womöglich endlich einen Beweis wagen, dass Musik von Boybands teleologische Entwicklung durchleben kann. Das ist aber unwahrscheinlich. Immerhin fuhr man in den vergangenen Jahren mit Singles wie "Shine", "Patience", oder "The Flood" große Erfolge in den europäischen Charts.

"Wie, die Songs sind von Take That?" – Ja, das sind sie. Und wir kennen sie alle. Aus dem Radio. Morgens beim Duschen. Schauen wir also, ob "Wonderland" dafür sorgt, dass diese Information die Kategorie Unnützen Wissens verlassen kann. Ob das Eingestehen der Sympathien für diese Bands das Schattendasein der Scham verlassen und auf eine Ebene der Apologetik musikpräferenzieller Diversität erhoben werden kann.

Vielleicht sehe ich in den Bussen ja bald Mitmenschen mit Take That-Shirts.

Foto: vagueonthehow (CC BY 2.0)

 

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