BÜCHERBÖRSE

Algiers live im B72: All Power To The People!

Algiers live im Wiener B72 © Petra Püngüntzky
Algiers live im Wiener B72

Vergangenen Dienstag statteten Algiers aus Atlanta dem kleinen Wiener B72 einen Besuch ab. Wie nicht anders zu erwarten war das Konzert komplett ausverkauft. Schließlich haben die vier Herren aus Atlanta es mit ihrem aktuellen Album "The Underside of Power" geschafft, den einzigartigen Sound ihres Debuts nochmals weiter zu entwickeln. Die neuen Songs sind immer noch dunkel und werden von düsteren, verzerrten Sounds, sowie der unverkennbaren Stimme von Franklin James Fisher dominiert. Der Einbau von prallen Hip-Hop Beats sowie die Anlehnung an typischere Songstrukturen lässt die Musik jedoch noch eindringlicher wirken, ohne jemals Gefahr zu laufen, in kommerzielle Gefilde abzudriften.

Dies verdeutlichen Algiers noch einmal, als sie die Bühne des B72 betreten, und den Abend mit "Cleveland" aus dem neuen Album einläuten. Der Sound ist wesentlich beatlastiger als auf der Platte. Schlagzeuger Matt Tong tobt sich mit seinem filigranen Schlagzeugspiel aus und setzt einen Konterpunkt gegen die satten Hip-Hop Beats von Ryan Mahan. Spätestens bei den ersten gesungenen Zeilen Fishers staunt das gesamte Publikum im vollgestopften B72. Der Sänger besticht auch ohne sonderlicher Interaktion mit dem Publikum mit einer einzigartigen Bühnenpräsenz und klingt live mindestens genauso gut wie auf den Studioaufnahmen. Daneben bearbeitet Lee Tesche eines seiner selbstgebauten Instrumente, einen Basskorpus mit zwei locker bespannten Metallfedern, mit dem Drumstick, was das Soundbild nur bei genauerer Betrachtung beeinflusst. Der optisch etwas an eine Mischung aus Vampir und Priester aus den Südstaaten der USA erinnernde Gitarrist möchte auf den ersten Blick so gar nicht in das Bild passen, was diese Gruppe jedoch noch besonderer wirken lässt.

Der Opener wird mit einem Meer an noisigen Gitarren beendet, worauf noch mehr Songs aus dem aktuellen Album folgen. "Walk Like a Panther" besticht durch einen unglaublich treibenden und aggressiven Sound und viel Energie. Das Wiener Publikum wird seinem Ruf als zurückhaltende passive Zuschauer ein weiteres Mal gerecht, was jedoch nicht so schlimm ist, da von nun an vergleichsweise ruhigere Songs aus dem Debut folgen. Die Band gibt sich ungemein sperrig und experimentiert sehr viel mit ihrem Equipment herum. Fischer verändert nach jedem zweiten Tastenanschlag die Einstellungen an seinem analogen Synthesizer und Tesche bespielt zu großen Teilen seine Gitarre mit einem Chello Bogen. Es wird viel geloopt und somit ein sehr dichtes Klangkonstrukt erzeugt.

"All Power To The People" ist auf einem Transparent im Hintergrund zu lesen. Zwischendurch gibt es immer wieder gesprochene Samples vom Band, die noch einiges an Atmosphäre hinzufügen. Das Ganze ist sehr beeindruckend, aber auch fordernd. Beendet wird dieser Block mit "Blood", der ersten Single, die Algiers veröffentlich haben. Dieser Track verzichtet gleich auf einen Refrain und besteht aus einem einzigen Spannungsbogen. Während der Song auf Platte schon immer seltsam ungreifbar war, zieht dieser Song einen live beinahe buchstäblich in einen Sog, aus dem man so schnell nicht mehr herauskommt. Wäre da nicht bald darauf das schon am Album starke "Death March". Live spendieren Algiers dem Song ein langes und intensives Ende.

Nach diesem Konzerthighlight erklärt Tesche glücklich, dass die Location zu voll ist, um für eine Pause vor der Zugabe von der Bühne zu gehen, weswegen diese die Zugabe gleich anschließend spielen. Dies ist die erste und letzte sprachliche Interaktion der Musiker mit dem Publikum. Nach dem ruhigen, beinahe als Intro fungierenden "Hymn for an Average Man" beenden Algiers ihr Konzert mit "The Underside of Power", dem Titeltrack des aktuellen Albums. Auch live ist der ungewohnt fröhliche Refrain anfangs irritierend, doch genauso zeigt hier die Band aus Atlanta, dass man bei Ihnen mit beinahe allem rechnen kann.

Genau dieser Umstand macht es auch so spannend, wie ihre musikalische Reise weitergehen wird. Man hat das Gefühl, dass sie beinahe jedes Versatzstück ihrem musikalischen Kosmos hinzufügen können und es passt. Daher kann man sich bereits jetzt auf das nächste Album und auf das nächste Konzert dieser faszinierenden Band freuen.

Bilder: © Petra Püngüntzky

Daniel Shatkin

Musikredakteur

Instagram: shachty

 

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