BÜCHERBÖRSE

Steven Wilson führt das Wiener Gasometer durch sein musikalisches Universum

Wilsons fünftes Soloalbum "To the Bone" erschien im August letzten Jahres © Alive87 (CC BY)
Wilsons fünftes Soloalbum "To the Bone" erschien im August letzten Jahres

Steven Wilson war am vergangenen Mittwochabend im Wiener Gasometer zu Gast und nahm das Publikum mit auf eine spannende Reise durch sein musikalisches Universum.

Bevor Steven Wilson mit seiner fünfköpfigen die Bühne betritt, wird ein Kurzfilm mit dem Titel "Truth" gezeigt, der das Publikum auf den Abend einstimmen sollte. Nacheinander werden Bilder und dazu passend ein das Bild beschreibendes Wort eingeblendet. Die Bilder wiederholen sich nach einer Weile, tauschen jedoch ihre Klassifizierung, wodurch das Gesehene andere Emotionen auslöst. So wird das Soziale Netzwerk, welches anfangs mit "Information" betitelt wird, anschließend mit dem Wort "Love" gekennzeichnet, welches wiederum zuvor mit einem Familienfoto in Verbindung gebracht wurde. Das Familienfoto wird nun jedoch mit dem Wort "Death" bezeichnet. Das Tempo der Abfolge erhöht sich und die Musik wird bedrohlicher. Das ist ein ganz schön starker Einstieg, der erstmal verdaut werden muss.

Die Band betritt jedoch ohne Verzögerung die Bühne und beginnt direkt mit dem sehr poppigen "Nowhere Now" aus dem neuen Album. Man schwelgt noch in dieser nachdenklichen deprimierten Stimmung und hat nicht wirklich Lust auf die vergleichsweise fröhlichen und nicht immer gelungenen Songs des neuen Albums. Spätestens in der Mitte des Songs kann man doch nicht anders, als über die Musik und die wunderschönen Visuals zu staunen. Die Männer um Steven Wilson spielen unglaublich präzise und mit sehr viel Leidenschaft. Sie machen aus einem durchschnittlichen Song etwas ganz Besonderes. Auch der ansonsten nicht gerade berühmte Gasometer-Sound zeigt sich an diesem Abend von seiner besten Seite. Dieser ist wuchtig und rau an den richtigen Stellen, jedoch glasklar genug, um zu jeder Zeit die einzelnen Feinheiten der verschiedenen Instrumente heraus zu hören. Ohne viel Umschweife wird "Pariah", der nächste Song des Albums gespielt. Auch dieser vor Kitsch triefende Song ist alles andere als ein Favorit aus Wilsons Schaffen, doch auch dieses Mal stellt sich sofort Gänsehaut und Staunen ein. Oftmals muss man Alben eben erst live hören, um diese schätzen zu lernen. Bei der aktuellen LP "To The Bone" ist es zumindest teilweise der Fall.

Steven Wilson zeigt sich an diesem Abend sehr gesprächig und humorvoll. An sein letztes Konzert in Wien kann er sich gut erinnern, schließlich hat er kurz vor seinem Auftritt erfahren, dass einer seiner großen musikalischen Helden, Prince, gestorben ist. Aus diesem Grund gibt es auch später extra für Wien ein erstaunlich gelungenes Cover von "Sign '☮' the Times". Höflich wie immer erklärt er, dass der Abend aus zwei Sets mit einer 20-minütigen Pause dazwischen besteht. Wer aufgrund des gesteigerten Popappeals Wilsons neuer Songs befürchtet hatte, dass sich dies auch auf die aktuelle Live-Show auswirkt, wird spätestens beim wahnwitzigen Wechsel von Moog-Synthesizer und Gitarren Soli im folgenden Songdoppel "Home Invasion/Regret#9" aus dem Vorgänger "Hand Cannot Erase" sowohl erleichtert als auch hellauf begeistert sein. Auch an die Fans, die die alten Porcupine Tree Zeiten vermissen, hat der sympathische Brite gedacht und serviert gleich als nächstes "The Creater Has a Mastertape" aus dem 2002 erschienenen "In Absentia". An diesem Abend werden generell noch fünf weitere Porcupine Tree Songs gespielt. Neben "Lazarus" und "Sleep Together", die schon auf den letzten Touren im frischen Gewand präsentiert wurden, finden sich auch durchaus untypischere Songs wie "Heartattack in a Layby" oder "Even Less", welches Wilson sogar komplett alleine darbietet und dieses seinen Fans der ersten Stunde widmet, die ihn bereits so lange auf seiner Musikalischen Reise begleiten.

Über all diesen Porcupine Tree Neuaufgüssen thront jedoch jener von "Arriving Somewhere but Not Here" aus dem 13 Jahre alten "Deadwing". Bereits im Vorfeld der Tour teaserte Wilson einen kurzen Ausschnitt aus den Proben dieses Songs und erhöhte die Vorfreude unzähliger Fans auf diesen Abend. Das zweite Set wird also mit diesem Meisterwerk eines Songs begonnen. Auch wenn das aktuelle Album bei den meisten Fans vergleichsweise nicht so gut ankommt, muss gesagt werden, dass die Live Darbietungen von Songs wie "Song of I", "The Same Asylum as Before" und besonders das großartige emotionale "Refuge" es mit diesem Urgestein überaschenderweise doch aufnehmen können.

Wieso Wilson jedoch als erfahrener Schreiber langer Songs dem 10-Minütigen "Detonation" keinen Spannungsbogen spendiert hat, ist immer noch ein Rätsel. Auch mit dem an Abba erinnernden "Permanating" fiel es schwer, sonderlich warm zu werden, auch wenn Wilson davor auf sympathische Weise minutenlang erklärt, dass es ihm sehr wichtig war, solch einen Song zu schreiben, und er es liebt, ihn zu spielen. Das ist jedoch Kritik auf wirklich sehr hohem Niveau, denn bis auf diese zwei kleinen Kritikpunkte war diese zweieinhalbstündige (exklusive Pause) Reise durch das musikalische Universum Steven Wilsons einfach atemberaubend. Selbstverständlich haben wichtige Songs gefehlt, aber bei den etwa 50 Alben, an denen der Brite kreativ beteiligt gewesen ist, sollte das niemanden überraschen. Die Bandbreite an Einflüssen und Stilen in Wilsons zahlreichen Songs, die stets zu 100 Prozent seine DNA als Songwriter tragen, ist schlichtweg überwältigend und man darf gespannt sein, womit dieser uns die nächsten vielen Jahre noch begeistern wird.

Foto: © Alive87 | flickr (CC BY)

Daniel Shatkin

Musikredakteur

Instagram: shachty

 

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