TRAINEEPROGRAMME

Son Lux fordern und belohnen ihre Besucher in der Wiener Arena

Son Lux live in der Wiener Arena © Petra Püngüntzky
Son Lux live in der Wiener Arena

Vergangenen Donnerstag hat die Genregrenzen sprengende Band Son Lux Halt in der großen Halle der Wiener Arena gemacht. Das Trio ist momentan im Rahmen seiner "Bright Wounds"-Tour unterwegs und macht es Zuhörenden zugleich sehr schwer und sehr leicht, sie zu lieben.

Son Lux betreten um Punkt 22 Uhr die in stilvolles Licht gehüllte Bühne. Dumpfe Synthieflächen, die gut zu den dicht beleuchteten Rauchschwaden passen, erklingen. Dazu haucht Bandmastermind Ryan Lott wiederholend die hoffnungsvoll deprimierenden Worte "I had wanted a better world for you. If I can't bear to see it through, can you?" ins Mikrofon. Das aktuelle Album "Brighter Wounds" widmet der amerikanische Musiker seinem vor kurzem geborenen Sohn. Man merkt der Platte sehr stark an, dass es thematisch weitaus persönlicher ausgefallen ist als vorangehende Werke. Während man sich selbstverständlich über eine gewisse Nahbarkeit des Künstlers freut, muss jedoch auch festgestellt werden, dass die bekannten musikalischen Experimente, für die das seit 2015 zum Bandprojekt herangewachsene Gefüge, bis auf einige Lichtblicke beinahe ausgelassen wurden. "Brighter Wounds" fühlt sich nach dem mit frischen musikalischen Ideen vollgestopften "Bones" wieder mehr nach einem Soloalbum Lotts an, was sich besonders in der ersten (eher verhaltenen) halben Stunde des knapp 90-minütigen Auftritts von Son Lux widerspiegelt. Songs wie "The Fool You Need" oder "Labor" sind leider auch live nicht sonderlich aufregender als in der Studio-Version. Der schmerzlich unterforderte Rafiq Bhatia scheint kurz davor zu sein einzuschlafen, und das Schlagzeug-Solo von Ian Chang bei "Surrounded" leidet auch unter einer gewissen Blutleere.

Die Ernüchterung endet jedoch ab "Stolen" aus der im Vorjahr erschienen EP "Remedy". Hier spürt das Publikum, dass die gesamte Band an der Aufbereitung des Songs beteiligt gewesen ist, was sich mehr als bezahlt macht. Irgendwie schaffen es die drei Herren, Lotts melancholischen Gesang mit Changs komplexen Rhythmuswechseln und Bhatias furiosem, sehr jazzlastigen Gitarrenspiel zu verbinden, und es als Einheit zu präsentieren. Das Dreiergespann scheint nun endlich erwacht zu sein und leiten weiter in "You Don't Know Me" ein, das abermals für verkopften Spaß sorgt.

Mit diesem Genregrenzen sprengenden Mix haben sich die drei Amerikaner in den vergangenen Jahren einen Ruf als exzellente Live-Band verdient, dem auch in Wien erstaunlich viele Leute gefolgt sind. Schon im Vorfeld wurde das Konzert von der kleinen Halle der Arena in die große verlegt, und diese wurde im Endeffekt beinahe ausverkauft. Wenn man bedenkt, dass dieselbe Band vor zwei Jahren noch im spärlich besuchten Flex Café spielen musste, darf man durchaus positiv verwundert sein. Immerhin sind die größten kommerziellen Hits "Easy" und "Lost It To Trying" bereits 2013 auf "Lanterns" erschienen.

In der Wiener Arena wurden die ruhigen Songs leider durch die Gespräche anderer Konzertbesucher gestört. Besonders ärgerlich war das bei "Aquatic", bei dem Ryan Lott zuvor extra erwähnen musste, leise zu sein, da dies ein sehr persönlicher Song für ihn sei und es ihm schwer falle, diesen zu singen. So viel Respekt sollte man einem Künstler auf der Bühne schon erweisen können. Besonders wenn dieser so sympathisch ist wie in diesem Fall.

Kurz vor Ende des Sets spielen Son Lux "Dream State", die Vorab-Single und den Lichtblick des aktuellen Albums. Die Nummer ist ein weiteres Beispiel dafür, wie spannend diese einmalige Mischung aus eingängigem Pathos und wahnwitzigen rhythmischen Verschiebungen ist, welche die Band einzigartig macht. Die drei Musiker haben sichtlich Spaß daran, den an sich schon komplexen Song aufzubrechen und zahlreiche Versatzstücke aus der Musikgeschichte hinzuzufügen. Das alles ist natürlich sehr nerdig, aber eben auch spannend und einnehmend. So fordernd und zugleich belohnend kann Musik sein. Möglicherweise etwas übertrieben haben Son Lux es jedoch mit der Live-Version ihres größten Hits "Lost It To Trying". Nach zwei Minuten wunderschöner Eingängigkeit, die bei ihren Songs nicht selbstverständlich ist, entscheiden sie sich dazu, ihren Hit zu dekonstruieren und Parts aus dem aktuellen Album einzubauen oder zu überlagern. Hie und da hört man wieder ein bisschen "Dream State", dann wieder den Refrain aus "Forty Screams". Der Weg des typischen Hits ist für die drei Ausnahmemusiker wohl etwas zu einfach und langweilig, was diese Band umso sympathischer und einmaliger macht.

Bilder: © Petra Püngüntzky

Daniel Shatkin

Musikredakteur

Instagram: shachty

 

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