TRAINEEPROGRAMME

Long Distance Calling lassen ihre musikalischen Muskeln spielen

Long Distance Calling lassen ihre musikalischen Muskeln spielen © Stéphane Gallay (CC BY)

Vergangenen Freitag spielten die Instrumentalrocker Long Distance Calling im Wiener B72 ein Konzert im kleinen Rahmen als Teil ihrer "Boundless"-Tour. Die Band bestach mit ihrer unverkennbaren Spielfreude und ihrem musikalischen Können.

Die vier Münstner betreten mit ihren Instrumenten bewaffnet die kleine Bühne des B72 und starten ohne Zeit verstreifen zu lassen mit "Ascending", dem zweiten Song des im Februar erschienenen Albums "Boundless". Der Sound ist druckvoll und die Band gut gelaunt. Sofort fällt auf, dass die mittlerweile zu einem Vierergespann geschrumpfte Band wahnsinnig gut eingespielt ist und sichtlich sehr viel Freude am gemeinsamen Musizieren hat. Die gesamte Stimmung und der Druck der Darbietung profitiert sehr stark von der kleinen Größe der Location.

Als zweiter Song des Abends folgt "The Figrin D'an Boogie" aus ihrem selbstbetitelten dritten Album. Im ruhigen, sehr jammigen Mittelteil der Nummer fällt bereits der Verlust eines Keyboarders in der Formation auf. Auf das leicht jazzig angehauchte Keyboard, das dem Song hilft, das gewisse Etwas zu verleihen, wird komplett verzichtet. Long Distance Calling haben sich nach diversen Experimenten mit Keyboardern und Sängern entschieden, wie in ihren Anfangstagen als klassische Rockformation – bestehend aus zwei Gitarren, einem Bass und einem Schlagzeug – aufzutreten. In Interviews werden sie nicht müde zu betonen, wieviel freier sie sich jetzt auf der Bühne fühlen. Doch gerade der Part dieses Songs zeigt, dass die Entscheidung nicht nur positive Seiten vorzuweisen hat. Ironischerweise fällt auf, dass besonders bei Stücken des neuen Albums erstaunlich häufig elektronische Elemente vom Band kommen. Trotz dieser kleinen Kritik verwandelt sich "The Figrin D'an Boogie" spätestens ab dem bluesigen Riff nach dem Mittelteil zu einem frühen Konzerthighlight.

Nach ihren ersten drei Studioalben verließ Long Distance Callings damaliger Keyboarder die Band. Daraufhin entschieden sich die Musiker aus Münster mit Martin Fischer erstmals einen Sänger als fixen Bestandteil der Band einzustellen. Diese Entscheidung resultierte darin, dass die zwei darauffolgenden Alben "The Flood Inside" und "Trips" zur Hälfte Songs mit Gesang sind, die teilweise sehr wenig mit dem früheren Sound und dem Songwriting zu tun haben. Es muss jedoch gesagt werden, dass dieser Stilwechsel zumindest teilweise sehr gute Songs offenbart hat wie beispielsweise "Middleville" oder "The Man Within".

Nach dem Weggang Fischers und dem Versuch mit anderen Sängern geht es Long Distance Calling jetzt merklich darum zu zeigen, dass sie weder Gesang, noch andere Zusätze brauchen, um gute Shows spielen zu können. Dies gelingt der wahnsinnig gut eingespielten Band größtenteils auch sehr gut. Besonders hervorzuheben ist hier der Mitteilteil des Abends, der mit dem absoluten Kracher "Black Paper Planes" eingeleitet wird. Die Musiker zeigen, wieviel Spaß ihre hypnotischen sich wiederholenden Riffs machen können. Das Ganze ist unglaublich dicht und grooved sehr stark. Spätestens wenn der meisterhafte Lead Gitarrist David Jordan seine wahnwitzigen Licks und Solos spielt, kommt das Publikum aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf den letztgenannten Song trifft "Out There", der beste Song des aktuellen Albums "Boundless", dem wiederum "Into The Back Wide Open" folgt, der wahrscheinlich beste Song der Bandgeschichte.

Als nach etwas mehr als einer Stunde die letzten Klänge von "Into The Back Wide Open" verhallen, hat man genau genommen alles gehört, was der momentane musikalische Kosmos der Band zu bieten hat. Es folgen zwar noch einige Songs, mit denen Band den Zuhörenden einen insgesamt zwei Stunden langen Abend an instrumentalen Hochgenuss beschert. Nach einiger Zeit fällt allerdings auf, dass sich die Themen und Motive im Backkatalog der Band teilweise schon wiederholen. Es gibt hier und da Highlights wie das bleischwere "Acrecribo", das sehr postrockige und atmosphärische "Apparations" sowie der Zugabe "Beyond The Void". Etwas mehr Abwechslung oder eine kürzere Spieldauer hätte dem Abend jedoch sicherlich sehr gutgetan.

Der musikalische Befreiungsschlag in Form ihres neuen Albums ("Boundless") ist zwar zweifelsfrei sehr wichtig für die Band. Um nachhaltig begeistern zu können, sollten sich Long Distance Calling aber überlegen, wie sie wieder neue Elemente in ihre Musik einbauen könnten. Nichtsdestotrotz kann man mit einem Konzert dieser Band wirklich nicht viel falsch machen.

Foto: © Stéphane Gallay | isa_lias (CC BY)

Daniel Shatkin

Musikredakteur

Instagram: shachty

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook