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AnnenMayKantereit im Interview

Vielleicht nervt's uns ja irgendwann - AnnenMayKantereit im Interview Foto: (c) Martin Lamberty
Vielleicht nervt's uns ja irgendwann - AnnenMayKantereit im Interview

Als 2016 „Alles nix Konkretes“ erschienen ist, das erste Album von AnnenMayKantereit, konnte die Band bereits zuvor große Erfolge feiern. Im September ist endlich das Nachfolgewerk „Schlagschatten“ erschienen, das sie live auf einer kleinen Club-Tour präsentiert haben, bevor es im Frühling und Sommer wieder auf große Tour geht. Christopher Annen und Malte Huck verraten uns im Interview warum sie so authentisch sind und wieso niemand über ihre sexuelle Orientierung Bescheid wissen soll.

„Schlagschatten“ ist euer 2. Studioalbum. Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen, den ihr sicher verspürt habt?

Christopher: Wir haben vor allem Musik gemacht. Das ist eigentlich das Einzige, was man tun kann. Es war klar, dass wir erstmal Songs schreiben müssen. Wir haben uns hingesetzt und sind es einfach angegangen. Wir haben versucht, es so gut es ging auszublenden. Das hat eigentlich ganz gut geklappt … streckenweise (lacht).

Streckenweise? Gab es Krisen zwischendurch?

Malte: Klar, immer mal wieder. Sowohl individuelle als auch zusammen.

Wie lang hat der gesamte Prozess gedauert, das Schreiben und Aufnehmen? Habt ihr die Songs zwischendurch geschrieben oder während euren Tourneen?

Christopher: Wir haben etwa elf Monate, von November 2017 bis September/Oktober 2018 Zeit gehabt. Am Anfang hatten wir noch sehr wenige Songs und haben dann größtenteils in der Zeit im Proberaum geschrieben.

In euren Texten geht es oft um das Bedauern, dass sich im Lauf der Zeit vieles ändert. Ist Veränderung für euch etwas Schlechtes? Was war früher besser als heute?

Malte: Ich glaube gar nicht, dass es so viel darum geht, dass Dinge sich verändern und wir das schlecht finden. Natürlich geht’s viel um Sachen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Aber wir machen das mit dem Blick von heute, wie es uns heute damit geht. Wir sind eher das Gegenteil von Leuten die sagen: „früher war alles besser und alles Neue ist blöd“. Von unserem Wesenszug her sind wir eher das Gegenteil: alles was neu und offen ist, das ist gut. Und was früher besser war... Die kleinen Sachen, die man kritisch sieht. Dadurch, dass jeder ein Smartphone hat, waren die Leute früher vielleicht weniger abgelenkt oder mehr daran interessiert, sich zu unterhalten. Aber in dem Moment, in dem man sich so etwas bewusst macht, kann man auch aktiv dagegen angehen und sagen „ja, dann leg ich's halt mal weg“ oder auch: „ich hab aber grad Lust drauf in meinem eigenen Film mit meinem Handy zu sein“. Das kann jeder machen wie er oder sie will.

Weil du gerade Handys ansprichst: im Song „Du bist überall“ appelliert ihr daran, nicht das halbe Konzert mit dem Handy festzuhalten. Bewirkt das etwas?

Christopher: Ich hab schon das Gefühl, dass bei uns relativ wenige mitfilmen. Klar passiert es immer mal wieder. Aber mir fällt auf, dass es richtig selten vorkommt, dass die Leute da mit ihren Handys stehen. Es fuckt halt ab, wenn man auf der Bühne steht und die ganze Zeit nur Handys sieht. Es ist einfach eine ganz andere Atmosphäre und eine andere Stimmung, wenn die Leute einen wirklich angucken – mit ihren Augen – und sich dazu bewegen. Das macht schon viel mehr Spaß. So geht es vor allem Dingen um uns, das sind unsere Songs und wir haben mehr Bock, wenn nicht alle aufs Handy gucken.

Ihr habt euren eigenen, unverkennbaren Stil und eure Alben klingen stilistisch ähnlich. Habt ihr manchmal Lust, etwas ganz anderes zu machen?

Christopher: Auf dem neuen Album haben wir schon ein paar neue Sachen gemacht: wir haben mal Chöre dabei, Henning spielt Ukulele und so weiter. Ich denke, da haben wir uns an ein paar neue Sachen herangetraut. Aber eine ganz andere Richtung … weiß ich nicht. Wenn sich das gut anfühlt, dann machen wir das. Wenn wir alle sagen: „wir haben jetzt Bock, eine Oper zu schreiben“, dann würden wir uns dransetzen und eine Oper schreiben (lacht).

Malte: Ich glaube, es unterscheidet sich auch, ob man uns vier fragt oder jeden einzelnen. Oder ob man das Projekt AnnenMayKantereit meint oder das, was wir sonst noch nebenher machen.

… also wenn, dann eher ein anderes Projekt oder unter einem anderen Namen?

Malte: Wir sehen das nicht so eng. Es ist nicht so, dass es nur Annenmaykantereit gibt und da unser ganzer musikalischer Output reingeht. Jeder trifft sich auch mit anderen Leuten und macht halt einfach Musik. Aber natürlich ist Annenmaykantereit halt immer das, was alle mitbekommen. Wir hören ja auch nicht nur eine Musikrichtung. Aber das ist die, die wir zu viert am meisten fühlen. Es wird sich zeigen, ob wir auf dem 3. Album damit irgendwie brechen wollen. Vielleicht nervt's uns ja irgendwann. Aber jetzt grade noch nicht.

Deutschsprachiger Pop/Rock ist seit einigen Jahren extrem populär. Viele machen sich aber auch lustig darüber – Stichwort Jan Böhmermann. Wie steht ihr zu so etwas?

Malte: Ich finde das super, dass sich da jemand drüber lustig macht (lacht). Außerdem kommt es immer darauf an, was man mit deutschem Pop/Rock meint. Wenn ich an deutschen Pop denke, dann ist das auf jeden Fall etwas, wo ich uns nicht dazu zähle. Im deutschen Pop kommt natürlich sehr viel, aber da kommt halt auch sehr viel nicht so geiles. Deshalb ist Jan Böhmermanns Persiflage da auch angebracht. Wenn man mit deutschem Pop so Sachen meint wie Von Wegen Lisbeth, Die Nerven oder Bilderbuch, dann zähle ich uns da gerne dazu. Wenn man jetzt Tim Bendzko oder Andreas Bourani meint, dann würde ich sagen, dass ich uns nicht in der Kategorie sehe. Aber ich weiß natürlich nicht, wie das für Außenstehende ist.

Ich sehe das auch so, aber da ihr selbst oft in der Kritik steht und nicht ernstgenommen werdet ….

Malte: Ja, man muss das ja auch nicht immer alles so ernst nehmen. Manchmal schreibt man auch Lieder, die meint man in dem Moment ernst, aber 2 Jahre später denkt man sich auch „ja gut, das seh ich heute anders“.

Ihr benutzt Social Media wie wenige andere. Wie wichtig ist das heutzutage, um bekannt zu werden und zu bleiben?

Christopher: Ich denke, dass das ein sehr gutes Tool ist, um sich zu verbreiten. Wir haben das vor allem am Anfang ganz viel gemacht, haben YouTube-Videos hochgeladen und eine Facebook-Gruppe gemacht. Wir hatten ohne große Promotion und ohne großen Partner plötzlich eine unfassbar große Reichweite. Dafür ist es supergut. Auch dass jeder Künstler und jede Künstlerin einfach was auf Spotify hochladen kann und das dann im Orbit ist, das ist schon supercool, weil das vielen Leuten eine Möglichkeit gibt. Solange man sich damit wohlfühlt und nicht anfängt Privates preiszugeben, weil man denkt, man müsste das jetzt machen, ist das eine sehr gute Möglichkeit, sich zu verbreiten.

Wie viel Content stammt von euch selbst?

Christopher: Eigentlich fast alles. Mittlerweile postet natürlich auch unserer Management schnell mal etwas, zum Beispiel zur Albumankündigung. Aber ich schätze, dass rund 95 % von unseren Handys kommt.

Malte: Wir haben auch alle private Accounts. Von daher machen wir natürlich alles selber. Während der Albumproduktion waren wir im Studio, wollten aber auch währenddessen etwas darüber erzählen. Wir hatten dann Fotografen dabei, mit denen wir zusammen Material ausgesucht haben. Diese Unterstützung brauchen wir in diesen Momenten unbedingt. Es ist ein Tool, aber es ist nicht unsere Leidenschaft, uns hinzusetzen und einen Post zu machen – dafür machen wir nicht Musik (lacht). Jetzt auf Tour macht es Spaß, sowas nebenbei zu machen. Dann sitzen wir im Bus, reden darüber und es ist kein Stress. Aber während einer Albumaufnahme will man, dass so viel wie möglich in das Album reinfließt, immerhin touren wir die nächsten 50 Jahre damit (lacht).

Bei euren Fans geltet ihr als sehr authentisch. Wie erreicht man das und wie wichtig ist das für euren Erfolg?

(überlegen lange) Christopher: Für uns ist das wichtig, aber das sag ich jetzt auch nur, weil wir das die ganze Zeit von außen gesagt bekommen (lacht). Bei uns ist es einfach so, dass wir es nicht anders könnten. Wir haben uns nicht bewusst dafür entschieden, sondern haben einfach keinen Bock, irgendwas Großes zu inszenieren. Deshalb machen wir das jetzt einfach. Wir haben auch keine krassen Bühnen-Outfits, sondern sind auch sonst so wie wir auf der Bühne sind.

Malte: Aber es ist ab dem Punkt schwierig, an dem man das so oft gesagt bekommt. Authentizität gehört ja auch zur Inszenierung. Am authentischsten sind wir immer noch, wenn wir nicht auf der Bühne sind und uns 1000 Leute anschauen oder wenn du vor uns sitzt und uns Fragen stellst, sondern natürlich wenn wir zu viert im Bus hängen und nichts passiert. Deshalb ist es schwierig zu sagen, ob uns das wichtig ist. Was ist denn überhaupt Authentizität? Wenn wir zum Beispiel große Arschlöcher wären, wäre es dann immer noch gut, wenn wir authentisch sind? Würden die Leute dann auch sagen „och Mann, das ist aber authentisch. Der ist genauso ein Arschloch wie er sonst auch ist“? Oder ist es nur in dem Moment gut, authentisch zu sein, wenn man halt ein Image hat, wie wir es haben? Wir haben ein sympathisches Image, und das ist auch schön. Aber vielleicht nervt's uns ja irgendwann.

Was macht ihr dann?

Malte: Dann machen wir was ganz anderes. (alle lachen)

UNIMAG ist ein Studenten-Magazin, daher die Frage: Wenn ihr heute zu studieren beginnen würdet, was wäre es?

Malte: Ich glaube, ich würde Psychologie machen. Das finde ich interessant. Aber wahrscheinlich würde ich schon nach einem Monat sagen, dass mir das zu viel Lernerei ist.

Christopher: (lacht) Genauso hab ich das auch gemacht! Ich hab einen Monat Psychologie studiert.

Wenn ihr mit 80 Jahren auf eurer Veranda sitzt und an euer Leben denkt, was sind dann  Dinge, auf die ihr zurückblicken wollt?

Malte:  Erstmal sind wir froh, dass wir dann noch am Leben sind (beide lachen).

Christopher: Drei Mal auf Holz geklopft!

Malte: Die Momente, auf die ich zurückblicken möchte, die kommen alle noch.

Christopher: Da kommen sicher noch einige, darauf hoffe ich auch. Ich würde mich aber auf jeden Fall an die Zeit jetzt grad gern zurückerinnern.

Malte: Das wird natürlich einer der größten Teile sein, was wir jetzt machen. Darüber hinaus hoffe ich, dass ich dann noch gute Leute um mich habe und dass man gesund ist.

Christopher: Ich will auf jeden Fall noch mit 80 mit euch auf der Veranda sitzen und mir gemeinsam mit euch einen reinstellen. (lacht)

Malte: … und ein Konzert im Jahr spielen …

Christopher: … wo die Leute zu einem kommen und im Schaukelstuhl sitzen (lachen).

Danke für das Interview!

 

 

Elisabeth Voglsam

Ressortleiterin Musik & Events
Fotografin & Redakteurin

Twitter: @EVoglsam
Instagram: vogigram_vie

elisabeth.voglsam (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: September 2012

Webseite: www.flickr.com/photos/lilacsky
 

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