BÜCHERBÖRSE

Peter Heppner im Interview

  • geschrieben von Sabine Pusswald
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peter heppner c-mathias bothor„Es tut alles noch genauso weh wenn es weh tut und es ist alles noch genauso schön wenn es schön ist.“ UNIMAG traf Peter Heppner anlässlich seines 25-jährigen Bühnenjubiläums und seiner neuen Soloplatte „My Heart of Stone“ zum Interview und sprach mit ihm über künstlerische Verantwortung, musikalische Freundschaften und politische Kritik.


Erstmal, wie geht es dir?
Am Ende des Interviewtages das zu fragen... (schmunzelt) Aber ich beziehe es mal nicht auf den Augenblick. Mir geht es wunderbar. Ich bin in Wien und das Wetter ist schön. Ich würde gerne mehr von Wien sehen, leider muss ich heute Abend schon wieder nach Hause fliegen. Aber ich werde demnächst mal wieder mehr Zeit hier verbringen. Wien ist einer der Städte in Europa, die gerne besichtigen möchte und ich werde es auch irgendwann mal machen.

 

Die Songs auf deiner neuen Platte sind sehr gefühlvoll, da ist alles mit dabei von Melancholie bis Heiterkeit. Im Kontrast dazu steht der Albumtitel „My Heart of Stone“. Wie ist die Vorgeschichte dazu?
„My Heart of Stone“ darf nicht als Antwort oder Feststellung angesehen werden, sondern als Frage. Ich beschäftige mich schon seit 25 Jahren mit ganz ernsthaften Dingen und traurigen Themen. Das sind eben auch die Themen, von denen oft gesagt wird, sie würden das Herz versteinern lassen. Die Platte war der Versuch herauszufinden was da denn dran ist. Für mich war die Frage wie versteinert ich denn bin mit 25 Jahren Kunst auf dem Buckel. Die Antwort ist, dass ich nicht sehr versteinert bin. Es hat sich auch nicht viel geändert. Darüber bin auch sehr glücklich. Letztendlich ist es auch eine eigene Entscheidung ob man selbst verhärtet. Man kann sich auch dagegen entscheiden und sozusagen gefühlvoll bleiben. Diese Erkenntnis habe ich aus der Platte gezogen.

 

Ist es dir schwer gefallen zu dem Punkt zurückzukehren, an dem man wieder mehr Gefühle zulässt?
Das ist mir eigentlich gar nicht schwer gefallen. Ich habe auch gemerkt, dass ich von diesem Pfad nie so richtig abgekommen bin. Der Fokus hat sich verändert, ich habe mir ein paar andere Sachen angesehen. Man verzettelt sich technisch ein bisschen, aber ich selbst habe mich gar nicht verändert. Es tut alles noch genauso weh wenn es weh tut und es ist alles genauso schön wenn es schön ist. Das ist eine positive Sache. Ich habe ja auch gesagt, es ist eine eigene Entscheidung abzuhärten oder Dinge nicht mehr an sich herankommen zu lassen. Das passiert nicht automatisch.

 

Du singst abwechselnd auf Deutsch und auf Englisch. Wie entscheidest du welche Sprache die richtige für ein Lied ist?
Das ist die Frage, die mir am meisten gestellt wird. Lustigerweise habe ich keine Antwort darauf. Ich mache das einfach nach Bauchgefühl. Ich vermute, dass es mit den verschiedenen Sprachmelodien zu tun hat, da jede Sprache hat ihre eigene Melodie hat. Englisch und Deutsch unterscheiden sich dabei sehr. Im Englischen gibt es zum Beispiel sehr viel mehr kurze Worte. Die Mehrheit der Worte besteht aus ein bis zwei Silben. Im Deutschen fängt es ab drei Silben überhaupt erst an interessant zu werden. Dazu kommt auch noch, dass Deutsch einen sehr spezifischen Klang hat der gerade in Musik ganz schwer anzuwenden ist. Es ist schwieriger damit zu arbeiten wegen solcher Worte wie zum Beispiel „Leidenschaft“. Was reimt man darauf? „Einzelhaft“ oder so. Dabei müsste man gerade so ein Wort wie „Leidenschaft“ ständig benutzen wenn man lyrisch arbeitet. Es ist ein ganz tolles Wort, eines meiner Lieblingsworte der deutschen Sprache. Aber es lässt sich schwer umsetzen. Ab und zu gelingt das, auch mit anderen Worten die ähnlich schwierig sind, aber das ist im Englischen viel einfacher. Das ist einer der Gründe warum ich viel mehr englischsprachige Musik mache. Dann kommt noch die unterschiedliche Sprachmelodie dazu. Ich finde es schon schön beide Sprachmelodien benutzen zu können. Es ist eine Melange, die letztendlich zur Entscheidung über die Sprache führt. Ich beginne in der Regel mit der Instrumentalmusik und danach fange ich an die Gesangsmelodie zu machen. Dabei ergeben sich die ersten Textbausteine. Da wird auch klar wohin es inhaltlich gehen soll und danach fange ich erst mit der konkreten Textarbeit an. Das Gefühl ob ich das Lied auf Deutsch oder auf Englisch singen werde stellt sich bei mir unbewusst ein. Es könnte durchaus vorkommen, dass ich ein rein deutschsprachiges oder rein englischsprachiges Album mache.

 

Gehst du systematisch an das Komponieren von Liedern ran?
Eher nicht, ich gehe sehr gefühlsmäßig ans Komponieren ran. Für mich ist das Instrumentalstück eines Liedes die Basis oder das Fundament auf das ich das Haus setze. Davon lasse ich mich inspirieren und überlege mir was als Gesang dazu passen könnte. Das klingt zwar sehr systematisch, im Grunde mache ich das aber komplett nach Gefühl. Kalkulierte Überlegungen gibt es da nicht. Ich habe aber auch schon die ein oder andere Auftragsarbeit angenommen. Da muss man schon gezielter an die Sache rangehen, aber auch da kann ich mich nicht im Vornherein darauf festlegen was es am Ende werden wird. Eine relativ bekannte Auftragsarbeit ist ‚Wir sind Wir’ (Anmk. d. Red.: mit PAUL VAN DYK) Zum 50. Jubiläum vom Wunder von Bern, als Deutschland 1954 die WM gewann, gab es den Auftrag an PAUL VAN DYK den Titelsong für einen Fernsehbericht darüber zu schreiben. Er konnte sich das nur mit mir vorstellen und holte mich ins Boot. Ich fand den Auftrag sehr interessant aber auch schwierig. Ich habe sowohl Paul als auch der Produktionsfirma gesagt, dass ich nicht der Richtige bin wenn sie eine Fußballjubelhymne wollen. Ich wollte etwas dazu beitragen was das Wunder von Bern bei uns ausgelöst hat, in welcher Zeit es passiert ist und warum es überhaupt das Wunder von Bern ist. Wie das konkret aussehen sollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Letztendlich habe ich so gearbeitet wie ich es auch sonst immer mache und was sich richtig angefühlt hat, habe ich dann auch gemacht.

 

2004 gab es heftige politische Kritik für ‚Wir sind Wir’. Fühlst du dich dadurch als Künstler persönlich verletzt?
Ich fühle mich als Künstler nur dann persönlich verletzt, wenn man mich persönlich verletzen möchte indem man zum Beispiel sagt, dass das was ich mache keine Kunst sondern Scheiße ist. Das verletzt mich schon, weil ich in meine Musik viel Herzblut reinstecke. Aber wenn eines meiner Lieder eine Diskussion erzeugt, finde ich das super. Das meine ich nicht aus Marketinggründen, sondern das ist ja das was Kunst soll. Wenn Kunst nichts bewegt, dann soll es sie auch nicht geben. Dann ist sie letztendlich überflüssig. Wenn ich mich als Künstler hinstelle und 2004 so ein Lied mache und nicht weiß, dass es eine Diskussion geben wird, bin ich dumm. Aber wir waren politisch ja nicht angreifbar. Ich habe Deutschland nicht verherrlicht und gesagt dass alles toll ist. Ganz im Gegenteil, ich habe gesagt dass wir nur das sind was sich gerade auf diesem Fleck Erde befindet und mehr nicht. Da steckt keine höhere Idee dahinter, sondern wir sind einfach die Menge von Leuten die gerade hier sind. Dazu zählen nicht nur die Deutschen, sondern auch alle anderen, weil sie das Leben in Deutschland mitgestalten. Zwei Jahre später, als in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft stattgefunden hat, hingen deutsche Fahnen aus den Fenstern und es war kein politisches Statement. Es war einfach eine Weltmeisterschaft und mehr auch nicht. Jetzt findet ‚Wir sind wir’ niemand mehr politisch aufregend, wir waren nur schon zwei Jahre vorher da.
UNIMAG: Dein neues Album klingt vielmehr nach einer Soloplatte als dein erstes Album „Solo“. Würdest du das so unterschreiben?
Ja, es ist auch mehr eine Soloplatte. Bei der vorherigen Platte habe ich an der Musik sehr wenig mitgearbeitet. Ich habe mich fast ausschließlich auf die Gesangsmelodien, die Texte und die Produktion beschränkt. Bei dieser Platte habe ich auch von Anfang an beim Musikmachen mitgemacht. Deswegen finde ich es nicht verwunderlich, dass du das jetzt so sagst.

 

Die aktuelle Single ,Meine Welt’ gibt es auch als Kinderversion. Wie kam es dazu?
Mein Familienkreis und mein Bekanntenkreis haben das Lied relativ früh zu hören bekommen und zwei Mädchen haben mich gefragt ob sie denn bei mir singen dürften. Ich habe tatsächlich vorher schon darüber nachgedacht eine Kinderversion von dem Stück zu machen. Ich hatte mich aber dagegen entschieden, weil es ja nicht wirklich ein Kinderlied ist. Es tut so als wäre es ein Kinderlied und an einigen stellen merkt man das auch. An der Zeile „Du wirst nun sagen dass das grenzenlos naiv ist ...“ merkt man schon dass es nicht so ganz Kinderlied sein kann. Ganz besonders merkt man es an der Zeile „Und die Liebe ist rot und der Hass schwarz wie der Tod“, das würde ein Kind so nicht sagen. Das kommt nicht aus einem Kindermund. Deswegen dachte ich eine Kinderversion würde das Missverständnis fördern, dass es sich dabei um ein Kinderlied handelt. Als ich dann aber gemerkt habe dass diese beiden Mädchen das so richtig wollen, haben wir es einfach gemacht. Die waren echt richtig toll, innerhalb einer Stunde konnten wir das Lied einsingen. Die haben mit einem unglaublichen Enthusiasmus und hochkonzentriert daran gearbeitet. Das ist bei einer Achtjährigen und einer Elfjährigen echt erstaunlich. Sie haben das auch mit sehr viel Spaß eingesungen. Als wir dann fertig waren, war die Frage ob ich es auf die Platte bringe oder nicht gar nicht mehr da.

 

Gute Entscheidung.
Ja finde ich auch. Nur eine Sache habe ich bei der Kinderversion geändert. Die Zeile „Die Liebe ist rot und der Hass schwarz wie der Tod“ habe ich die beiden nicht singen lassen. Da hätte ich das Gefühl gehabt, ich würde ihnen etwas in den Mund legen was da nicht hingehört. So ist es auch schlüssiger für die Kinder wie ich finde.

 

Mit ‚Wir sind Wir’ hast du schon angesprochen, dass du kein typisches Fußballjubelhymnenlied machen willst. Was würdest du davon halten, wenn ‚Alles klar! - Lied für Wettkämpfe’ das EM-Lied oder Olympia-Lied 2012 werden würde?
Wir haben uns sogar teilweise dafür beworben. Für die deutsche Abteilung des Olympia-Liedes haben wir das tatsächlich gemacht und sind auch in der Auswahl der letzten drei. Also vielleicht passiert es noch. Das beantwortet auch deine Frage, ich habe damit gar kein Problem. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass das Lied eher zufällig entstanden ist. Beim Komponieren haben wir gemerkt, das es ein leichtes Übergewicht an langsamen Stücken haben. Ich wollte einfach ein paar schnellere Lieder haben und das haben Lothar (Anmk. d. Red.: Mateuffel) und Dirk (Anmk. d. Red.: Riegner) dann auch gemacht und plötzlich war ‚Alles klar!’ da. Ich finde die Musik und das ganze Stück toll. Aber ich habe nicht gewusst was ich als Peter Heppner dazu singen soll. Das was ich mache muss ja auch für die Leute, die mich kennen, verständlich sein und es muss auch zu meiner Stimme und meiner Art zu singen passen. Ich war ein bisschen ratlos bis mir ein paar Wochen später eingefallen ist, dass man doch ein Sportlied machen könnte. Aber es war nicht so dass ich mir gedacht habe ich will unbedingt zu den zwei großen Sportereignissen 2012 ein Lied machen. Das war eine glückliche Fügung und wenn es schon so ist, dann mache ich einfach ein Lied für Wettkämpfe.

 

Du hast mit Lothar Manteuffel (RHEINGOLD, ELEKTIC MUSIC) und Dirk Riegner (ALICE 2, Milù) als Co-Komponisten auf der Platte gearbeitet. Wie habt ihr musikalisch zueinander gefunden?
Das ist eine wirklich gute Frage. Also ich bin mit beiden unabhängig voneinander schon über zehn Jahren befreundet. Wir haben es auch immer mal so hinbekommen miteinander zu arbeiten. Die beiden haben auch für meine erste Soloplatte Musik beigesteuert. Aber diesmal wollten wir aus rein privatem Interesse zusammen Musik machen und schauen was dabei rauskommt. Von der ersten Session waren wir so begeistert, dass wir ganz dringend weitermachen wollten und nach fünf Sessions waren wir dann auch fertig. Da hatten wir dann 25 bis 30 musikalische Ideen. Wir haben noch darüber nachgedacht ob wir ein Bandprojekt machen wollen oder eine Heppner Solo Platte. Hätten wir es als Band gemacht wäre es demokratischer gewesen, bei einer Heppner Platte bin ich quasi der Diktator. Hätten wir ein Bandprojekt gemacht hätte ich mich da mehr zurückgenommen. Als Band macht man das einfach gemeinsam. Aber was unter meinem Namen gemacht wird, ist letztendlich auch meine Entscheidung. Das klingt jetzt diktatorischer als es in der Praxis ist. Aber ich muss ja auch mein Gesicht und alle anderen Körperteile dafür hinhalten. Wo Heppner drauf steht, muss auch Heppner drinnen sein. Das fanden die Jungs aber nicht problematisch und dann haben wir das eben auch so gemacht. Es stellte sich für uns dann sehr schnell heraus dass wir sehr gut miteinander harmonieren und sehr ähnliche Einstellungen haben, was Musik angeht.

 

Du machst schon seit 25 Jahren Musik. Gibt es noch Künstler die dich positiv überraschen können?
Immer, das passiert täglich. Gott sei Dank! Ich finde es toll, dass sich Musik immer weiterentwickelt und dass es immer neue Sachen gibt. Ich staune, dass es nach Jahrhunderten von Musik immer noch neue Sachen geben kann. Ich bin selber sehr froh darüber, dass Leuten immer noch Dinge einfallen die überraschend sind. Ich bin auch sehr froh drüber, dass ich mich noch überraschen lasse. Als ich angefangen habe elektronische Musik zu machen, war das auch relativ neu. Uns (Anmk. d. Red.: WOLFSHEIM mit Markus Reinhardt) wurde vorgeworfen, dass es nicht stimmig ist und man damit nicht weit kommen würde. Ich habe gegen jede Menge Widerstände kämpfen müssen. Hinzu kam, dass ich immer behauptet habe ich würde Popmusik machen und auch den Anspruch hatte mit dem was ich mache, populär sein zu können und auch viele Leute damit erreichen zu können. Viele Leute haben mir prophezeit das könne nicht funktionieren, weil es Neuland für sie war. Daher bin ich immer offen für Neues, gerade wenn es sich um neue künstlerische und musikalische Entwicklungen handelt. Das finde ich ganz spannend.

 

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